Im Morgengrauen des 7. September 1303 überfiel der Kanzler des französischen Königs mit einer Handvoll Söldnern Papst Bonifatius VIII. in dessen Sommerresidenz Anagni (östlich von Rom): Der Papst wurde misshandelt und gefangengesetzt, sein Palast geplündert. Keine zwölf Monate zuvor hatte derselbe Papst in seiner berühmten Bulle »Unam sanctam« noch feierlich verkündet: »So erklären wir denn, dass alle menschliche Kreatur bei Verlust ihrer Seelen Seligkeit Untertan sein muss dem Papst in Rom, und sagen es ihr und bestimmen es« -nie zuvor hatte ein römischer Bischof in solch schroffer Form die Forderung nach päpstlicher Weltherrschaft vertreten. Das ganze christliche Abendland war zwar über das »Attentat von Anagni« entsetzt, es rührte sich jedoch keine Hand, um dem Papst beizustehen. Mit einem Schlag war die tiefe Kluft zwischen dem päpstlichen Anspruch und den tatsächlichen Machtverhältnissen offenbar geworden!
Signale für eine Krise in der Christenheit des ausgehenden Mittelalters waren schon vorher nicht zu übersehen gewesen: Die Bettelmönche des Franz von Assisi und des heiligen Dominikus setzten der zunehmenden Diesseitsorientierung der Kirche und ihrem weltlichen Reichtum ein ›alternatives‹ Leben in urchristlicher Armut entgegen. Einzelne Gruppen von Christen, wie die Waldenser und Katharer, suchten ihren Weg zum Heil außerhalb kirchlicher Lehren, sie wurden jahrelang brutal als Ketzer verfolgt (siehe unten) und endeten auf dem Scheiterhaufen. Seit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden immer häufiger die Arbeiten an den gotischen Kathedralen eingestellt, die Dome von Köln und Siena etwa - beide enorme Gemeinschaftsaufgaben für ganze Städte - blieben für mehrere hundert Jahre Baustellen: Die Ursachen dafür lagen wohl zum wenigsten in technischen Problemen!
Ketzerverfolgung
»Ungläubigkeit« war das Schlagwort, mit dem man nicht nur die Kreuzzüge gegen die Araber rechtfertigte, sondern auch die »Missionskreuzzüge« gegen die ungläubigen Pruzzen und Wenden im Elbe-Oder-Gebiet, ja sogar die Kreuzzüge gegen eigene Glaubensbrüder, die von der rechten Linie abgewichen waren. Diese Abtrünnigen gab es vor allem in Südfrankreich, in Oberitalien und im Rheinland: Katharer (die Reinen, dt.: Ketzer), auch als Waldenser (benannt nach dem Gründer Peter Valdus) und Albigenser bezeichnet (nach ihrem Bistum Albi). Diese Häresien (griech. Bezeichnung für die Auffassungen, die der offiziellen kirchlichen Lehrmeinung widersprachen: Häretiker sind Vertreter derselben) unterschieden sich im Einzelnen stark voneinander, kannten jedoch auch gemeinsame Ideale: Predigt, Askese und Gebet. Ihre Lehren fanden rasch zahlreiche Anhänger, da ja seit dem 11. Jahrhundert breite Volksschichten eine tiefgreifende Kirchenreform sehnlichst herbeiwünschten und oft nicht unterscheiden konnten, ob die angebotene Lehre nun »reformiert« oder schon »ketzerisch« sei.
Andere haben solche Zeichen der Zeit besser verstanden als der machtbesessene Bonifatius VIII.: Sein Vorgänger, ehedem ein frommer Einsiedler, fühlte sich der Verantwortung für die krisengeschüttelte Christenheit nicht gewachsen und trat bereits nach fünf Monaten von seinem päpstlichen Amt zurück, seine Nachfolger stahlen sich bei der Unsicherheit der römischen Verhältnisse aus dieser Verantwortung und verlegten 1309 ihre Residenz nach Avignon in Südfrankreich. Damit begann für die Kirche eine folgenreiche und verhängnisvolle Entwicklung: Die Päpste gerieten in die Abhängigkeit des französischen Königs - bezeichnenderweise wurden jetzt nur noch Franzosen zum Papst gewählt! Treffend sprach man bei den übrigen christlichen Nationen von der »babylonischen Gefangenschaft« der Kirche.
