Seit dem Ausgang des Mittelalters haben die Städte Größe, Reichtum und Ruhm ihrer Gemeinwesen in genauen Darstellungen, vor allem Holz- und Kupferstichen, sich und der Umwelt vorgeführt: aus Freude am Bild der Stadt, aber auch als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins. Die Stadt erscheint als ein von außen betrachtetes und zu betrachtendes Ganzes, als ein Kunstwerk, in dem es nichts Unfertiges und Misslungenes gibt. Vielfach ist die Perspektive so gewählt, als schwebe der Betrachter in einem Fesselballon in mäßiger Höhe über die Stadt hinweg. Die Vogelschau ermöglicht es dem Künstler, alle monumentalen Bauten in das Bild zu bringen, die Befestigungsanlagen mit ihren Türmen und Toren, das Rathaus oder Zeughaus, vor allem aber die vielen Kirchen und Klöster, die auf den Darstellungen grundsätzlich überhöht erscheinen: Höhe gilt dem mittelalterlichen Menschen als Zeichen von Macht und Gottesnähe. Die Giebel und Türme interessieren den Künstler, nicht die Straßen und Plätze, an denen die Häuser liegen.
Viele Einzelheiten führen dem Betrachter vor, dass das Leben hinter den Mauern anderen Zwecken oder Idealen folgt als das Leben auf dem Lande. Hafenszenen zeigen Schiffe jeder Art und Größe. Im Gegensatz zum dörflichen Leben ist die Stadt weltoffen, angeschlossen an ein Fernhandelsnetz, das ganz Europa verbindet, bevölkert von weitgereisten Kaufleuten ...
Diese Ansichten zeigen die Stadt auf dem Höhepunkt ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Macht. Für viele dieser Städte, die zeitweise in eine auch politisch führende Stellung aufstiegen, dauerte diese Hochblüte jedoch nur kurze Zeit. Die zunehmende Macht der Fürsten bedrohte die politische Selbstständigkeit der Städte. Die unternehmerische Aktivität der Kaufleute brachte ihnen Reichtum, aber auch die Armut breitete sich aus. Von den sozialen Verhältnissen verraten die zeitgenössischen Bilder wenig. Erst die Neuzeit hat das Elend der Städte als künstlerisches Motiv entdeckt.
Nur jeder sechste Deutsche ein Stadtbewohner
Die Begegnung mit mittelalterlichen Großbauten verführt leicht dazu, die städtischen Einwohnerzahlen zu überschätzen. So errichteten die Bürger von Ulm ein Münster, das mehr Menschen Platz bot, als in der Stadt lebten. Mit einer Einwohnerzahl bis zu 20000 Bürgern gehört Ulm bereits zu dem exklusiven Kreis von nur etwa 20 Städten, die schon im Spätmittelalter mehr als 10 000 Einwohner zählten. Städtisches Lebensgefühl vermittelten in dieser Zeit vor allem die zahlenmäßig stark vertretenen Mittelstädte, die vom Gewerbefleiß der Handwerker oder dem aufblühenden Bergbau lebten und Anschluss an den Fernhandel gefunden hatten. Nur etwa 45 dieser Städte erreichten Einwohnerzahlen von mehr als 2000, immerhin 200 Städte von mehr als 1000 Einwohnern.
Kaum mehr als Städte, auch nach mittelalterlichen Vorstellungen, sind die rund 2800 Orte zu bezeichnen, die zwar Stadt genannt wurden, in denen jedoch die Landwirtschaft das Alltagsleben bestimmte. Suhlenden Schweinen konnte der Besucher freilich auch in den Gassen der Metropolen begegnen: Fast jeder Stadtbewohner unterhielt etwas Kleinvieh, und versickernde Jauche verschärfte das Seuchenproblem, zumal eine Kanalisation fehlte. Das enge Zusammenleben erhöhte zusätzlich die Ansteckungsgefahr. So wird es verständlich, dass die durchschnittliche Lebenserwartung des Städters niedriger war als die des Landbewohners.
Mit dem Anstieg der Einwohnerzahlen wurden die anfangs weit umlaufenden Mauern zu engen Umklammerungen. Als in Nürnberg 1462 der Stadtbereich mit einem dritten und letzten Mauerring mehr als verdoppelt wurde, umschloss die Mauer 126 Hektar. Innerhalb dieser Mauern lebten um 1500 mehr als 30 000, um 1600 bereits bis zu 60 000 Menschen. Doch Enge fand der mittelalterliche Mensch schön, für hygienische Probleme hatte man noch wenig Sinn!
