Die deutsche Literatur dieser Zeit genau auf das Jahrhundert der Salierkaiser, also auf die Jahre zwischen 1024 bis 1125 einzugrenzen, wäre unangemessen. Einmal setzt eine nennenswerte literarische Überlieferung nach der stark lateinisch orientierten ottonischen Zeit erst etwa 1060 ein, zum anderen lassen sich die folgenden hundert Jahre recht leicht zu einer inneren Einheit zusammenfassen: steht doch das meiste, was in diesem Zeitraum geschrieben wurde, stark unter dem Eindruck der Reformbestrebungen innerhalb der Kirche, die mit dem Schlagwort »cluniazensisch« grob umrissen sind. Diese Bewegung erfasst auch breite Teile der Bevölkerung und stellt asketische Weltabsage und absoluten Gehorsam in den Mittelpunkt mönchischen, aber auch allgemein christlichen Lebens, die Kirche wird dabei als eine unabhängige, weltlichen Herrschern übergeordnete Macht verstanden, von der die Masse der Bevölkerung innere Reform und den klaren Verzicht auf irdische Güter erwartet.
Als diese Reformbewegung über das Kloster Hirsau um 1070 in Deutschland wirksam wird, wendet sie sich vor allem an die Laien, bedient sich dazu der Volkssprache und steht damit im Gegensatz zur lateinischen Literaturproduktion der Ottonenzeit, die von und für Gebildete geschrieben war. Diese Volkssprache hat sich gegenüber dem Althochdeutschen des 8./9. Jahrhunderts inzwischen deutlich weiterentwickelt. Die ersten Zeugnisse dafür haben wir ebenfalls aus der Zeit um 1060. Und diese als frühmittelhochdeutsch bezeichnete Periode umfasst nun gleichfalls den Zeitraum bis etwa 1160/70.
Geistliche Literatur vor der cluniazensischen Reform
Etwa 1063 entsteht in ostfränkischer Mundart das »Ezzolied«, das älteste Denkmal der frühmittelhochdeutschen Literatur und das erste Gedicht in deutscher Sprache seit der Mitte des 10. Jahrhunderts. Als Verfasser nennt sich ein Bamberger Domherr namens Ezzo. Wohl als Festgedicht, vielleicht auch in Zusammenhang mit der Einführung einer strengeren Klosterregel geschrieben, fand es auf einem Pilgerzug nach Jerusalem 1064/65, an dem auch ein Scholastiker Ezzo teilnahm, rasch Verbreitung. »Lied von den Wundern Christi« lautet sein genauer Titel, es schildert in knappem Chronikstil die Heilsgeschichte von der Erschaffung des Menschen über den Sündenfall bis zu Leben und Tod Christi. Schon in der älteren Fassung dieses Preislieds steht Christus im Mittelpunkt. Er hat teil an den Anfängen der Welt wie auch an der Erlösung der Kinder Adams. Eine zweite, jüngere Handschrift stellt die Rolle Jesu im Erlösungsplan Gottes noch mehr heraus: durch ihn ist der Mensch gerettet. Aus dieser Sicherheit lebt das »Ezzolied«, noch ganz frei vom cluniazensischen Geist.
Etwa der gleichen Zeit entstammt die österreichische sogenannte »Wiener Genesis«, ein Epos von über 3000 Reimpaaren. Sie erzählt das Buch Mose nach, setzt jedoch eigene Schwerpunkte in der Ausgestaltung, immer wieder schiebt der geistliche Verfasser auch moralische Belehrungen ein. Dennoch ist die »Wiener Genesis« keine trockene Erbauungsschrift, sondern anschauliche Dichtung. Ausführlichkeit, erbauliche Einschübe zur Läuterung und Stärkung der Seele und der recht schmucklose Stil lassen vermuten, dass der Autor für ein weniger ›bibelfestes‹ Publikum geschrieben hat als etwa Ezzo. Auch hier noch wenig Einfluss der cluniazensischen Bewegung: der Erde mit ihren Schönheiten wird - fern von strenger Askese - der ihr gebührende Platz eingeräumt.
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