Gras in den Kirchen, Wölfe im Vatikan - Rom ohne Papst
Der päpstliche Hof wusste sich diese freiwillige ›Gefangenschaft‹ recht angenehm zu gestalten: Mit einem ungeheuren Kostenaufwand entfaltete er hier die glänzendste und üppigste Hofhaltung von ganz Europa. Der burgartige Papstpalast von Avignon, luxuriös und gewaltig, legt dafür noch beredtes Zeugnis ab! In scharfen Worten geißelte der italienische Dichter Petrarca diesen päpstlichen Prunk: »Hier sieht man die Nachfolger einer Schar armer Fischer, die ihren Ursprung vergessen haben. Man sagt auch: statt der Apostel sieht man jetzt Satrapen [Statthalter] auf Rossen mit Gold bedeckt, mit goldenen Gebissen und nächstens mit Hufeisen aus Gold, wenn Gott nicht diese freche Pracht demnächst demütigt.«
Inmitten des rauschenden Hoflebens blieben jedoch die Päpste selbst in ihrer persönlichen Lebensführung relativ bescheiden. Sie haben in den Jahren des Exils nie die Kontrolle über die Gesamtkirche verloren. Als Papst Gregor XI. 1377 auf das immer stürmischere Drängen der Christen hin - die Großen der Zeit hatten ihm ins Gewissen geredet, auch der deutsche Kaiser Karl IV. war vorstellig geworden - wieder nach Rom zurückkehrte, begegnete ihm in der Ewigen Stadt das Chaos: In den Kirchen wuchs Gras, in den Gärten des Vatikans, wo er von jetzt an seinen Sitz nahm, heulten die Wölfe. Was die zeitgenössischen Berichte über den Zustand der Kirchen von Rom aussagen, kann sicher - im übertragenen Sinn - auch vom Zustand der ganzen römischen Kirche angenommen werden!
Das Verhängnis des Exils jedoch wirkte weiter: Als 1378 in Rom ein neuer Papst gewählt worden war, erklärten die französischen Kardinäle unter dem Einfluss des Königs die Wahl für ungültig und bestimmten ihrerseits in Avignon einen Gegenpapst: An die siebzigjährige »babylonische Gefangenschaft« der Kirche schloss sich jetzt nahtlos das vierzigjährige große abendländische Schisma (griech., Glaubensspaltung) an. Zwei »oberste Hirten« - später wurde aus der »verruchten Zweiheit« gar eine »verfluchte Dreiheit« - standen nun an der Spitze der Christenheit, unterstützten die einander befehdenden Höfe Europas und bekämpften sich und die gegnerischen Anhänger mit aller Erbitterung: So waren schließlich alle Christen gebannt, die ›Frontlinie‹ verlief mitten durch fromme Klostergemeinschaften, niemand mehr vermochte Papst und Gegenpapst zu unterscheiden, die Verwirrung der Geister war vollständig. Erst das Konzil von Konstanz machte dem größten Ärgernis der Christenheit 1417 ein Ende. Verderbliche Übel aus dieser Zeit aber wucherten weiter.
Kirche und Kapitalismus - Päpstliche Finanzpolitik im Spätmittelalter
Seit dem Exil von Avignon hatte das Geld gefährliche Macht in der Kirche gewonnen. Mit den herkömmlichen päpstlichen Einnahmen konnte der Prunk der Hofhaltung nicht bestritten werden - die Geldnot machte erfinderisch: Der Papst nahm jetzt die Besetzung der hohen geistlichen Ämter in seine Hand und ließ sich seine Gunst großzügig honorieren. Von 287 deutschen Bischöfen und Erzbischöfen, die zwischen 1305 und 1368 ihr Amt antraten, waren nur noch 50 von den Domkapiteln gewählt, wie dies das Wormser Konkordat von 1122 eigentlich vorgeschrieben hatte. Bischöfe und Äbte hatten als Bestätigungsgebühr ein Drittel ihrer Einkünfte an den Papst zu entrichten, die »Ernennungssteuer« der Domherren, Professoren und Pfarrer betrug gar ein ganzes Jahreseinkommen - zahlen mussten letztlich doch die Gläubigen! Außenstände wurden oft mit rigorosen Methoden eingetrieben, Zahlungsunwillige wurden ihrer Ämter enthoben und gebannt, 1328 waren das immerhin fünf Erzbischöfe, 30 Bischöfe und 26 Äbte!