Sprunghaft stieg die Zahl der Städte in der Zeit von etwa 1200 bis 1500, also in dreihundert Jahren, von 250 auf rund 3000 an: ein Ergebnis der andauernden Landflucht. Diese Abwanderung in die Städte veränderte den überwiegend agrarischen Charakter Mitteleuropas jedoch kaum: Gegen Ende des Mittelalters war immer noch nur jeder sechste Deutsche ein Städter. Selbst noch um 1800 betrug der Anteil der städtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung nur etwa 20 Prozent; erst die Industrialisierung kehrte dieses Verhältnis Stadt/Land um. Die Chancen für den Landflüchtigen, in der Stadt eine eigene Existenz aufzubauen, zu heiraten und zu Wohlstand zu gelangen, verschlechterten sich zunehmend. Zwar galt noch immer der Grundsatz, dass ein geflohener Höriger oder Leibeigener nach einem Jahr in der Stadt frei wurde, wenn ihn bis dahin nicht sein Herr aufstöberte. Die Freiheiten, die der Landflüchtige erlangte, unterschieden sich jedoch von Stadt zu Stadt. Die Verleihung von Bürgerrechten wurde jetzt in vielen Stadtrechten an bestimmte Vermögensgrenzen gebunden, um die sozialen Unterschichten, die die Stadt belasteten, nicht zu vergrößern. Mittellose standen zwar unter dem Rechtsschutz der Stadtgemeinde, besaßen aber keine Bürgerrechte. Oft zählte die Hälfte der Einwohner einer Stadt zu dieser Unterschicht.
Städte in Europa am Ende des Mittelalters
Deutsche Städte
Gesamtzahl der Städte: fast 3000
Einwohnerzahlen unter 1000 ca. 2800, 1000-2000 ca. 150, 2000-10 000 20-25, 10 000 und mehr 20.
Großstädte in Europa
Rom 40 000
Florenz 50 000
Gent 50 000
Brügge 50 000
London 50 000
Venedig 90 000
Neapel 150 000
Paris 200 000
Deutsche Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern
Frankfurt/M. 15 000
Braunschweig 16 000
Augsburg 20 000
Worms 20 000
Rostock 20 000
Ulm 20 000
Breslau 20 000
Hamburg 22 000
Nürnberg 22 000
Danzig 22 000
Lübeck 25 000
Straßburg 25 000
Köln 40 000
Die Einwohnerzahlen der einzelnen Städte können nur geschätzt werden, da für die meisten Städte nur die Bürger, d. h. die Inhaber des Bürgerrechts, registriert worden sind, nicht aber die Nichtbürger, deren Anteil teilweise bis zur Hälfte der Einwohner ausmachte. (Zahlenangaben in der Literatur weichen stark voneinander ab. Zur Orientierung empfohlen: Friedrich-Wilhelm Henning, Das vorindustrielle Deutschland 800 bis 1800.)
Tagelöhner, Handwerker, Patrizier - Krasser Gegensatz zwischen arm und reich
In der spätmittelalterlichen Stadt bestand ein krasser Gegensatz zwischen arm und reich. Wie der Historiker Erich Maschke schildert, wurden in Augsburg, der großen Textilproduktions- und Fernhandelsstadt, 1512 von etwa 18000 Einwohnern 5840 Bürger zur Steuer veranlagt. 2838 Bürger waren steuerfrei aus Armut. Als »Habnits« bezeichnete man in Augsburg die Besitzer kleiner Vermögen, die 10 Gulden Steuer zu zahlen hatten, was immerhin dem Jahresverdienst eines Tagelöhners oder 20 Pfund Butter entsprach. 2773 Bürger, d. h. 47,5 Prozent, gehörten zu dieser Gruppe, die sich aus den kleinen, weniger konkurrenzfähigen Handwerkern und Krämern zusammensetzte. Überraschend gering ist der Anteil des wohlhabenden, erfolgreichen Mittelstandes; nicht mehr als 3,5 Prozent zahlten zwischen 10 und 100 Gulden. Über 100 Gulden Steuer brachten 28 Bürger auf, also 0,5 Prozent.
