Im Oktober 1460 schrieben einige Adelige aus dem Hegau an den Bischof von Augsburg, informierten ihn über Unruhen der Bauern in ihren Herrschaften und baten ihn zugleich um solidarische Unterstützung gegen die Aufständischen. Sie berichteten auch über die Ziele und Forderungen der Bauern, die erstaunlich bescheiden waren und so gar nicht nach großer Empörung aussahen: Weder sollten die Herren willkürlich Dienste von ihren Bauern fordern, noch sie nach Gutdünken strafen dürfen, und auch das freie Recht auf ihr Erbe sollte den Bauern zustehen.
Solche Forderungen klangen ausgesprochen maßvoll und wurden noch unterstützt durch die Versicherung, dass die Bauern gern alle Dienste und Zinsen leisten wollten, die sie schuldig wären. Vielleicht kam das alles den hegauischen Herren selbst zu bescheiden vor; denn in ihrem Brief orakelten sie noch, dass weitere, ihnen nicht bekannte Artikel gegen den Adel gerichtet seien. Und wenn sie das auch nicht beweisen konnten, so tischten sie dafür um so rascher eine Gräuelmeldung auf. Die Bauern hätten aus einem Dorf das Sakrament aus der Kirche rauben wollen und dem Priester, »der solches wehren wollte, die Hände wohl halb abgehauen«. Solche Behauptung musste auf den Bischof doch Eindruck machen! Auch hätten sie, so wurde zum Schluss berichtet, ein Banner, auf dem ein Pflug und ein Bundschuh gemalt seien.
Drei Jahre vor dem Bauernkrieg: Zerlumpt, ärmlich aber selbstbewusst und bewaffnet: »Käsebauer und Käsefrau«. Einblattholzschnitt, wahrscheinlich von Hans Weiditz, 1521.
Der Bundschuh
»Der Bundschuh«! Hier haben wir das Zeichen, das schon verschiedentlich bei Bauern als Symbol des Aufruhrs gegolten hatte und das von nun an mehr als ein halbes Jahrhundert lang bis zum großen Bauernkrieg immer wieder Adel, Geistlichkeit und auch Bürger erschreckte. Es war der mit langen Riemen versehene Schnürschuh der Bauern, der als Gegensatz zum gespornten Stiefel der Ritter galt und von dem die Sage behauptete, dass er schon im ersten Kreuzzug bei der Eroberung Jerusalems als Feldzeichen der einfachen Leute mitgeführt worden sei.
Unruhen und Aufstände von Speyer bis nach Kärnten
Unter dem »Bundschuh« erhoben sich 1493 auch die Bauern von Schlettstadt und neun Jahre später die im Bistum Speyer; aber wie schon 1460 im Hegau, so wurde auch hier beide Male die Empörung niedergeworfen, noch ehe sie richtig begonnen hatte.
Der Anführer der Bauern von Speyer, ein gewisser Joss Fritz, war gerade noch rechtzeitig dem Zugriff der Obrigkeit entkommen und nach Lehen, in der Nähe von Freiburg, gezogen. Dort verhielt er sich zehn Jahre ruhig, doch als sich 1513 die Bauern in der Schweiz empörten und es auch an verschiedenen deutschen Orten zu gären begann, sah Fritz seine Stunde erneut gekommen und organisierte auch in Lehen den »Bundschuh«. Man kann nur staunen, wie sorgfältig und ausführlich dieser einfache Mann inzwischen sein Reformprogramm vorbereitet hatte. Es nimmt bereits alle jene Forderungen vorweg, die uns ein Jahrzehnt später in den berühmten »Zwölf Artikeln« der Bauern wieder begegnen.
Dass der Aufstand in Lehen scheiterte, war nicht seine Schuld. Wieder wurde er verraten. Die Obrigkeit schlug rasch und hart zu und ließ dreizehn der Aufrührer hinrichten. Joss Fritz entkam erneut, zog unstet durch das Land und organisierte 1517 ein drittes Mal den »Bundschuh« am Oberrhein. Diesmal allerdings war es kein Aufstand der Bauern allein. Fritz sammelte die Unzufriedenen im Lande, fand sie vor allem auch unter dem Fahrenden Volk und den Bettlern, denen er immerhin eine beachtliche Belohnung für ihre Teilnahme an der Empörung aussetzte. (Woher er das Geld dafür hatte, ist bis heute nicht geklärt.) Durch Zufall fasste man aber einen seiner Hauptwerber, der sogleich ein Geständnis ablegte, und damit konnten die Behörden erneut den »Bundschuh« niederschlagen. Von Fritz wissen wir nur, dass er weiter ruhelos durch das Land zog und den Menschen hartnäckig seine Ideen einzuhämmern suchte.