Bei der Verwaltung der eingehenden Gelder entwickelte die apostolische ›Kammer‹ eine Perfektion, die sie zum Vorbild des Finanzwesens in den neuzeitlichen Staaten machte. In kurzer Zeit stieg der päpstliche Hof zur ersten Geldmacht Europas auf. Man könne den päpstlichen Palast nicht betreten, berichtet ein Zeitgenosse, »ohne dort Geistliche zu finden, welche die vor ihnen aufgehäuften Münzen zählten«. Hier gaben sich die »Pfründenjäger« ein Stelldichein, hier blühten auch Korruption und Erpressung. Schließlich wurden schon Anwartschaften auf geistliche Stellen verkauft, und man scheute sich dabei nicht, das gleiche Amt gelegentlich zwei oder mehr Kandidaten in Aussicht zu stellen. Den Zuschlag erhielt wohl nur in selteneren Fällen der Würdigste!
Besonders in Deutschland war es üblich geworden, sich in die höheren geistlichen Ämter »einzukaufen«, waren sie doch - als sogenannte Pfründen - in der Regel mit recht ansehnlichen Einkünften verbunden. Der Adel betrachtete die Kirche geradezu als Versorgungsanstalt für seine nachgeborenen Kinder: Nicht zu verheiratende Töchter wurden in standesgemäßen Klöstern oder Damenstiften untergebracht, die Söhne oft schon im zarten Kindesalter auf eine Pfründe gesetzt, »Gottesjunker« nannte der Volksmund boshaft solche Prälaten. Nicht selten zogen sie aus zwei oder mehr Ämtern gleichzeitig Gewinne. Ihre eigentlichen geistlichen Pflichten nahm derweil ersatzweise ein meist schlecht entlohnter und ausgebildeter Kleriker wahr. Diether von Isenburg, Erzbischof von Mainz, hat in seinem Leben nur eine einzige Messe gehalten - bei seiner Bischofsweihe! Es gab sogar Domherren, die nie ihre Stiftskirchen von innen gesehen hatten.
Übertriebene Erwartungen durften an die Dienstauffassung solcher Geistlicher, denen die »Berufung« gleichsam schon in die Wiege gelegt wurde, nicht gestellt werden: Sie lebten eben das Leben ihrer adeligen Standesgenossen! Zu Recht entrüstet sich der Humanist Johannes Butzbach (1478 in Miltenberg/Main geboren): »Sie errichten prächtige Residenzen, wo sie sich inmitten prunkvoller Gelage Orgien hingeben. Die Güter der frommen Stifter verschwenden sie für Bäder, Pferde, Hunde und gezähmte Jagdfalken.« Gleichwohl darf bei all dem nicht übersehen werden: Aus dieser Schicht wuchsen der Kirche auch jene Männer zu, die aus geistlicher Verantwortung heraus ihre Geschicke in schwieriger Zeit lenkten.
Papst Innonzenz III. versuchte es zuerst mit Belehrungen, dann mit Gewalt. Selbst das Eingreifen des französischen Königs Ludwig VIII. brachte insgesamt kein Ende dieser gefährlichen Bedrohung für die katholische Kirche. Da mit Heeren den Häretikern nicht beizukommen war, begannen vor allem die Bettelorden (Dominikaner- und Franziskanermönche - siehe unten) durch eine Neubelebung des Glaubens erfolgreich den Ketzern ihre Anhänger zu entziehen. Besonders hart griff in Deutschland der Inquisitor Konrad von Marburg gegen die Ketzer durch.
Die Bettelorden
Als »Bettelorden« werden die im hohen Mittelalter entstandenen Ordensgemeinschaften der Franziskaner und Dominikaner bezeichnet. Das Charakteristische dieser Neugründungen bestand darin, dass sie das bisher nur für den einzelnen Mönch geltende Gebot der völligen Armut auf das ganze Kloster ausdehnten, sein Unterhalt musste nun tatsächlich durch Betteln bestritten werden.
Bettelorden findet man nicht zuletzt deshalb vor allem in Städten.
Franziskaner
Die Entstehung des Ordens geht auf den Kaufmannssohn Franziskus Bernardone (1182-1226) aus Assisi zurück, der nach ausschweifender Jugendzeit ein Leben in frommer Weltentsagung führte. Die Franziskaner - auch »Barfüßer« genannt, weil sie ohne Schuhe umhergingen - sahen ihre besondere Aufgabe in der seelsorgerischen Betreuung der niederen städtischen Bevölkerungsschichten vor allem durch die volkstümliche Predigt. Um diese Schichten direkt zu erreichen, legten sie ihre einfachen Klöster vorzugsweise in den Armenvierteln am Rande der Städte an. Noch zu Lebzeiten des Franziskus entstanden erste Niederlassungen auch in Deutschland. In der Auseinandersetzung um das Armutsideal kam es zu verschiedenen Abspaltungen (»schwarze«, »braune« Franziskaner, Kapuziner), später wurde ein Zweig für Laien, der »Dritte Orden«, angegliedert.