Die Vermögensunterschiede in den deutschen Städten waren allerdings unterschiedlich stark ausgeprägt. So gab es in den hansischen Städten einen relativ breiten Mittelstand, der aus dem Handel, dem Handwerk, dem Transportwesen und dem Brauwesen kam. Und bei aller Skepsis gegenüber Vermögensschätzungen lässt sich festhalten, dass insbesondere in den oberdeutschen Fernhandelsmetropolen riesige Vermögenswerte angehäuft wurden, auch wenn nicht jeder Unternehmer ein Jakob Fugger war: Dieser ›Rockefeller des Spätmittelalters‹ machte in 17 Jahren 927 Prozent Gewinn. Des Reichtums musste man sich in der mittelalterlichen Stadt nicht schämen. Geldvermögen galt als ein Gottesgeschenk, als Gnade. Ein Frachtbrief aus Reval lautete zum Beispiel: »Im Namen Gottes ein Fass Pelzwerke.«
In Ravensburg eröffnete eine Handelsgesellschaft den Geschäftsbericht mit dem Wunsch: »Damit uns Gott die Gnade täte, damit wir eine gute Rechnung hätten.« Kaufleute zogen mit den Worten Bilanz: »Gott gab Gnade, großes Glück und Gewinn.« Während sich heute in der Oberschicht in puncto Mode eine betonte Unauffälligkeit durchgesetzt hat, die allerdings in der Regel auch kaum billig zu erwerben ist, war der Repräsentationswille in der mittelalterlichen Stadt stark ausgeprägt: Ein Augsburger Handelsherr, der Unterschlagungen begangen hatte, wurde nicht inhaftiert oder der Stadt verwiesen. Er wurde dadurch bestraft, dass er fortan keinen Marder, keine Seide und anderes tragen durfte, wie es in einer Quelle heißt.
Städtische ›Luxusordnungen‹ verhinderten, dass sich der einfache Bürger im Eifer, es den Reichen gleichzutun, in übertriebenen Aufwand stürzte, sich am Ende gar verschuldete und die städtische Armenpflege belastete. So verbot - wie in so vielen Städten - eine Verordnung des Kölner Rates von 1476 dem Bürger das Tragen von Pelzen, Edelsteinen, Gold und Silber. Kleider mussten aus einheimischen Stoffen, d. h. aus grobem Linnen sein, und alle »anstößigen Kürzen und Ausschneidungen« waren zu vermeiden.
Natürlich fragte auch der mittelalterliche Mensch nach den Ursachen sozialer Ungleichheit. Die Antwort, die er fand, war jedoch wenig geeignet, etwa revolutionäre Ideen zu fördern: Armut galt als etwas Unvermeidliches, ja Gottgewolltes, nicht anders als Krankheit und Tod. Jedermann, der Arme wie der Reiche, so lehrte die Kirche, hat sich dereinst vor dem Weltgericht zu verantworten, wie er das ihm zugeteilte Schicksal getragen hat. Der Vermögende brauchte also gute Werke und die Fürbitte der Armen für das eigene Seelenheil. Zahllose Stiftungen entstanden aus diesem religiösen Bewusstsein. Ein bekanntes Beispiel ist die noch heute bestehende Fuggerei, eine kleine Siedlung für 100 Familien, die Jakob Fugger »für etliche Arme, bedürftige Bürger, Handwerker und Tagelöhner, die nicht betteln wollen«, in Augsburg errichtete.
Lehen auch für Bürger. Ausstellung von Lehensbriefen für einen Adeligen, einen Bauern und Bürger. Titelminiatur von U. Taler aus einem Eichstätter Lehenbuch, um 1503. Nürnberg, Staatsarchiv.
Zünfte kämpfen mit den Patriziern um die Mitregierung
Im Spätmittelalter hatte sich die Idee der Selbstverwaltung allgemein durchgesetzt. Überall bildeten sich Stadträte, doch nur die Patrizier galten ursprünglich als ratsfähig. Patrizier nannten sich nach römischem Vorbild die Mitglieder der Oberschicht, meist Fernhandelskaufleute. Diese patrizische Oberschicht besetzte die Sitze im Rat und das Bürgermeisteramt, nahm die Marktaufsicht wahr, bestimmte Preise und Zölle und übte die niedere Gerichtsbarkeit aus. Die städtischen Ämter galten ihr als Pfründen, die häufig verpachtet und sogar vererbt wurden. Viele Patrizier führten Übernamen, die uns zeigen, worauf es in der städtischen Politik ankam: Matthäus Reich, der Regensburger Kaufherr, vermachte 1367 seinen vier Söhnen nicht nur das Unternehmen und ein umfangreiches Vermögen, das in Immobilien und Kleinodien angelegt war. Zur Erbmasse gehörte auch das Münzamt und das Braurecht der Stadt.
Seit dem 13. Jahrhundert erkämpften sich in vielen Städten, so in Köln, Frankfurt, Ulm und Augsburg, die in Zünften zusammengeschlossenen Handwerker die Beteiligung am städtischen Rat, nicht selten unter Führung nichtpatrizischer Kaufleute. Meist verliefen diese Kämpfe blutig, nur gelegentlich friedlich. »Sechs ehrenwerte Meister traten vor den Rat«, heißt es in der Augsburger Stadtchronik über die Ereignisse des 23. Oktober 1368, »und Hans Weiß forderte in schlichten Worten die Teilnahme der Zünfte an der städtischen Regierung.« (Nach W. Hug: Geschichtliche Weltkunde.) Nach stundenlangen Debatten gaben die Ratsherren schließlich nach. »Reich und arm«, Patrizier und Zunftmeister, schworen auf eine neue Stadtverfassung, in der beide Gruppen im Rat saßen und je einen Bürgermeister stellten.
