Weniger häufig im Mittelalter, aber fast ebenso beliebt wie die Wallfahrten nach Rom waren die Pilgerreisen nach Santiago de Compostela im äußersten Nordwesten Spaniens, wo der Legende nach der Apostel Jakobus der Ältere seine Ruhestätte gefunden haben soll. Nach ihm ist der Ort Santiago benannt, Compostela (lat. campus stellae) heißt soviel wie Sternenfeld. Die Verehrung dieses Grabes war so groß und die Pilgerfahrt trotz des weiten Landweges so beliebt, dass Dante unter dem Begriff Pilger nur den Wallfahrer nach Santiago verstehen wollte. Wie bei den Wallfahrten nach Rom, so lassen sich auch hier zwei Klassen von Pilgern unterscheiden. Einmal die große Zahl der einfachen Leute, die Not und Strapazen auf sich nahmen, um das ersehnte Ziel zu erreichen, und zum andern Fürsten, Adelige und reiche Bürger, die sich bequeme Unterkünfte, Reit- und Fahrmöglichkeiten leisten konnten. Die Rom- und Santiagoreisen von Fürsten glichen oft kleinen Heerzügen, so groß war das mitgeführte Gefolge. Reiche Adelige standen ihnen dabei kaum nach. So hören wir, dass die Edlen Gottschalk und Eberhard von Buchenau zusammen mit einigen Gefährten in einem Zug von siebzig Wagen reisten oder der Böhme Leo von Rožmital mit großem Gefolge und zweiundfünfzig Pferden nach Spanien zog. Der Nürnberger Patrizier Peter Rieter verzehrte »dritthalb hundert Dukaten« und stiftete dem Heiligtum in Santiago noch ein großes Gemälde.
Für die einfachen Pilger bedeutete die Wallfahrt von West- oder Süddeutschland nach Rom und zurück durchschnittlich etwa eine Abwesenheit von einem halben bis zu einem Jahr. Die Pilgerfahrt nach Santiago konnte bis zu zwei Jahren dauern. Wenn sie die Kirche bei schweren Verbrechen als Buße auferlegte, so handelte sie oft wohlüberlegt, da die Täter für längere Zeit ihrer gewohnten Umgebung und damit vielleicht auch einer möglichen Rache entzogen waren. Kehrten die Pilger zurück, so hatten sie nicht nur einen strapazenreichen Weg zurückgelegt, sondern es war auch Gras über ihre Tat gewachsen. Der gar nicht so seltene Tod auf einer langen Pilgerreise galt als eine Art Gottesurteil.
Jakobsbruderschaften und Pilgerführer
Da die einfachen Pilger auf Unterstützungen jeder Art angewiesen waren, mussten die Wallfahrten im Lauf der Zeit zwangsläufig immer besser durchorganisiert werden. Vor allem an den großen Pilgerrouten, von denen noch die Rede sein wird, aber auch an manchen Nebenstrecken entstanden sogenannte Jakobsbruderschaften mit Hospizen und Pilgerherbergen. Die Mitglieder solcher Bruderschaften mussten keineswegs selbst an einer Pilgerfahrt teilnehmen oder teilgenommen haben. Im Mittelpunkt stand ganz allgemein die Verehrung des heiligen Jakob und im weiteren gehörte die Betreuung durchreisender Pilger zu den vornehmsten Pflichten. Nicht jede der rund fünfhundert Jakobskirchen und -kapellen im Gebiet des Heiligen Römischen Reiches hatte eine eigene Bruderschaft, wohl aber die wichtigsten im Norden wie im Süden. Wir kennen sie in Bremen und Hamburg, in Lübeck, Lüneburg, Göttingen, Frankfurt a. M., in Aachen, Rothenburg, Lindau, in Freiburg in der Schweiz, aber auch gelegentlich in kleinen Gemeinden. Wenn etwa im Bruderschaftsbuch von Duderstadt (allerdings erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts) mehr als zweihundert Mitglieder aufgezählt werden, weist eine solche Zahl auf die große Beliebtheit der Bruderschaften hin. Mit den eingegangenen Spenden wurden Hospize gebaut, ausgestattet und erhalten, Messgeräte für die Kirche angeschafft und die Pilger unterstützt. Viele der Herbergen lagen vor den Stadttoren, andere wieder in unmittelbarer Nachbarschaft der Jakobskirche, so etwa in Rothenburg ob der Tauber mit einer geräumigen Diele im Erdgeschoss, wohl dem Massenquartier für die einfachen Pilger, und einigen Kammern im ersten Stock für die vornehmeren Gäste.
Die Herbergsverwalter halfen den Pilgern auch mit guten Ratschlägen für die Weiterreise zu den nächsten Stationen. Landkarten kannte man für die Pilger nicht, wohl aber schriftliche Pilgerführer, die den Weg, die Stationen, Hospize, die Gefahren und vor allem die an der Route gelegenen Kirchen und ihre Reliquien sorgfältig beschrieben. Der in Versform abgefasste Pilgerführer eines Straßburger Mönchs informiert u. a. auch über deutsche Pilgerherbergen in Frankreich und die Geldwechselmöglichkeiten. Die Entfernungen waren meist in Tagesmärschen angegeben. Sie lagen etwa bei 25 bis 35 Kilometern, setzten also im Durchschnitt ganz beachtliche Marschleistungen voraus. Wenn ein spanischer Pilgerführer mehrfach Strecken bis zu 40 Kilometern und einige Male sogar zwischen 60 und 80 Kilometern angibt, so dürften diese Angaben möglicherweise für Reisende im Wagen oder Berittene gedacht gewesen sein.
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