Dominikaner
Der Orden wurde 1216 von dem spanischen Adeligen Dominikus (1170-1221) mit der Zielsetzung gegründet, die von der Kirche abgefallenen Häretiker zurückzugewinnen und die verwirrten Christen durch Predigtunterweisung vor dem Abfall zu bewahren. Neben den Franziskanern waren die »Predigerbrüder« die großen Volksseelsorger des Mittelalters. Von seiner Zielsetzung her legte der Orden großes Gewicht auf eine fundierte theologische Ausbildung seiner Mitglieder, aus seinen Reihen sind die größten Gelehrten des Mittelalters hervorgegangen (Albertus Magnus, Thomas von Aquin). Später wurden dem Orden die Inquisitionsverfahren gegen die Ketzer übertragen, einzelnen Mitgliedern kann der Vorwurf des Fanatismus nicht erspart bleiben.
Die niedere Geistlichkeit
Von der Versuchung zum Müßiggang wurden die Angehörigen der »niederen« Geistlichkeit wohl kaum angefochten: Dazu waren ihre Pfründen zu kärglich bemessen - und die Zahl der Anwärter darauf war viel zu hoch. Im 14. und 15. Jahrhundert drängten die Menschen fast massenhaft in die geistlichen Berufe, in einzelnen Städten wie etwa in Worms gehörte praktisch jeder zehnte Bürger dem Welt- oder Ordensklerus an. Die Anzahl der verfügbaren Pfarrstellen stand dazu in keinem Verhältnis, ihre finanzielle Ausstattung lag überdies nicht selten an der Grenze des Existenzminimums - überzogene Geldforderungen für die kirchlichen Dienste (wie Taufe, Letzte Ölung, Bestattung oder Seelmessen) waren die zwangsläufige Folge: leicht konnte so beim geschröpften Volk der Vorwurf der »Käuflichkeit der Sakramente« entstehen. Viele Hilfsgeistliche und Vikare mussten sich mit einem dürftigen Messstipendium durchschlagen - in St. Marien zu Lübeck zählte man allein 70 solcher »Messpriester«, an den größeren Domen sollen es Hunderte gewesen sein. Um ihren Unterhalt zu fristen, betätigten sich manche als Weinhändler und Schuster oder verdingten sich bei Bauern, einzelne versetzten sogar wertvolle Altargeräte, ein geistliches Proletariat bildete sich!
Unter solchen Umständen musste die berufliche Qualifikation dieser Geistlichen notwendig fragwürdig bleiben. Die wenigsten hatten eine solide theologische Ausbildung erhalten, sie konnten zwar die Messe ›lesen‹, verstanden haben sie die lateinischen Texte wohl kaum. In einem Hirtenbrief beklagt sich der Mainzer Erzbischof Uriel von Gemmingen, dass sehr viele Priester seiner Diözese »ungelehrt und unwissend erfunden [...], ja völlig untauglich sind, die Sakramente zu verwalten und das Wort Gottes zu lehren.« Deftiger drückte sich Sebastian Brant in seinem »Narrenschiff« aus: »Drum gibt es jetzt viel junge Pfaffen, die so viel können wie die Affen, und Seelsorg sieht man treiben die, denen man vertraute kaum ein Vieh.«
Auch mit dem »ehrbaren Wandel« der Geistlichen war es offenkundig nicht zum besten bestellt. In bischöflichen Verordnungen wurde immer wieder gegen die verbreitete Trunksucht, gegen Rauflust und Spielleidenschaft zu Felde gezogen. »Sie liegen Tag und Nacht in den öffentlichen Wirtshäusern, trinken mit den Laien, werden voll und ungeschickt, dass sie dadurch Aufruhr mit Schlagen und Raufen veranlassen«, heißt es in einer Beschwerdeschrift der baierischen Herzöge an den Erzbischof von Salzburg. Die meisten Prozesse, die vor den geistlichen Gerichten anhängig waren, hatten Verstöße gegen die priesterliche Ehelosigkeit zum Inhalt. Es war eingerissen, dass Pfarrer mit ihren Köchinnen zusammenlebten, bisweilen genierte man sich nicht einmal, solche Frauen - »Seelenkühe« wurden sie hämisch genannt - zu Kapitelsitzungen mitzubringen. Der Zölibat unterscheide sich von der Ehe dadurch, behauptete der Volkswitz, dass der Laie ein Weib habe, der Geistliche aber zehn!
