Die spätmittelalterliche Gesellschaft und Wirtschaft im Deutschen Reich

Viele Historiker meinen, die Zeit von der Mitte des 15. bis in den Anfang des 16. Jahrhunderts solle man als Zeit des Frühkapitalismus bezeichnen, denn dies sei jene Zeit gewesen, in der erste kapitalistische Wirtschaftsformen sich gegen die Ordnungsvorstellungen des Mittelalters durchsetzten. Dabei sieht man das Mittelalter als traditionsgebunden, nicht auf Gewinnmaximierung, sondern auf den Erwerb des standesgemäßen Lebensunterhaltes gerichtet, dabei religiös bedingten Ordnungsvorstellungen unterworfen, mit kleinen Betrieben in begrenzten Räumen arbeitend, wobei Erzeuger und Verbraucher in engem Kontakt stehen.

War das 15. Jahrhundert frühkapitalistisch?
Im Gegensatz zu dieser Auffassung von »Mittelalter« versteht man den Frühkapitalismus als Epoche, in der die einzelnen Produzenten nicht mehr für einen ihnen bekannten Auftraggeber arbeiten, der unmittelbar ihres Erzeugnisses bedarf, sondern für einen anonymen Markt, der hauptsächlich vom Groß- und Fernhandel organisiert wird. Dieser umspannt jetzt weite Räume und erzielt dabei große Gewinne, aus denen Kapitalfonds gebildet werden, mit deren Hilfe modernere Produktions- und Vertriebsformen finanziert werden. Deshalb bezeichnet man das 15. Jahrhundert auch als »Jahrhundert der Mitte« als Angelpunkt zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüche sollen nach Meinung vieler Historiker das 15. Jahrhundert zu einer ausgesprochenen Krisenzeit gemacht haben, die sich in sozialen Unruhen und politischen Spannungen ausdrückte. Hält dieses Bild einer kritischen Betrachtung stand?

Zunächst fällt auf, dass diese Gegenüberstellung viel zu scharfe Kontraste setzt. Man kann schlechterdings nicht davon ausgehen, dass das Mittelalter nur traditionsgebunden und religiös bestimmt gewesen sei. Denn auch damals stand Neuerung neben Tradition - wie ja auch die Neuzeit noch stark traditionelle Elemente enthält. Selbst im 19. und 20. Jahrhundert, die oft als Gipfel des Fortschritts gepriesen werden, spielte traditionsgebundenes Denken eine große Rolle. Richtiger wird das Bild, wenn wir sagen, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamik, die es auch vorher gab, sich im 15. Jahrhundert nach dem Schock der großen Pest neu entwickelte und beschleunigte.

Daneben stehen nun aber auch ausgesprochene Erstarrungserscheinungen: geburtsständische Grenzen, die dem Tüchtigen den gesellschaftlichen Aufstieg zumindest erschweren, werden zementiert, mancherorts schließen sich die Zünfte ab, dehnen die Lehr- und Gesellenzeit immer mehr aus und setzen die Bedingungen der Meisterprüfungen so hinauf, dass kein Geselle mehr Meister werden kann, es sei denn, dass er ein Gewerbe erbt oder hineinheiratet.

Die Gesellen, die bis dahin fast durchgängig zu Meistern wurden, sanken dadurch zu einer ständigen »Lohnarbeiterschicht« ab. Wir sehen auch, wie gerade manche Kaufmannsgilde versucht, Neuentwicklungen zu hemmen und sich an überkommene Wirtschaftsweisen zu klammern. So wird in manchen Städten der Einführung der doppelten Buchhaltung anhaltender Widerstand entgegengesetzt, da nicht alle Kaufleute sie beherrschen und jene, die nicht damit umgehen können, im Konkurrenzkampf Nachteile befürchten. Auch die im 15. Jahrhundert stärker werdenden Versuche, das Leben der Menschen bis in private Details zu regeln, wie die Verschärfung der Kleiderordnungen zeigen konservative Elemente.

Waren aber die fortschrittsfeindlichen Tendenzen Reste starrer mittelalterlicher Ordnung oder entstehen sie nicht erst jetzt? Wenn die Zünfte sich im 15. Jahrhundert immer mehr abschließen, so doch nicht deshalb, weil dies einer mittelalterlichen Idee entsprach. Es ist vielmehr eine Abwehrreaktion gegen Bedrohungen, die aus dem wachsenden überregionalen Wirtschaftsaustausch, aus der Verlagsproduktion und dem verschärften Konkurrenzkampf kommen und die gerade der wirtschaftlichen Dynamik in Oberitalien und Flandern sich nicht gewachsen zeigt.

