Diese geistliche Literatur beherrscht die ganze erste Hälfte des 12. Jahrhunderts und erreicht zahlenmäßig einen Höhepunkt um die Jahrhundertmitte. Dieser Zeitpunkt markiert zugleich den Wendepunkt: etwa ab 1140/50 werden Veränderungen erkennbar. In der gesellschaftlichen Wirklichkeit tritt der Stand des Geistlichen als Kulturträger allmählich zurück und beginnt dem Laienstand der gebildeten Ritter Platz zu machen. Eine neue, mehr weltliche Lebensauffassung wird andeutungsweise in den Dichtungen dieser Übergangsphase sichtbar. Die Haltung der strengen Askese und Weltabkehr muss sich mit den neuen Kräften auseinandersetzen.
Literarische Auswirkungen zeigen sich schon in der »Kaiserchronik«, einem gewaltigen epischen Werk wahrscheinlich mehrerer Regensburger Autoren, das vermutlich - dies ist in dieser Zeit noch eine Besonderheit - einen Laien als Auftraggeber hat. Es enthält in über 17000 Reimpaar-Versen eine Chronik der römischen und deutschen Kaiser von Caesar bis zu Konrad III. Kurz nach 1147 wurde es wohl unvollendet abgeschlossen. Wie das »Annolied« stellt auch die »Kaiserchronik« die Weltgeschichte ›zweisträngig‹ dar: Entsprechend dem cluniazensischen Geschichtsbild wird die heilsgeschichtliche Linie mit der weltlichen Geschichte verschlungen. In den Kaiserbiografien und der parallel geschalteten Papstreihe erhält das Ineinander der beiden Welten sichtbare Gestalt. Die »Kaiserchronik« verfolgt die weltliche Geschichte zurück bis in die Römerzeit und sortiert die Kaiser gewissenhaft in vorbildliche und verwerfliche. Entscheidender Maßstab ist ihr Verhältnis zum Christentum. Natürlich geht es dabei nicht ohne Beugung der historischen Wahrheit ab: Es kam dem Chronisten eben nur auf die Wiedergabe der höheren Wahrheit in der Bewertung der Ereignisse an. Oft verdecken Legenden, Anekdoten und sagenhafte Erzählungen völlig den historischen Kern. Der lehrhafte Charakter dominiert, die »Kaiserchronik« will mahnende Beispiele vorführen. Doch wird den Novellen und Legenden auch ein gewisser Unterhaltungswert zugekommen sein - ein Hinweis auf den veränderten Geschmack des adeligen Laienpublikums. Schließlich treffen wir in dieser ersten weltlichen Dichtung seit dem »Hildebrandslied« auch Züge, die auf die allmähliche Entwicklung einer mehr diesseitigen Kultur hinweisen: Die Menschen im Gefolge der Kaiser erhalten das Prädikat »hövesch« (mhd.: höfisch fein und gebildet), und die Macht der Minne über sie wird dargestellt.
Etwa zur gleichen Zeit schreibt im Moselfränkischen der Pfaffe Lamprecht sein »Alexanderlied«, eine Darstellung von Leben und Tod Alexanders des Großen. Die Größe, aber auch das jähe Ende dieses Mannes hatten schon in einigen anderen Alexanderromanen reiche Ausschmückung erfahren. Auch der Pfaffe Lamprecht sieht seinen Helden in der Spannung zwischen irdischem Ruhm und Vergänglichkeit, er folgt damit einem französischen Vorbild, das er ziemlich genau ins Deutsche überträgt. Zwar bewertet er seinen Helden »cluniazensisch«: sein Hochmut macht ihn zum typischen Vertreter dieser veralteten Welt. Andererseits bleibt er doch ein Held, dessen Leistungen Bewunderung abnötigen. Eine spürbare Achtung vor dem ›Anderssein‹ des heidnischen Menschen ist zu erkennen, und diese Haltung verträgt sich nicht mehr mit dem cluniazensischen Radikalismus. Sie weist auf die kommende Umwertung voraus.
Auch das rheinische »Epos von König Rother« (um 1150) trägt Züge des Übergangs. Der zugrunde liegende geschichtliche Stoff, die Werbung des Königs Roger von Sizilien um eine byzantinische Prinzessin, ist weniger auf Belehrung und Erbauung zugeschnitten, sondern hat mehr unterhaltenden Charakter. Zwar erhält Rother vom geistlichen Verfasser einen Platz in der karolingischen Dynastie und damit in der christlichen Heilsgeschichte, doch ist diese Herrschergestalt zugleich durch eine fast schon höfische Haltung gekennzeichnet, und in der ritterlichen Gesellschaft erscheint bereits die Liebe zwischen Mann und ›hoher‹, d. h. adeliger Frau als Motiv. So kündigt sich auch hier die weltfrohe Lebensauffassung der Stauferzeit unüberhörbar an.
Doch noch einmal findet in diesen letzten Jahrzehnten unseres Zeitraums, wo das Diesseits wieder positiver gesehen wird, der Gedanke der Weltabsage starken Ausdruck: im »Memento mori« (1160) des Österreichers Heinrich von Melk. Der Laienbruder aus dem Ritterstand versucht, die Menschen durch den Gedanken an den Tod aufzurütteln. Hatte Noker in seinem gleichnamigen Gedicht rund 100 Jahre vorher Gott und Welt noch als zwei einander ausschließende Gegensätze dargestellt, so nimmt Heinrich immerhin die Welt in ihren schillernden Erscheinungen zur Kenntnis. Er prangert sie zwar scharf an, doch er stellt sie anschaulich dar und macht damit ihre Bedeutung für seine Zeitgenossen sichtbar. Sein »Gedenke des Todes!« ist zugleich eine Art Abgesang auf die cluniazensische Epoche.
Eine ähnliche Akzentverschiebung zeigt sich auch in der Auslegung des Hohen Liedes aus dem Alten Testament im »Sankt Trudperter Hohen Lied«, entstanden um 1150. Diese oberdeutsche Prosainterpretation wendet sich an Nonnen und deutet den Text als Schilderung der liebenden Beziehung Gottes zur Jungfrau Maria, die in einer mystischen Vereinigung gipfelt. Was Maria vergönnt war, sei jeder gläubig liebenden Seele möglich, Voraussetzung sei zwar die Abkehr von der Welt, aber zugleich auch die persönliche Liebesbeziehung zu Gott.
Williram, ein baierischer Abt, der drei Generationen vorher eine kommentierende Übersetzung desselben Textes verfasste, ist direktes Vorbild. Williram deutete den biblischen Text aber ganz anders: bei Williram steht er als Bild für die mystische Einheit von Christus und seiner Kirche. Jetzt dagegen ist das liebende Verhältnis des einzelnen Menschen zum Heiland in den Mittelpunkt gerückt - Ausdruck des gewandelten Verständnisses von Frömmigkeit. Diese Heraushebung Mariens als Modell für menschliches Verhalten, die Betonung der Liebe als bewegender Kraft weisen ebenfalls auf die Dichtung der Stauferzeit voraus, insbesondere auf den Minnesang.
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