Klosterleben zwischen Ausschweifung und Askese
Auch die Zuchtlosigkeit in den einzelnen Klöstern war geradezu sprichwörtlich geworden - bei den oft wenig geistlichen Motiven, die Männer und Frauen zuhauf in den Ordensstand trieben, durfte das nicht verwundern. Als ein päpstlicher Beauftragter ein besonders berüchtigtes fränkisches Frauenkloster überprüfen sollte, fand er fast alle Nonnen in anderen Umständen. Viele klösterliche Gemeinschaften hatten sich von den mönchischen Idealen des heiligen Benedikt und des heiligen Franziskus meilenweit entfernt. Trieben die einen in Ausstattung und Lebensführung einen ärgernieserregenden Aufwand, so genossen andere die allgemeine Mildtätigkeit, der äußerlich heruntergekommene, umherschweifende Bettelbruder wurde nachgerade zum Inbegriff der Faulheit. Überdies lieferten sich Weltpriester und Ordensklerus oft eine unwürdige ›geistliche‹ Konkurrenz - letztlich um die Einkünfte!
Wenngleich der »Pfaffe« und der »gefräßige Mönch« die verbreitetsten Spottfiguren der zeitgenössischen Literatur waren, dürfen ihre Unarten doch nicht überschätzt werden. Aufsehen erregten immer die Verfehlungen, der Durchschnitt der Geistlichen aber war durchaus achtbar. Selbst ein so unerbittlicher Kritiker kirchlicher Zustände wie der Humanist Jakob Wimpfeling räumte ein, dass er unter den Priestern zahlreiche vorbildliche Vertreter ihres Standes kenne. Die vielgeschmähten Klöster blieben auch in dieser unruhigen Zeit die eigentlichen Zentren des geistlichen Lebens, den aufrichtig religiösen Menschen boten sie gerade jetzt Wegweisung, Zuflucht und Heimat. Die spätmittelalterliche Gesellschaft ist ohne die selbstlosen sozialen Dienste dieser Klöster, ohne ihre Armenfürsorge und ihre Krankenpflege, schlechterdings gar nicht denkbar!
Wie schon so oft in der Geschichte der Kirche mobilisierte der deutlich sichtbare Niedergang auch wieder Kräfte und Impulse der Erneuerung und Reform: Eine Reihe von klösterlichen Genossenschaften, Benediktiner- oder Augustinermönche etwa, bekannte sich wieder zu einem Leben der Askese nach den alten Regeln ihrer Ordensgründer. Viele fromme Priester und Laien schlossen sich zu »Brüdern vom gemeinsamen Leben« zusammen, sie verzichteten freiwillig auf Pfründen, durch tätige Nächstenliebe und geistliche Betrachtung strebten sie die »Nachfolge Christi« mitten in der Welt an, wie dies das weitverbreitete Büchlein des Thomas von Kempen verlangte. Mitte des 15. Jahrhunderts bereiste Nikolaus von Kues (Nicolaus Cusanus), der zum Kardinal aufgestiegene Sohn eines einfachen Winzers aus Kues an der Mosel, im Auftrag des Papstes weite Teile Deutschlands, um wieder mehr Disziplin und Regelmäßigkeit in die kirchlichen Verhältnisse zu bringen, dauerhafter Erfolg blieb seinen Bemühungen jedoch versagt - nicht zuletzt wegen des massiven Widerstands vonseiten der Nutznießer dieser Zustände. An der Notwendigkeit einer Erneuerung zweifelte niemand - die griffige Formel von der »Reform an Haupt und Gliedern« war in aller Munde, letztlich aber fehlten Mut und Bereitschaft, auch die Konsequenzen zu ziehen.
Unterwerfung, Kritik und Spott
Der »gemeine Christ« hat auf seine Weise an den Missständen in der deutschen Kirche Anstoß genommen - vom bissigen Pfaffenwitz bis zur Revolte gegen drückende Klosterherrschaft. Nie indes richtete sich dieser Protest gegen die Kirche als solche, gegen den Priester oder den Papst: Der Mensch im Spätmittelalter entzog sich von Fall zu Fall den hierarchischen Institutionen und Autoritäten, stellte diese aber nur vereinzelt infrage. Vielmehr entwickelten sich gerade inmitten der Erscheinungen kirchlichen Niedergangs im Volke Ausdrucksformen einer tiefen Frömmigkeit, die in ihrer Vielfalt, in ihren Eigenarten, aber auch in ihren Übersteigerungen geradezu zu einem Merkmal der Zeit geworden sind.