Diese Erhebungen unter dem Zeichen des »Bundschuh« waren nicht die einzigen in Deutschland. Überall gärte es, kam es zu mehr oder minder begrenzten Ausbrüchen des berechtigten Volkszorns. Auch in der Schweiz, in Salzburg, in der Steiermark und in Kärnten hatten sich Unruheherde gebildet. In Württemberg schlossen sich 1514 die Bauern gegen den Steuerdruck Herzog Ulrichs im »Armen Konrad« zusammen, und in ihrem Aufstand verschmolzen typisch lokale Belange und Interessen mit den Ideen des »Bundschuh«.
Der Pfeifer von Niklashausen
Ebenfalls lokal begrenzt, aber wieder ganz anderer Art war 1476 die Bewegung des »Pfeifers von Niklashausen« im Fränkischen. Hans Böhm, ein Dorfmusikant, wie wir heute sagen würden, predigte in dem kleinen Dorf Niklashausen im Taubertal, die heilige Jungfrau selbst sei ihm erschienen und habe ihm verkündet, dass alle Menschen vor Gott gleich seien, es dürfe keine weltliche Obrigkeit mehr geben, Zins, Pacht und Steuern müssten abgeschafft werden, Wald, Wasser und Weide sollten allenthalben frei sein. Solche Sätze ergänzte er noch durch Ausfälle gegen das Regiment der Fürsten und gegen die unchristliche Geistlichkeit. Der Funke entfachte rasch einen großen Brand. Zehntausende liefen ihm zu und lauschten seinen Predigten. Solange er es bei seinen Verkündigungen beließ, hielt sich der Bischof von Würzburg, dessen Untertan Hans Böhm war, noch zurück. Doch als er dann seine Zuhörer aufforderte, zum nächsten Zusammentreffen die Waffen mitzubringen, ließ er ihn überraschend durch einige Reiter gefangennehmen und auf den Marienberg nach Würzburg bringen.
Am darauffolgenden Sonntag versammelten sich angeblich an die dreißigtausend Wallfahrer. Zwar gingen viele wieder heim, als sie von der Verhaftung des Pfeifers hörten, doch zogen mehrere Tausend nach Würzburg, um dort seine Freilassung zu fordern. Der Bischof ließ sie mit schönen Redensarten und ein paar Warnschüssen abspeisen. Den friedlich Abziehenden schickte er aber Reiter nach, angeblich, weil sich ein paar Aufrührer unter den Bittstellern verborgen hielten. Wenige Kilometer hinter Würzburg kam es zu einem Treffen, bei dem zwölf Bauern den Tod fanden und ein paar andere verhaftet wurden. Die meisten ließ der Bischof wieder laufen. Hans Böhm aber und zwei seiner engsten Gefährten wurden hingerichtet. Die beiden Bauern starben unter dem Schwert, der Pfeifer als angeblicher Ketzer auf dem Scheiterhaufen, auf dem er noch im Angesicht des Todes fromme Marienlieder gesungen haben soll.
Feudalordnung und einseitige Begünstigung von Adel und Geistlichkeit
Gespannt blieb die Lage vor allem im süd- und südwestdeutschen Raum. Die Schuld lag hier in dem völlig überholten Gesellschaftsge-füge der jahrhundertealten Feudalordnung, die sich im frühen und hohen Mittelalter einmal bewährt hatte, die nun aber Adel und Geistlichkeit einseitig begünstigte, dem Bürger nur wenige Rechte gab und die mehr als achtzig Prozent der bäuerlichen Bevölkerung eindeutig benachteiligte. Dabei ging es, wie wir noch sehen werden, gar nicht so sehr um wirtschaftliche Vorteile - viele Bauern hatten ein erträgliches bis sogar gutes Einkommen - als vielmehr um entscheidende politische Rechte. Es ist die große Tragik des sogenannten Bauernkrieges, dass es den Bauern nicht gelang, ihre maßvollen politischen Forderungen durchzusetzen und dass sie weder aus ihren eigenen Reihen geeignete weitblickende Führerpersönlichkeiten fanden, noch von Adel und Bürgern die nötige Unterstützung erhielten, sodass schließlich immer wieder Fanatiker das Übergewicht gewannen und das hoffnungsvoll begonnene politische Ringen sehr rasch in eine große, blutige Auseinandersetzung einmündete, in der die Gewalt über die Vernunft triumphierte.
Eigentlich ist es nicht ganz richtig, von einem Bauernkrieg zu sprechen; denn in Wirklichkeit waren es mehrere, in den großen Zielen zwar weitgehend übereinstimmende, doch in sich unterschiedliche Erhebungen in einigen deutschen Landschaften. Unterschiedlich, mehr zögernd und abwartend, war auch die Haltung des Bürgertums, einheitlich nur die Reaktion der geistlichen und weltlichen Fürsten und der Adeligen, die fast keine der bäuerlichen Forderungen anerkennen wollten und die durch ihre starre Haltung die Bauern erst in die Rolle der »räuberischen und mörderischen« Empörer hineindrängten.