Das Einlenken der Patrizier hatte allerdings handfeste Gründe. Die Zünfte übten militärische Aufgaben aus und verteidigten, nach Berufsgruppen organisiert, die Stadtmauern. Hans Weiß, der Kellermeister der Weberzunft, hatte die Zünfte bewaffnet am Perlachturm versammelt, die Stadttore waren geschlossen worden, das Rathaus umstellt, sodass die Ratsherren also in der Falle saßen, als sie ihren historischen Beschluss fassten.
Nur wenige Städte wurden allein oder vorwiegend von Zünften regiert. Vielfach gewannen die Patrizier die Vorherrschaft zurück, so auch 1548 in Augsburg.
In der Beteiligung der Zünfte am Stadtregiment eine demokratische Neuerung zu sehen, wäre ein Missverständnis: Um sich in der städtischen Politik einsetzen zu können, brauchte man Zeit und Geld. Beides fehlte der breiten Masse der Handwerker. Viele Zünfte galten zudem nicht als ratsfähig, so häufig die Weber und Schneider, während andere, oft kleine, aber angesehene Zünfte wie die Goldschmiede, im Rat saßen.
Nicht nur zwischen den Zünften, auch innerhalb der jeweiligen Berufsgruppe bestand eine soziale Rangordnung, die sich z. B. in einem Festessen der Kölner Bäckerzunft aus dem 15. Jahrhundert ablesen lässt. Während die Zunftoberen in der »mit feinem Webstoff ausgestatteten« Herrenstube »auf guten Kissen« Platz nahmen, um mit den Herren Bürgermeistern zu tafeln, so berichtet der Chronist, saßen die übrigen Meister auf Holzbänken im Saal. Letztere erhielten nur halbe Portionen, die allerdings immer noch gewaltig waren, wenn wir die Speisenfolge lesen. Sie umfasste drei Gänge in dieser Reihenfolge: eine Bratschüssel mit gutem Pfeffer, wohlbestreut mit Zimt, einen Entenvogel, zwei Schmalzpasteten, ein Stück Sülze und zwei Schöpflöffel Reis, ein gutes Brathuhn gespickt mit Pfirsichen und eine Schüssel mit Gebäck, dazu alten und neuen Wein.
Soziale Spannungen und Bürgerproteste
Die Zünfte waren kaum je imstande, eine über die rein egoistischen Interessen ihrer Berufsgruppen hinausführende Politik zu betreiben. Es herrschte Zunftzwang, sodass jeder Handwerker, wenn er ein Gewerbe in der Stadt ausüben wollte, einer Zunft angehören musste. Die Meisterzahlen waren begrenzt. Wollte man nicht als eheloser Altgeselle bis an sein Ende das Brot des Meisters essen, so blieb die Heirat mit der ungeliebten Meisterstochter oder gar Meisterswitwe oft als einziger Weg zur Selbstständigkeit. Bereits im Jahre 1329 traten deshalb die Breslauer Gürtlergesellen in einen Ausstand gegen die Zunftordnung, der ein Jahr dauern sollte und vom Rat der Stadt mit Aussperrung beantwortet wurde. Dieser Ausstand gilt als erster Arbeitskampf der deutschen Geschichte.
Einen ständigen Unruheherd bildeten vor allem auch die armen Weber in den Zentren des Textilgewerbes wie Köln, Augsburg oder Konstanz.
Insgesamt brachen im Spätmittelalter in über 100 verschiedenen Städten über 200 oft blutige Unruhen aus. Die Ursachen waren vielfältig: so kostete zum Beispiel das allgemeine Baufieber, das sich vor allem im Neubau von Kirchen, Rathäusern und Bastionen manifestierte, Unsummen. Deshalb rotteten sich im Jahre 1482 Bürger Kölns zusammen, um u. a. einen Baustopp für städtische Neubauten durchzusetzen. Die Bürgerproteste richteten sich vor allem gegen die Steuerpolitik der Obrigkeit, die jede Ware und Dienstleistung, und sei es der Empfang der Sakramente, mit Abgaben belegte. Verbrauchssteuern trafen damals wie heute den Ärmeren weit härter als den Besitzenden. Aus unserer Sicht stellt sich die mittelalterliche Stadt als Steuerparadies für Großverdiener dar. Während heute für Spitzeneinkommen ein Höchstsatz von 56 Prozent zu zahlen ist, war damals der Steuersatz für alle Bewohner gleich und betrug meist unter acht Prozent.