Immer noch war der Glaube das Wesentlichste für den Menschen, seine kleine Welt war durch und durch christlich: Die Kirche begleitete alle Stationen seines Lebensweges, die Glocken bestimmten seinen Tagesablauf. Die Feste der Kirche waren zugleich die ausgelassenen Feste des Volkes - gegen Ende des Mittelalters verging kaum eine Woche ohne Feiertag! Die kirchliche Frömmigkeit griff dabei über den Raum des Gotteshauses hinaus: Auf Bittgängen und Prozessionen mit farbenprächtigem Zeremoniell erflehten die Gläubigen Gottes Segen für die Felder und Hütten, für Märkte und Patrizierhäuser. Hier in der freien Natur wurden die ersten Kirchenlieder in deutscher Sprache gesungen, die in der lateinischen Liturgie der Messe noch keinen Platz hatten.
Eindrucksvoll werden die religiösen Vorstellungen auch in den geistlichen Spielen dokumentiert, die sich - wie die weihnachtlichen Krippenspiele und die Dreikönigsumzüge in Süddeutschland - bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Die Darstellung des Passionsgeschehens auf dem Marktplatz gehörte in einzelnen Städten zu den Höhepunkten des bürgerlichen Lebens, die »Frankfurter Passion« etwa dauerte vier Tage und hatte über 250 Mitwirkende! Diese breit angelegten und aufwendig ausgestatteten Spiele, die mehr und mehr in deutscher Sprache aufgeführt wurden, entsprachen so recht dem Schaubedürfnis der damaligen Menschen: Sie zogen Tausende von Zuschauern an und boten der stolzen Bürgergemeinde mit ihren engagierten Zünften zugleich eine vorzügliche Möglichkeit der Selbstdarstellung, nebenbei wusste man auch die Einkünfte aus solchen geistlichen Spielen sehr zu schätzen.
Bei allem Hang zur Selbstdarstellung war diese Volksfrömmigkeit gleichwohl nicht ›gespielt‹: sie war Ausdruck eines ungebrochenen, spontanen Glaubens, der vom theologischen Gelehrtengezänk nicht berührt wurde. Das einfache Volk wurde vornehmlich in der Predigt religiös unterwiesen. Die wortgewaltigen Predigergestalten dieser Jahrhunderte - von Berthold von Regensburg bis Johann Geiler von Kaisersberg - hatten massenhaften Zulauf: Mit ihren Beispielgeschichten und ihren bildhaft-eingängigen Darstellungen prägten sie die Vorstellungen der Menschen von Gott und vom Jenseits.
Der Himmel als Ziel aller Sehnsucht unterschied sich danach nicht wesentlich von der irdischen Wirklichkeit - nur war hier alles unendlich viel schöner, im Himmel pflegte der selige Christ vertrauten Umgang mit Gott, mit den Engeln und Heiligen. Die Hölle als Ort der Verdammten dagegen wurde in der Fantasie zu einem wahren Inferno des Grauens und Schreckens ausgemalt, hier musste auch die erlöste Seele noch ihre »Schuld aus Erdentagen« abbüßen.
Bußen, Ablasskauf und Beten: Steiniger Weg in den Himmel
Eingespannt zwischen Jenseitshoffnung und Höllenangst, beschäftigte sich der bangende Christ mit der »Kunst des Sterbens« (lat.: »ars moriendi«) - so der Titel einer weitverbreiteten Erbauungsschrift, mit guten Werken wollte er sich den Weg zum Himmel ebnen: Vorsorge für die Ewigkeit wurde zum treibenden Motiv des religiösen Lebens.
Die Kirche förderte solche Einstellungen ganz bewusst. Durch fromme Übungen und Almosenspenden konnte der Gläubige Zuwendungen aus dem kirchlichen »Gnadenschatz« erwerben, um die Dauer des »Reinigungsprozesses« nach seinem Tode abzukürzen, konnte er einen »Ablass« gewinnen. Der Ablass war eines der bedeutsamsten Phänomene spätmittelalterlicher Frömmigkeit - vielfach missbraucht und missverstanden, wurde er zu ihrem größten Ärgernis. Die versprochenen Nachlässe der Sündenstrafen gegen bestimmte Leistungen in Geld- oder Gebetsform erreichten schon bald astronomische Dimensionen: In Wittenberg etwa brachte das Vorzeigen bestimmter Reliquien einen Ablass von zusammengerechnet zwei Millionen Jahren ein! Seines eigentlichen religiösen Sinnes entkleidet, wurde der Ablass in den Händen geistlicher und weltlicher Herren zu einem Werkzeug skrupelloser Beutelschneiderei.