Wir sehen auch, dass die Hanse im 15. Jahrhundert ihre Bedeutung verliert, weil - neben anderen Faktoren - ihre Wirtschaftsgesinnung sich wandelt und der Wagemut des 14. Jahrhunderts einer plötzlichen Risikoscheu und einem ausgesprochenen Rentnerdenken Platz macht, das seine Einkommensquelle nicht mehr vor allem im Handelsgewinn, sondern im Zinsertrag von Leihkapital sucht. Hier wird also ein dynamischer von einem statischen Faktor abgelöst, modernen Entwicklungen stehen ausgesprochen fortschrittshemmende Gegenmaßnahmen gegenüber.

Organisation, Produktion und Vertrieb in größeren Räumen
Was waren nun die neuen Elemente in Wirtschaft und Gesellschaft des 15. Jahrhunderts? Wesentlich war die Verstärkung großräumigerer Organisationsformen im Bereich der Politik, was wir an der fürstlichen Territorialpolitik, der Entstehung von Landesherrschaften, städtischen Territorien und Städtebünden ablesen können. Aber auch auf wirtschaftlichem Gebiet kommt es zu großräumigerer Organisation. In älteren historischen Darstellungen wird etwas idealisierend behauptet, die Produktion des Mittelalters sei stets Lohnwerk gewesen, das heißt, ein Handwerker habe nur auf Bestellung eines ihm bekannten Kunden und nicht für einen anonymen Markt gearbeitet. Das galt zwar für die überwiegende Zahl der Fälle, doch kennen wir auch genügend Gegenbeispiele. Wir können schließlich den auch schon bedeutenden Fernhandel des 13. und 14. Jahrhunderts nicht übersehen, der ständig wachsende Warenmengen umschlug und immer weitere Räume überbrückte.

In der von uns behandelten Zeit findet ferner das Verlagswesen größere Verbreitung, das heißt, ein Unternehmer, der in der Regel Fernhandel treibt, organisiert Massenproduktion, indem er auf seine Kosten und sein Risiko mit von ihm gestellten Werkzeugen und Material von Lohnarbeitern, oft Bauern, in deren eigener Werkstatt standardisierte Erzeugnisse herstellen lässt.

Adam und Eva »Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann...« Bauer mit Hacke, Frau mit Spindel. Federzeichnung aus einer süddeutschen Handschrift des 15. Jahrhunderts. Wien Österreichische Nationalbibliothek.

Die starke Ausweitung des Fernhandels erforderte - mit großen zeitlichen Schwankungen - so große Stückzahlen und so große Anpassungsfähigkeit an die Wünsche des Auftraggebers, dass die traditionsgebundenen Zunfthandwerker diesen Ansprüchen oft nicht genügen konnten. Es entwickelte sich also neben der Zunftproduktion, die in erster Linie für den lokalen Bedarf arbeitete, die Verlagsproduktion, die vor allem Bedürfnisse des Fernhandels deckte.

Die wirtschaftlichen Erfolge des Verlags waren so groß, dass er die Nachfrage wegen Arbeitermangel oft nicht decken konnte. Deshalb stiegen die Löhne, sodass manche Historiker vom 15. Jahrhundert geradezu als dem »goldenen Jahrhundert der Lohnarbeit« sprechen. Wir sollten aber nicht übersehen, dass wesentliche Teile des wirtschaftlichen Erfolgs von den Unternehmern in Form steigender Gewinne abgeschöpft wurden, und dass viele Handwerker auf die Stufe von Lohnarbeitern absanken. Dies geschah vor allem dann, wenn aufwendige technische Neuerungen (z. B. Vorläufer von Werkzeugmaschinen) vom Verlag schneller aufgegriffen wurden als vom Handwerk und dieses dadurch Wettbewerbsfähigkeit verlor. So auch im kapitalintensiv werdenden Bergbau. Auch konnte das Handwerk in kapitalintensiven neuen Gewerben zum Teil gar nicht erst Fuß fassen. So entstand allmählich ein »Lohnarbeiterproletariat«, das vor allem dort problematisch wurde, wo sich das Verlagswesen zur vorherrschenden Wirtschaftsform entwickelte. Dieses »Proletariat« ist allerdings nicht mit dem Industrieproletariat des 19. Jahrhunderts vergleichbar! Und: die Entwicklung verlief regional sehr unterschiedlich.

