Reisen als Selbstzweck, zur Erholung oder zur Bildung, wie es heute für Millionen von Menschen Selbstverständlichkeit geworden ist, kannte das Mittelalter nicht oder nur in ganz vereinzelten Fällen. Die Bauern blieben beschränkt auf ihre Scholle und den von den Wäldern gezogenen Umkreis ihrer Dörfer, die Bürger auf die durch die Mauern augenfällig eingeengten Städte, der Adel saß in seinen Burgen und kam - abgesehen von den Kreuzzügen - selten genug nur zu den nächsten Nachbarn. So ist es gewiss kein Zufall, dass die Wurzeln des Wortes »Elend« auf das althochdeutsche »elilenti« zurückgehen, was soviel wie »im fremden Land, ausgewiesen« bedeutete. Kürzer und deutlicher kann man es nicht mehr sagen: wer in die Fremde ging, gleichgültig ob freiwillig oder gezwungen, ging ins Elend, ging Not und Trübsal entgegen. Wenn trotzdem viele Menschen unterwegs waren, mussten sie also ihre zwingenden Gründe haben, denn wohl nur die wenigsten waren bereit, so augenfällige schwere Last freiwillig auf sich zu nehmen.
Vereinzelte Gelehrte zogen von Stadt zu Stadt, von Kloster zu Kloster, um deren Bücherschätze kennenzulernen. Ein paar angesehene Sänger, wie etwa Walther von der Vogelweide, waren viel unterwegs und wurden an Burgen und Höfen gleichermaßen gern gesehen. Eine weit größere Zahl aber trieb es hinaus, weil die Fremde nicht schlimmer sein konnte als die Heimat, weil sie ihren dürftigen Lebensunterhalt im Umherziehen verdienen mussten. Viele von ihnen zählten zu der ver-fehmten Schar der »Fahrenden«, und nur wenigen gelang es, irgendwann im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen. Fernkaufleute, deren Beauftragte und Knechte reisten mit ihren Waren weite Strecken durch das Land. Kriegszüge lockten und zwangen Herren wie Knechte auf die Straßen. Junge Bauern verließen einzeln oder in Gruppen ihre alte Heimat, um sich in den Siedlungsgebieten des Ostens günstiges Neuland zu suchen. Eine besondere und gar nicht einmal so kleine Gruppe bildeten schließlich die Pilger.
Viele von ihnen waren freiwillig unterwegs, wie schon seit der Antike Pilger zu den verschiedenartigsten Heiligtümern gewallfahrtet waren. Andere wieder büßten bestimmte schwere Sünden mit solchen Pilgerfahrten, die ihnen als strenge Buße oder eigentlich Strafe auferlegt waren. Eine dritte Gruppe bildeten schließlich jene ›Berufspilger‹, die, wie wir noch näher hören werden, für andere unterwegs waren oder die sich einfach als Pilger ausgaben, ihr Ziel jedoch selten oder nie erreichten, und daher eher eine Gruppe der »Fahrenden« bildeten.
In Deutschland gab es genug Gnadenorte, zu denen kleine Wallfahrten unternommen wurden. Dennoch zogen viele Pilger einzeln oder in Gruppen auch ins Ausland zu den drei größten Gnadenorten der Christenheit: nach Rom, nach Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens oder nach Jerusalem. Bei deutschen Pilgern waren daneben auch die St. Michaels-Heiligtümer wie etwa der Mont-St.-Michel in der Bretagne und vor allem der Monte Gargano in Apulien beliebt, galt doch der Erzengel Michael als der Schutzpatron der Deutschen.
Zu den Aposteln nach Rom - Die Straßen der Pilger und Heere
Nächstgelegenes und daher auch verhältnismäßig bequem zu erreichendes Ziel für deutsche Pilger war Rom. »Ad limina apostolorum« - »zu den Türschwellen der Apostel« - d. h. zu den Eingängen ihrer Grabeskirchen, pilgerten fromme Christen schon seit der karolingischen Zeit in zunehmender Zahl. Der Hauptteil der deutschen Pilger wählte dabei keineswegs die heute so beliebte Route über den Brenner und Verona, sondern über den Bodensee, Graubünden und den St. Berhard-Pass oder über Basel und den St. Gotthard - Wege, oft schmal, felsig, voller Steigungen und vom Steinschlag bedroht, über abenteuerliche Brücken, die wir heute kaum zu betreten wagten, gefährdet durch räuberische Überfälle. Beide Wege vereinten sich wieder bei Bellinzona und führten von da nach Como und weiter nach Pavia. Die Straße von Pavia über Piacenza und Parma, dann scharf nach Süden umbiegend und weiter über den steil aufragenden Cisa-Pass (1041 m!) nach Lucca, Siena, den Bolsena-See bis nach Rom erhielt den Namen »Via Sancti Petri« - Straße des heiligen Petrus - mitunter auch »strata romea« - Römische Straße - und wurde seit dem 10. Jahrhundert einfach »Via Francigena« oder »Francisca« - die Frankenstraße - genannt. Sie entwickelte sich nicht nur zum belebtesten Pilgerweg des Abendlandes, sondern bald erkannten auch die deutschen Könige und Kaiser ihre Vorzüge und nutzten sie als Durchmarsch- und Nachschubstraße für ihre Romzüge.
Entlang ihres Weges entstanden in seltsamer Eintracht Hospize, berühmte Klöster und militärische Stützpunkte. Trotzdem war der Weg lang und beschwerlich und stellenweise auch unsicher - so unsicher, dass schon Bonifatius im 9. Jahrhundert die große Zahl »gefallener« Pilgerinnen beklagte. Die Pilger benötigten für die Strecke von Pavia bis Rom zu Fuß etwa einen Monat, oft noch länger, wenn sie sich unterwegs an einem der kleineren Wallfahrtsorte aufhielten, wo es Reliquien oder wunderwirkende Gnadenbilder zu verehren galt. Der florierende Verkehr und der damit verbundene Handel lockte zweifache Konkurrenz. So bemühten sich seit dem 13. Jahrhundert Florenz und Bologna höchst einträchtig um eine bessere Erschließung der Apenninstraße über den Futa-Pass und verbanden somit den Weg über den Brenner mit der »Francigena«. Gegen Ende des Mittelalters kam dann eine weitere Straße in Mode, die von Rom quer über den Apennin östlich nach Spoleto und Ancona führte und von da aus den kleinen Abstecher nach Loreto erlaubte, wohin gerade rechtzeitig zur Förderung des Pilgerverkehrs 1294 von Engeln das kleine Haus der heiligen Familie aus Nazareth - mit Zwischenlandung in Dalmatien - gebracht worden war. Von hier aus ging die Straße nordwärts bis Padua, zum Grab des heiligen Antonius, der dort 1231 gestorben war. Sie erschloss damit die wichtigsten mittel- und oberitalienischen Wallfahrtsorte und wurde immer häufiger für eine Wegstrecke von deutschen Pilgern benutzt.
Die Kurie suchte die ohnehin schon große Vorliebe der Deutschen für Rom noch mehr zu fördern, indem sie als Anreiz immer neue Ablässe für Rompilger ausschrieb. Einen Höhepunkt bildeten dabei die seit 1300 in regelmäßigen Zeiträumen gefeierten »Heiligen Jahre«, die zahllose Pilger nach Rom lockten. Die Pilgerfahrten nahmen zeitweilig so überhand, dass beispielsweise Herzog Heinrich der Reiche zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Baiern seinen Untertanen Pilgerreisen nach Rom untersagte, damit nicht zu viel Geld aus dem Land geschleppt würde.
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