Wohl in den meisten Fällen jedoch flossen die Erträge aus den Ablässen segensreichen Zwecken zu: Mit ihrer Hilfe wurden Kirchen gebaut und gemeinnützige Werke - Spitäler für Kranke und Alte oder Deichanlagen an der Küste - finanziert. Zu keiner Zeit wurde um des Seelenheils willen so viel gespendet und gestiftet: Kapellen und Altäre, Messen und Pfründen, Gaben für die Armen und Kranken. Auf weltliche Ehre verzichtete dabei die Großherzigkeit durchaus nicht: Die Schenkungen wurden mit dem Familienwappen geschmückt, und häufig schlüpfte der fromme Stifter auf dem Altarbild in das Gewand eines Heiligen. Waren die teuren Stiftungen zunächst nur den Adeligen und reichen Patriziern finanziell möglich, so schufen sich die kleinen Bürger in den »Bruderschaften« eine Einrichtung, die auch ihren religiösen Werken zu mehr Ansehnlichkeit verhalf: Die gemeinsam erbrachten Spenden und die gemeinschaftlich geleisteten frommen Übungen konnten sich zusammengenommen jetzt durchaus sehen lassen, und sie kamen allen Mitgliedern gleichermaßen zugute. Die Bruderschaften bildeten praktisch geistliche Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit. Dabei waren die religiösen Anforderungen hoch: So verlangte die Kölner »Bruderschaft der 11 000 Jungfrauen« schon als Aufnahmebedingung das Beten von 11 000 Vaterunsern! Die Bruderschaften verbreiteten sich in vielfältigen Formen über ganz Deutschland, allein in Hamburg zählte man über 100. Bedeutsam wurden auch ihre karitativen Leistungen für die spätmittelalterliche Gesellschaft. Neben den gottesdienstlichen Feiern pflegten die »Brüder« in ihren Häusern - oft in enger Beziehung zu bestimmten Zünften - die familiäre Geselligkeit: hier finden sich frühe Ansätze des deutschen Vereinswesens! Einzelne Bruderschaften haben sich bis in die Gegenwart erhalten.
Reliquienkult, Vierzehn Nothelfer und andere Heilige
Nachhaltig wurde durch die Bruderschaften der ausgeprägte Heiligenkult des Spätmittelalters gefördert. Vor allen anderen Heiligen galt dabei die kindlich-überschwengliche Verehrung Maria, der Gottesmutter und Himmelskönigin. In den mannigfachsten Andachtsformen, im »Rosenkranz« vor allem, wurde der Beistand der »mächtigsten Fürsprecherin« angerufen, in den Wirren der Zeit suchten die Menschen Zuflucht unter ihrem »Schutzmantel«. Unzählige Kirchen - besonders in den neuen Siedlungsgebieten des Ostens - wurden »unserer lieben Fraue« geweiht. Gläubige Fantasie erfreute sich an den idyllischen Legenden des »Marienlebens«, in der Darstellung der Madonna erreichte die spätmittelalterliche Kunst ihre Vollendung. Die Marienverehrung wurde zum Höhepunkt der Volksfrömmigkeit schlechthin und war dort so verwurzelt, dass man sie von offizieller Seite aus in den Propagandafeldzügen der Gegenreformation sehr gut als ein Mittel zur Massenbegeisterung einsetzen konnte.
In der Zuwendung zu einem bestimmten Heiligen drückte sich der neue persönlich-individuelle Zug in der Religiosität des Gläubigen aus: Mit diesem Heiligen konnte er menschlich sprechen, von ihm fühlte er sich in seinen Anliegen verstanden und beschützt. Jede Zeit entwickelte dabei ihre Vorlieben: Besonderer Verehrung erfreute sich die heilige Anna, die Mutter Mariens, noch Luther bezeichnete sie als seinen »Abgott«! Die Wände vieler Kirchen und Häuser wurden mit dem Bildnis des Christophorus geschmückt: Nach gläubiger Meinung bewahrte sein Anblick vor einem jähen Tod. Noch heute gilt er deshalb als Schutzheiliger der Autofahrer. In den alltäglichen Nöten des Leibes und der Seele wurden vom frommen Volk gerne die Vierzehn Nothelfer angerufen. Länder und Städte, Bruderschaften und Zünfte wählten Heilige zu ihren besonderen Schutzpatronen, in derber Symbolik entschieden sich so die Metzger für den heiligen Bartholomäus, dem im Martyrium die Haut abgezogen worden war.