Die Umverteilung von Geld, Chancen und Macht
Die Gewinne im Verlag und Fernhandel waren teilweise sehr hoch. So kam es, vor allem in Süddeutschland, zu Kapitalkonzentrationen, die die Durchsetzungskraft der neuen Strukturen verstärkten und zur Anhäufung immer größerer Kapitalsummen führten, sodass sowohl der handwerkliche Mittelstand wie das alte Patriziat, das die politischen Führungspositionen in den Städten innehatte, dagegen sozial abfielen. Die Kapitalkonzentration wurde auf dem Erbweg durch die hohe Sterblichkeit infolge der Seuchen noch verstärkt.

Die Folge waren revolutionäre Bewegungen; jedoch nicht Kämpfe des »Proletariats« um wirtschaftliche Besserstellung, wie orthodoxe Marxisten früher behaupteten. Vielmehr handelte es sich um Versuche der Neureichen, Einfluss auf die Stadtpolitik zu bekommen, wobei sie sich teilweise unzufriedener städtischer Unterschichten als Mittel bedienten. Wir kennen den Vorgang schon aus dem Italien des 11. Jahrhunderts. Jetzt entstand ein Bürgertum im engeren Sinne.

Der Ausdruck ›Bürger‹ bezeichnet nicht mehr länger den Stadtbewohner allgemein, als Gegensatz zum Bauern, sondern jene aus Kaufleuten, Verlegern und altem Stadtadel zusammenwachsende Oberschicht, die nicht mehr vom Ackerbau, Handwerk oder Kleinhandel lebt, sondern vom Gewinn des Kapitals, das in Handel und Gewerbe in großem Stil eingesetzt wird. Es beginnt der Kampf der neuen sozialen Oberschicht um politischen Einfluss in den Städten und das Streben des Bürgertums nach angemessener Vertretung seiner Interessen im Rahmen der Reichs- und Territorialpolitik. Die Interessen des neuen Bürgertums gehen weit über die Mauern der Stadt hinaus. Die großen politischen Entscheidungen berühren sie unmittelbar, deshalb interessieren sich die Bürger im Gegensatz zu den Bauern und vielen Grundherren auch für die Fragen der großen Politik. Auch hier finden wir ein Element des entstehenden großräumigeren Denkens. Dieses Bürgertum nimmt die alte Idee der stadtbürgerlichen Freiheit auf und entwickelt aus ihr im 15. Jahrhundert Ansätze eines modernen Staatsdenkens.

Die materielle Lage der Stadtbevölkerung scheint nicht schlecht gewesen zu sein. Das heißt nicht, dass es Massenwohlstand gab. Noch im 14. Jahrhundert lebten höchstens vier Prozent der Gesamtbevölkerung ständig über dem Existenzminimum. Dabei muss das Wort Existenzminimum wörtlich genommen werden und nicht in unserem heutigen Sinn, nach dem für viele Zeitgenossen Fernsehgerät, Auto und Urlaubsreise dazu gehören. Damals hieß Existenzminimum, dass der Mensch so viel zu essen hatte, dass er nicht verhungerte, und so viel anzuziehen, dass er nicht erfror!

Der EdelsteinWer soll den Esel reiten? Illustration zu der bekannten Fabel aus Ulrich Boener, »Der Edelstein«, erschienen 1462 bei Albrecht Pfister in Bamberg. Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek.

Demgegenüber hat sich die Lage im 15. Jahrhundert leicht gebessert, das heißt aber noch nicht viel. Wir dürfen uns nicht durch Gemälde jener Zeit täuschen lassen, die prassende oder üppig tafelnde Menschen darstellen. Dies war vielfach eine Form überspitzter Sozialkritik, nicht aber Abbild einer für alle geltenden Realität. In den letzten Jahrzehnten wurden Zahlen veröffentlicht, die eine drastische Erhöhung des Verbrauchs an Fleisch zeigen, im Durchschnitt aber gab es nur eine mäßige Verbesserung der täglichen Ernährung.

Die soziale Lage auf dem Lande
Es gab also eine leichte Steigerung des Lebensstandards für die breite Menge der Stadtbewohner. Zugleich wurde der Abstand zwischen arm und reich größer. Gründe der Besserung waren die steigenden Löhne, wenn auch der Ausdruck »Goldenes Jahrhundert der Lohnarbeit« wohl übertreibt. Der Lebensstandard der Städter stieg vor allem durch das um 1370 beginnende Fallen der Lebensmittelpreise. Viele Historiker erklären dies als Folge der Pest von 1347/49. Dadurch soll die Zahl der städtischen Verbraucher gesunken sein, sodass eine permanente landwirtschaftliche Überproduktion die Preise drückte, bis es schließlich zu einer ausgesprochenen Agrarkrise kam.