Die wachsende Furcht der Obrigkeit vor gewaltsamen Veränderungen spiegelt sich in zahlreichen Polizeiordnungen wider, die jede unangemeldete Zusammenkunft und das heimliche Waffentragen unter harte Strafen stellten. Auf Anstiftung zum Aufruhr stand die Todesstrafe.
Politische Freiheitsrechte, etwa ein Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit, hatte der Stadtbewohner nicht.
Ziel aller Städte: Die Erhebung zur freien Reichsstadt
Zum Sinnbild städtischer Freiheit und Selbstregierung ist der steinerne Roland geworden, der 1404 im Zusammenhang mit dem Bau des Bremer Rathauses entstand und von anderen norddeutschen Städten nach der Erringung der Unabhängigkeit ebenfalls aufgestellt wurde. Sein Blick ist auf den gegenüberliegenden Dom des Erzbischofs gerichtet. Die Umschrift auf dem Schild lautet: »Freiheit ist euch offenbar, die Karl [der Große] und mancher Fürst fürwahr dieser Stadt gegeben hat, der danket Gott, ist mein Rat.«
Der Roland, ein sagenhafter Kampfgenosse Karls des Großen, trägt das zweischneidige Schwert als Zeichen, dass Bremen eine von einstigen erzbischöflichen Stadtherren freie Stadt ist und als Reichsstadt dem König allein Untertan. Als »freie« Stadt konnte sich nur diejenige Stadt bezeichnen, die durch den Erwerb der stadtherrlichen Rechte zum ›eigenen Herrn im Hause‹ geworden war. Alle Städte des Mittelalters haben diese Selbstständigkeit angestrebt. Doch nicht einmal alle Städte, die den Namen »freie Reichsstadt« führten, waren in Wirklichkeit unabhängig. Auch waren die Rechte, die einzelne Städte besaßen, von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Landschaft zu Landschaft verschieden. Eine Kölner Chronik von 1490 nennt 90 Reichsstädte. In Wirklichkeit dürften es 105 gewesen sein, zu denen auch Städte wie Aalen, Biberach, Bopfingen, Isny, Pfullendorf oder Windsheim zählten. Die meisten Reichsstädte lagen in Franken und Schwaben, am Rhein und im Küstenbereich von Nord- und Ostsee.
Das Recht, eine »freie Stadt« zu sein, musste durch königliches Privileg bestätigt werden, durch eine königliche Urkunde also, in der alle Vorrechte, die sich aus der Reichsunmittelbarkeit für die Stadt ergaben, aufgeführt waren. Diese Vorrechte betrafen vor allem die militärische und wirtschaftliche Unabhängigkeit der Stadt, wie das Beispiel der Stadt Köln zeigt, die 1355 durch Karl IV. zur freien Reichsstadt erhoben wurde. Die Stadt hatte das Recht, sich mit Mauern zu umgeben, was auch das Recht zur selbstständigen Verteidigung einschloss. Neben dem Marktrecht und der Zollfreiheit erhielten die Kölner Bürger das Recht, nicht für die Schulden der Erzbischöfe zu haften, was angesichts deren Lebensstil ein besonderes Vorrecht darstellte. Aber auch das Stapelrecht, wonach Schiffe von oberhalb und unterhalb des Rheins ihre Waren in Köln aufstapeln, d. h. zum Ortspreis feilbieten und dann zum Weiterhandel Kölner Kaufleuten überlassen mussten, wird hier bestätigt. Köln ist nicht zuletzt »durch den Stapel« reich geworden. Die besondere Stellung der Reichsstädte wird am deutlichsten, wenn man ihre wirtschaftlichen Vorrechte genauer betrachtet.