Im Kult der Reliquien wurde die Grenze zum Aberglauben, zur Abweichung vom offiziellen Glauben, im späten Mittelalter sicher häufig überschritten. Die Verehrung der leiblichen Überreste von Heiligen sollte von alters her die Erinnerung an ihre Tugenden und ihr christliches Leben wachhalten, jetzt begann sie allmählich ihren ursprünglichen Charakter zu verlieren: es wurden ihr magische Kräfte zugeschrieben. Die Reliquienkammern glichen - besonders wenn man sie mit den Augen der aufgeklärten Neuzeit betrachtet - häufig Kuriositätenkabinetten, neben echten Reliquien fanden sich dort: Manna aus der Wüste, Stroh von der Weihnachtskrippe, die Nähausrüstung der Gottesmutter, Ruß aus dem Ofen der biblischen drei Jünglinge oder -gerne zitiert - Milch der Mutter Maria. Das Sammeln von Reliquien wurde zur Leidenschaft: Luthers Landesherr Friedrich III. von Sachsen hatte innerhalb weniger Jahre 20 000 »Stücke« zusammengerafft!
Der fromme Reliquienkult war außerdem die Triebfeder für die größten Wallfahrten in Deutschland: die Aachener Heiltumsfahrt, die Verehrung des Heiligen Rockes in Trier und des Dreikönigsschreins in Köln, bis zu 80 000 Menschen kamen an einzelnen Tagen in diese Orte. In der gerade im Spätmittelalter weitverbreiteten Andachtsform der Wallfahrt verbanden sich uralte Wanderlust, Pilgertradition und religiöse Sinngebung: Der Wallfahrer erflehte Beistand in schwierigen Anliegen, bei Krankheit und Kinderlosigkeit beispielsweise, oder er stattete seinen Dank ab für Hilfe und Trost, an den Gnadenstätten häuften sich die Votivgaben: schwere Kerzen und bemalte Tafeln für die Erhörung der Gebete, Krücken oder Gliedmaßen aus Wachs als Zeichen für wunderbare Heilungen. Die großen Wallfahrten ins Heilige Land oder nach Rom blieben vornehmlich das Privileg der Begüterten, bei den Nürnberger Patriziern galt es als verpflichtende Tradition, in Jerusalem »Ritter vom heiligen Grab« zu werden. Geistliches und Weltliches waren bei der Wallfahrt nicht zu trennen, auch die ganz irdischen Vergnügungen wurden nicht ausgespart - die Gaukler, Händler und Schankwirte machten in ihren Buden allemal gute Geschäfte.
Am Ende des späten Mittelalters, in den Zeiten der entsetzlichen Pestgeißel, politischer und sozialer Unsicherheit und Intoleranz, zeigte die Frömmigkeit des Volkes immer stärker hysterische Züge, an die Stelle echten Glaubens trat vielfach überreizte Wundersucht. Einen Höhepunkt erreichten die religiöse Verwirrung und Schwarmgeisterei beim Auftreten des Pfeifers von Niklashausen. Im Jahre 1476 gab sich der Dorfmusikant und Gemeindehirt Hans Böhm als Beauftragter der Gottesmutter aus: Er hielt fromme Marienandachten, er predigte Buße und verkündete Ablässe, er kritisierte den Papst und die Verkommenheit und Gewinnsucht der Pfarrer, er bezeichnete den Kaiser als Bösewicht und forderte gerechte Verteilung des Besitzes. Hier gab einer beredt dem Ausdruck, was vielen nicht passte. Das Volk strömte deshalb in Massen nach Niklashausen im Taubertal und war so fasziniert, dass es dem Pfeiferhans auch bald Totenerweckungen und Krankenheilungen zuschrieb. Schließlich griff der Bischof von Würzburg ein: Er ließ das Pfeiferhänsle verhaften und als Ketzer verbrennen, die Asche wurde in den Main gestreut - der Volksbewegung jedoch wurde er nicht mehr Herr: Im »Wetterleuchten von Niklashausen« kündigte sich das nahende Gewitter der Bauernkriege und der Reformation an.
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