Der Tatbestand als solcher ist gesichert, doch befriedigt die Erklärung nicht. Die Pest traf das Land genauso wie die Städte. Sie führte zu ausgedehnten Wüstungen, d. h. zur Aufgabe einzelner Höfe und ganzer Siedlungen. Sie verringerte also nicht nur die Zahl der Verbraucher, sondern auch die der Erzeuger. Auch sanken die Preise nicht bei allen Lebensmitteln gleich, sondern vor allem bei Getreide. Das lässt eher auf Strukturverschiebungen, vielleicht auch auf Verbesserung der klimatischen Bedingungen und daraus folgende Ertragssteigerungen schließen, als einzig auf die Folgen der Pest. Die Landwirtschaft hatte in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts technische Fortschritte erzielt, die durch die damals gute Ertragslage gefördert wurden, weil investiert werden konnte.

Übrigens stieg die Bevölkerung der Städte ab 1370 wieder, und zwar vor allem durch Zuwanderung von Bauern. Wäre die oben erwähnte Begründung der Agrarkrise richtig, dann hätte sie durch die jetzt gegenläufige Entwicklung (schnellere Zunahme der Verbraucher als der Erzeuger) bald vorbei sein müssen. Der Preiseinbruch, der jedoch erst um 1370 voll begann (also 20 Jahre nach der großen Pest!), scheint aber erst Ende des 14. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Im Ganzen dauerte er bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. Eine befriedigende Erklärung dafür fehlt noch.

Die Preise für Lebensmittel sanken also, während die für gewerbliche Erzeugnisse stiegen. Dadurch verschlechterte sich die Lage der Bauern, die noch etwa 80 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Ihre Schulden stiegen fortlaufend. Belastet waren sie durch Schuldentilgung und durch hohe Zinslasten. Zwar bestand das Zinsverbot der Kirche bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts, doch galt es nicht für Juden, die im Leihgeschäft stark vertreten waren. Auch stand es im 15. Jahrhundert weitgehend nur noch auf dem Papier. Wegen der großen Risiken des Geldverleihs waren die Zinsen sehr hoch.

Die soziale Schere zwischen Städtern und Bauern öffnete sich immer mehr und für sehr lange Zeit. Langfristig verschlechterte sich auch die rechtliche Lage der Bauern gegenüber den Grundherren. Als Ergebnis stellen wir eine immer stärker werdende soziale Differenzierung zwischen Stadt und Land einerseits sowie innerhalb der Städte andererseits fest, was wiederum zu Verschiebungen in der gesellschaftlichen Einschätzung und den politischen Rechten führt. Jetzt entsteht das Bild vom Bauern als dem »dummen Tölpel«.

Auf dem Land führte diese Entwicklung zu weiteren großen Wüstungen. Die Bauern versuchten, wegen der schlechten Wirtschaftslage und des erhöhten Druckes der Grundherren, die auch von der Landwirtschaft abhängig waren und ihre Probleme auf Kosten der Bauern lösen wollten, ihre Höfe zu verlassen und abzuwandern. Es boten sich die neuerschlossenen Gebiete der deutschen Ostsiedlung und die Städte an, deren freiheitliche Verfassung viele Bauern lockte. »Stadtluft macht frei« - das hieß, dass kein Grundherr drückende Lasten auferlegen konnte. Allerdings schafften es nur wenige Zuwanderer, sofort eine gute Arbeitsstelle zu finden.

Der Landadel seinerseits überspielte seine zunehmend schwächer werdende Stellung, indem er seinen ›Rang‹ und seine adelige Geburt betonte. Die ritterliche Lebensweise wurde zu einer Zeit noch einmal hochstilisiert, als das Rittertum schon eine absteigenden Schicht darstellte. Fehlenden politischen Einfluss und geringe finanzielle Möglichkeiten kompensierte man durch Hochmut gegenüber Bauern und »Pfeffersäcken«, wie man die Kaufleute verächtlich nannte.

Die Landwirtschaft begegnete dem Verfall der Lebensmittelpreise durch Ausweichen auf andere Produkte, die Rohstoffe für expandierende Gewerbe lieferten, zum Beispiel Flachs und Wolle für die blühende Textilerzeugung. Da Haltbarkeit und Rentabilität für diese Erzeugnisse weite Transportwege erlaubten, kam es zur verstärkten Ausbildung der bereits erwähnten großräumigen Organisationsformen, in die nun auch die Landwirtschaft in Ansätzen einbezogen wurde.