Handel erfordert Frieden - Raubritter und Städtebündnisse
Der Wohlstand der Städte hing in hohem Maße von der Sicherheit der Verbindungswege ab, die aber immer wieder durch Raubzüge des umliegenden Adels bedroht wurde. Der einst »edel gesinnte« Ritter der Stauferzeit war zum gefürchteten Raubritter heruntergekommen, nicht zuletzt, weil er mit dem Aufkommen der Landsknechte und der Feuerwaffen seine militärische Aufgabe und damit einen Teil seines gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status verloren hatte. Wer von den Rittern nicht als Söldnerführer in den Dienst eines Fürsten oder einer Stadt trat, dem drohte Verarmung und sozialer Abstieg. Viele Ritter verschafften sich deshalb mit Gewalt, was sie für ihr Recht hielten. Sie benützten das Fehderecht, das früher durch strenge Vorschriften geregelt war, zu Überfall, Raub und Mord. Ihre Opfer suchten und fanden sie auf den Straßen, die an ihren Burgen vorbeiführten. Wurden von den Reisenden Straßen- oder Brückenzölle verweigert, dann beraubten sie die verhassten Kaufleute oder schleppten diese am Pfeffer- und Gewürzhandel reich gewordenen »Pfeffersäcke« in ihre Räuberhöhlen, um von ihnen hohe Lösesummen zu erpressen. Ritter Götz von Berlichingen berichtet über eine Nürnberger Fehde um 1520: »Ich wusste, dass die Nürnberger über Würzburg zur Frankfurter Messe zogen. Im Spessart kundschaftete ich sie aus und warf sechs von ihnen nieder; darunter war ein Kaufmann, den ich bereits zum dritten Mal in diesem halben Jahr gefangen und an seinem Gut geschädigt hatte. Die anderen waren Ballenbinder zu Nürnberg. Ich ließ sie niederknien, als wollte ich ihnen die Köpfe und Hände umhauen; aber es war nicht mein Ernst, sondern ich trat dem einen nur mit dem Fuß in den Hintern, dem anderen gab ich eine hinters Ohr.« (Aus: »Lebensbeschreibungen des Ritters Götz von Berlichingen«)
Die Strafen waren hart, mit denen die Städte sich gegen diese Übergriffe zur Wehr setzten: Waldungen wurden verwüstet, Höfe angezündet und Knechte gefangen genommen, die adeligen Straßenräuber nicht selten getötet. Aber längst waren an dem Geschäft, das sich mit der Wehrlosigkeit reisender Kaufleute machen ließ, nicht nur verarmte Ritter beteiligt. Nürnberg stand 1449 unter anderem mit 27 Fürsten und 40 Grafen in Fehde!
Das Reich war nicht in der Lage, den Frieden zu garantieren. Aber Handel erfordert Frieden und Sicherheit auf den Straßen. Bereits 1254, also inmitten der durch die kaiserlose Zeit bedingten Wirren, schlossen deshalb Mainz und Worms ein »Ewiges Bündnis« zur Errichtung eines allgemeinen Landfriedens und zum Schutz gegen die Zollwillkür der großen und kleinen Herren am Oberrhein. Nachdem sich der Bund rasch rheinauf und -ab bis Basel und Köln erweiterte, auch in Süddeutschland und Westfalen Anhänger fand und schließlich über 70 Städte von Zürich bis Bremen, von Aachen bis Mühlhausen in Thüringen umfasste, sahen sich auch geistliche und weltliche Fürsten gezwungen, um nicht als Friedensstörer zu gelten, dem Bündnis beizutreten. 1255 erkannte der schwer um seine Stellung ringende König Wilhelm von Holland den Bund an. Doch der Anspruch des Bundes, Vorkämpfer einer neuen Friedensordnung und der Reichseinheit zu sein, löste sich in nichts auf, als es zwei Jahre später im Kampf um die Königswürde zur Doppelwahl kam. Wegen des Englandhandels unterstützten die Städte der werdenden Hanse, angeführt von Lübeck, Richard von Cornwall, während der Rest des Bundes seinen Vorteil im Anschluss an den Gegenkönig Alfons von Kastilien suchte.
Territorien und Landesherrschaften, Städte und Fürsten
Doch die Städte zogen auch Nutzen aus dem Machtverfall des deutschen Kaisertums, der mit dem Ende der Staufer (1250) einsetzte. Und nicht nur sie: Zahlreiche adelige Herren konnten ihren Machtbereich auf Kosten des Reiches und ihrer schwächeren Nachbarn durch Heirat, Erbverträge oder auch Kriege erweitern. Es gelang ihnen, die oft sehr zerstreuten und zersplitterten Besitzungen und die Rechte, die auf Burgen, Städten oder anderen Besitzungen lagen, zu einer einheitlichen Verwaltungs- und Gerichtsordnung zusammenzuschließen und zentral zu verwalten. Das führte zur Ausbildung einer Vielzahl von Territorien oder Landesherrschaften. Das Reich bestand nun als lockerer Bund großer, kleiner und kleinster Territorien fort, deren Zahl 1648 auf 2000 angestiegen war.