Doch auch in den Städten wandelte sich die Sozial- und Gesellschaftsstruktur durch die Öffnung der Preisschere. Langfristiges Steigen der Preise für Gewerbeerzeugnisse bedeutet Inflation. Jede Inflation ändert die Vermögensverteilung und damit die Gesellschaftsstruktur. So verloren alle, die nur von den Zinsen ihres Kapitals lebten. Auch die Grundherren, die von den Bauern feste Zinszahlungen erhielten, kamen in Nöte. Es verloren auch die Ackerbürger, also Stadtbewohner, die von der Landwirtschaft lebten. Im Zusammenhang damit können wir die Judenpogrome von 1415 bis 1510 und die 1484 voll einsetzenden Hexenverfolgungen sehen. Beides sind Zeichen dafür, dass Menschen, die sich gegenüber dem Wandel hilflos fühlten, Sündenböcke suchten.

Illustration TodDer Tod ist allgegenwärtig, Papst und Kaiser sind ihm untertan. Illustration aus Johannes von Saaz, »Der Ackermann aus Böhmen«, erschienen in Bamberg bei A. Pfister um 1463. Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek.

Wirtschaft und Gesellschaft im Sog der Renaissance
Bisher wurde mehrfach das Entstehen großräumigerer Organisationsformen erwähnt. Das ist unverständlich, wenn wir nicht auch die geistige Entwicklung betrachten. Das 15. Jahrhundert war eine Zeit tiefgreifenden geistigen Wandels. Um 1350 begann in Italien die Renaissance (von ital. rinascita = Wiedergeburt). Die Menschen glaubten, durch Erforschung der antiken Philosophie, Literatur und Kunst die damaligen Lebensformen wiederbeleben zu können, die man aus dem Abstand eines Jahrtausends als Ideal ansah. Was dabei herauskam, war nicht eine Wiedergeburt der Antike, sondern etwas Neues, das sich mit antikem Beiwerk umgab. Vor allem entstand ein neues Menschenbild. Der Mensch wurde neugierig auf sich selbst und seine Umwelt. Es entstand ein neues Raumbewusstsein, was wir in der Malerei verfolgen können, und der Drang, die ganze Erde kennenzulernen. Doch was hat das mit unserem Thema zu tun?

Es zeigt sich, dass die in der Renaissance freigesetzte geistige Unruhe auch in Deutschland, aber erst seit dem 15. Jahrhundert, die Triebfeder der Entwicklung war. Neue Universitäten und bessere Schulen aktivierten die Menschen, die sich für die ganze Welt zu interessieren begannen. Daraus erwuchsen neue wirtschaftliche Möglichkeiten, die Geldumlaufmenge wurde größer, und mehr Mittel konnten beispielsweise wieder in die Universitäten fließen. Verbesserter Unterricht kam dann wieder der Wirtschaft im weitesten Sinne zugute, und so fort. Als die Europäer über die Weltmeere griffen, hatten sie keine konkrete Vorstellung, was sie erwartete. Als Kolumbus nach Amerika kam, wusste er nicht einmal, wo er war. Schon bald aber sollten Wissenschaft und Wissensdurst Fundamente erhalten. Denn die allgemeine Unruhe dieser Zeit führte schließlich auch zur Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Buchstaben. Er hat durch Verdichtung und Verbreitung des geistigen Austauschs die gesamte Entwicklung weiter vorangetrieben.

Aus der geistigen Neuorientierung der Renaissance heraus kommt es zu einer spürbaren Rationalisierung der Produktion, zu neuen Techniken und einer Intensivierung des Fernhandels. Neben die noch oder neuerdings traditionsbestimmte Handwerkswirtschaft tritt das frühkapitalistische Verlagssystem. Der Adel genießt zwar noch hohes Ansehen; fast alle neuen Anstöße in Lebensstil und Kultur kommen jetzt aber aus den Städten. Mit dem Übergang vom adeligen Lehnsheer zum teueren Söldnerhaufen der Landsknechte (in Deutschland geschieht dies gegen Ende des 15. Jahrhunderts) und der Entwicklung der teueren Feuerwaffen müssen sich die Landesfürsten immer mehr auf die kreditträchtigen Bürger stützen.

In der neuen bürgerlichen Oberschicht, die auch zum Hauptträger der Bildung wird, entwickeln sich keimartig politische Ideen, die Jahrhunderte später die Welt verändern. Wir können also das 15. Jahrhundert mit Recht als das »Jahrhundert der Mitte« zwischen Mittelalter und Neuzeit oder als »Übergangszeitalter« betrachten.
 
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