Die Ausdehnungsbestrebungen der Territorialherren mussten zum Konflikt mit den Städten führen, die nicht nur ihre überkommenen Reichsfreiheiten behaupten wollten, sondern selber ihre Hoheitsgewalt über den Umkreis ihrer engen Mauern hinaus auszudehnen suchten. Den besonderen Zorn der Landesherren erregte die Praxis der Städte, auch Bewohnern des Umlandes den Rechtsschutz der Stadt und vielfach die Bürgerrechte zu gewähren. Oft waren diese »Pfahlbürger« ritterliche Herren, die im Kriegsdienst der Städte Unterhalt und Zeitvertreib fanden, manchmal waren es auch Klöster, Stifte, ja ganze Dörfer und Landschaften. Zwar gelang es nur wenigen Städten wie Nürnberg, Ulm oder Hamburg, um die Stadt herum nach der Art kleiner Territorialfürstentümer ein eigenes zusätzliches Territorium aufzubauen, aber eben auch dann, wenn sich ihr Territorium auf das bloße Stadtgebiet beschränkte, stellten die Städte einen Dorn im Fleische der Territorialherren dar: Die städtischen Freiheiten übten eine für die adeligen Grundherren höchst gefährliche Anziehungskraft auf Hörige und Leibeigene aus. Die Landflucht entzog dem Adel Arbeitskräfte und Einnahmen. Gleichzeitig stiegen die Preise, da Handwerk und Handel ihre ländlichen Absatzgebiete meist ohne Konkurrenz anderer Städte beherrschten: eine Monopolstellung, die von jeder Stadt angestrebt wurde. Dies zwang den benachbarten Landesherrn, den Städten Gewinne zukommen zu lassen, an denen er häufig nicht einmal über Steuern und Abgaben beteiligt war.
Viele Städte waren Reichsstädte und als solche nur dem Reich zu Zahlungen verpflichtet. Sehr bald erkannten die Fürsten jedoch, wie sie sich ihren Anteil am wirtschaftlichen Aufstieg der Reichsstädte sichern konnten: auf dem Umweg über ein schwaches Königtum, das politisch und finanziell erpressbar war. Ihre Loyalität gegenüber Reich und König machten die Fürsten von Zugeständnissen abhängig, die auf eine Preisgabe der reichsunmittelbaren Stellung der Reichsstädte hinausliefen. Städte in ihrer Gesamtheit, häufiger auch einzelne Hoheitsrechte wie städtische Ämter und Steuern wurden vom König an Landesherren verpfändet, also für den Fall übereignet, dass das Reich seinen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte. Auf eine Auslösung der Pfänder durch den König zu hoffen, war angesichts des steten Geldmangels des Reiches meist vergeblich, also mussten die Bürger sich selbst freikaufen. Nicht alle Städte waren dazu in der Lage, vielfach bedeutete die Verpfändung so den Verlust der politischen Unabhängigkeit.
Städtebünde und -kriege gegen die Fürsten
Der Widerstand gegen die Bedrohung der Reichsfreiheiten organisierte sich zuerst im Süden und Südwesten, denn hier lag damals der Schwerpunkt der fürstlichen Ausdehnungsbestrebungen. Die gefährlichsten Gegner der oberdeutschen Städte waren die Herzöge von Baiern, die Grafen von Württemberg und die Herzöge von Österreich. Kaiser Karl IV. hatte sich bei den Reichsstädten durch die immensen Wahlkosten für seinen Sohn Wenzel verhasst gemacht. Im Jahre 1376 schlossen sich deshalb vierzehn oberdeutsche Reichsstädte unter Führung des kriegerischen Ulm zum »Schwäbischen Bund« zusammen, um sich mit Waffen gegen den Verlust ihrer überkommenen Freiheitsrechte zur Wehr zu setzen. Aufforderungen zur Auflösung des Bundes machten auf die Städte keinen Eindruck, auch nicht die Belagerung Ulms durch den Kaiser. Er musste das Unternehmen wegen des hartnäckigen Widerstandes der Stadt aufgeben und überließ die Abrechnung mit den Rebellen dem Baiernherzog und den Grafen von Württemberg.
Graf Eberhard II. von Württemberg waren beim Ausbau seiner Landesherrschaft besonders die vielen Reichsstädte in Schwaben hinderlich. Doch ein Heer des Grafen unter der Führung seines Sohnes Ulrich wurde 1377 bei Reutlingen von den Städten geschlagen, der Städtebund gewann an Macht und weitere Mitglieder: Städte in der Schweiz, im Elsass, am Mittelrhein und in Franken und Baiern schlossen sich ihm an, auch die durch die baierischen Herzöge bedrängten Reichsstädte Nürnberg und Regensburg. Mit dem »Schwäbischen Städtebund« vereinigte sich ein 1381 neu gegründeter »Rheinischer Bund«, der gegen den »Löwenbund«, eine Einigung der verarmten Ritterschaft, antrat. Jeder Zustrom brachte den Städten neue Gegner. Dennoch schlugen sich sogar Herzog Leopold III. von Österreich und der Erzbischof von Salzburg zeitweise auf die Seite der Städte, überaus zweifelhafte Vertreter städtischer Interessen, wie sich versteht.
Der Krieg ging weiter, unterbrochen von Kampfpausen, in denen die Parteien über einen Ausgleich verhandelten. Schließlich schlug Graf Eberhard bei Döffingen die schwäbischen Städte (1388), die rheinischen Städte unterlagen kurze Zeit später den Fürsten und Rittern bei Speyer. Der Krieg wurde durch den »Landfrieden von Eger« beendet, der die Auflösung der Städtebünde erzwang. Der Versuch der Städte, durch militärischen Druck Einfluss auf die Reichspolitik zu gewinnen, war damit gescheitert.
Hauptleidtragende der Städtekriege waren die Leute auf dem Land. »Das Schwabenland war also verheert, dass kaum ein Dorf war zu beiden Seiten, das nicht verbrannt oder beschatzt worden wäre«, berichtet ein Chronist. »Die von Württemberg ritten vor die Städte und verheerten, was sie konnten. Sie hieben das Kraut und die Reben mit den Schwertern ab. Und die Städte taten nichts anderes, als dass sie das Vieh den Herren nahmen und raubten und brannten und die Leute fingen.« Allein in Schwaben sanken fünfzehnhundert Dörfer in Schutt und Asche. Die Städte mit ihren stattlichen Befestigungsanlagen hingegen erwiesen sich als schwer einnehmbar.
Die Kriegführung der Bürger war erbarmungslos. Die mit Sturmleitern anrückenden Feinde wurden von den Mauern und Wällen mit Munition jeder Art bombardiert: Steinen, die aus den Gassen gebrochen wurden, kochendem Wasser, ungelöschtem Kalk oder siedendem Pech, das die Frauen in großen Kesseln bereitstellten. Ein Sturm auf die Stadtmauern, wenn nicht durch List oder Überraschung unterstützt, erforderte so furchtbare Opfer. Die meterdicken, durch Graben und Wälle geschützten Mauern waren mit den primitiven Belagerungsmaschinen und den schwerfälligen, schlecht bedienbaren Geschützen der damaligen Zeit kaum zu überwinden. Eine Belagerung lohnte meist nicht, da dem Feind die Lebensmittel so schnell ausgingen wie der Stadt und die Söldnerheere nie lange zusammengehalten werden konnten.
Die Reichsstädte: Kein wesentlicher Faktor der Politik mehr
Das ausufernde Fehdewesen und die militärische Sicherung der Stadt und ihrer Zufahrtswege verschlangen Unsummen: Im Kölner Haushalt von 1379, einem Friedensjahr, waren allein 82 Prozent aller Ausgaben nur für die Verteidigung vorgesehen. Damals wie heute finanzierten die öffentlichen Haushalte einen großen Teil ihrer Ausgaben über Schulden. Schulden mussten mit neuen Schulden beglichen werden. Nicht selten führte dies zum Bankrott. Als Konkursverwalter traten meist die benachbarten Territorialherren auf, die so erreichten, was mit Waffen nicht zu erreichen war: Reichsstädte verloren ihre politische Unabhängigkeit und wurden als Landstädte in die Territorien eingegliedert.
Viele der herrlichen Rathäuser symbolisieren so eine Macht, die die Stadt am Ausgang des Mittelalters gar nicht mehr besaß. So manches Kunstwerk der mittelalterlichen Stadt entstand aus nationalem Bewusstsein. Reichsadler schmücken die Portale der Rathäuser, deren Säle mit überlebensgroßen Kaiserbildern ausstaffiert sind. Im Glockenspiel auf dem Turm ziehen Kurfürsten huldigend um den thronenden Kaiser, Plastiken auf Brunnen und Säulen verherrlichen die Helden der Reichsgeschichte. Die Städte sahen sich selbst als Träger der Reichseinheit, so zwiespältig und eigennützig ihr Verhalten gegenüber dem regierenden Herrscherhaus auch war. Dennoch ist es den Städten nicht gelungen, ihre wirtschaftliche und kulturelle Macht auch in politischen Einfluss umzumünzen. Zu stark strebten ihre wirtschaftlichen Interessen auseinander. Eine Sonderstellung nimmt der große norddeutsche Städtebund der Hanse ein, da hier gemeinsame Wirtschaftsinteressen, der Schutz und die Ausweitung des Handels, auch im Ausland, immer im Vordergrund standen.
1495 beschloss der Reichstag zu Worms unter Kaiser Maximilian I. (1493-1519) eine Reform der Reichsverfassung. Neben den geistlichen und weltlichen Fürsten berieten die Reichsstädte fortan als eigener Stand mit. Bei der Selbstauflösung des Reiches zwischen 1789 und 1806 gab es noch 51 Reichsstädte, über die Hälfte der Reichsstädte hatte also seine alten Freiheiten verloren. Die Abgesandten der Reichsstädte saßen - gezwungener Maßen geduldet - ganz hinten im Regensburger Reichssaal.
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