Stühlingen, Kempten, Ulm, Bodensee - Erhebungen überall
Nach den verhältnismäßig kurzen Gewittern der vorangegangenen Jahrzehnte begannen die schweren Unruhen des eigentlichen Bauernkrieges im August 1524 in der Landgrafschaft Stühlingen im Südschwarzwald, angeblich, weil die dortige Gräfin ihre Bauern an einem Sonntag in der Erntezeit gezwungen hatte, Schneckenhäuslein zu sammeln, damit sie Garn darauf wickeln konnte. »Wenn es wahr ist, was uns die zeitgenössischen Chronisten berichten, so hat wohl nie ein geringfügigerer Anlass gewaltigere Geschehnisse hervorgerufen«, schrieb einmal der Historiker Günther Franz in einer Darstellung des Bauernkrieges sehr treffend. Aber auch in dieser Erhebung zeigten sich alle Anzeichen der vorangegangenen Unruhen, und dieses Mal konnte der Aufruhr nicht so rasch wie bisher niedergeworfen werden: Er fraß sich wie ein Schwelbrand langsam weiter und griff schon bald auch auf andere Gebiete im Südwesten des Reiches über. Ihre Führer fanden die Aufständischen in dem evangelischen Prediger Hubmaier und in dem ehemaligen Landsknecht Hans Müller aus Bulgenbach. Beide drängten von Anfang an auf Mäßigung und wollten nur die berechtigten Forderungen der Bauern gegen einige adelige Herren, allen voran den Stühlinger, durchsetzen.
Anfang 1525 erreichte die allgemeine Empörung das Allgäu. »Nirgends mögen wohl die Beschwerden der Untertanen begründeter gewesen sein als im Stift Kempten«, stellte schon der große Geschichtsschreiber Leopold von Ranke in seiner »Deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation« fest. Die Fürstäbte von Kempten hatten schon seit rund hundert Jahren mit brutaler Willkür die freien Bauern in die Leibeigenschaft zu zwingen gesucht. Sie warfen beispielsweise einzelne freie Männer ohne Begründung in ihre Gefängnisse und ließen sie so lange darin schmachten, bis sie die Leibeigenschaft anerkannten. Man kann sich bei der Lektüre der schweren, zeitgenössischen Anklagen gegen den Adel nur wundern, dass die Bauern nicht schon viel früher losgeschlagen hatten.
Nachdem der Aufruhr im Raum Kempten ausgebrochen war, folgten zu Beginn der Fastenzeit die Bauern Oberschwabens zwischen Ulm und dem Bodensee. Die Aufständischen schlössen sich nun, nicht zuletzt auf Anraten ehemaliger Landsknechte, in drei »Haufen« zusammen. Im Norden war es der Baltringer Haufen, benannt nach einem Ort südlich von Ulm, im Süden der Bodensee-Haufen, dem die streitbarsten Bauern angehörten, und schließlich im Osten der Allgäuer-Haufen mit dem Zentrum in Kempten. Jeder dieser Haufen umfasste mehrere Tausend kampfbereiter Bauern. Die Baltringer wählten Ulrich Schmid zu ihrem Hauptmann, einen besonnenen Mann aus guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Gerade sein Beispiel zeigt, dass die meisten Aufständischen nicht aus wirtschaftlicher Not heraus handelten, sondern dass es ihnen in erster Linie um die Erhaltung ihrer alten Freiheiten und Festigung ihrer politischen Rechte ging. Gerade dem Einfluss Schmids und einiger anderer Männer war es zu danken, dass sich die Forderungen der Aufständischen in einem maßvollen Rahmen hielten, obgleich vor allem die Bodenseebauern ein hartes Vorgehen forderten.
Eidgenössische Söldner - begehrt in ganz Europa, Wirtschaftsfaktor und Sozialproblem zu Hause. Illustration der Luzerner Chronik des Diebold Schilling. Luzern, Burgerbibliothek.
Maßvolle Forderungen der Bauern - Die »Zwölf Artikel«
Zeugnis für die Mäßigung sind die sogenannten »Zwölf Artikel«, die wohl in den letzten Februartagen 1525 in Memmingen vorgelegt wurden. Wir wissen heute, dass ihr Verfasser ein Kürschnergeselle aus Memmingen war. Dieser Sebastian Lotzer muss ein für sein Herkommen ungemein gebildeter, vor allem sehr bibelkundiger Mann gewesen sein, der sich auch mit der Lehre Luthers und Zwingiis auseinandergesetzt hatte, deren Einfluss in diesen Artikeln deutlich spürbar wird. Zwar übernahm er grundsätzlich jene Forderungen, die schon mehr oder weniger deutlich bei früheren Aufständen erhoben worden waren, doch sind sein Verdienst die klare unmissverständliche Zusammenfassung und vor allem das Bekenntnis zu einem göttlichen Recht, auf das alle Forderungen zurückgeführt und dementsprechend mit Bibelzitaten untermauert wurden. Es hat etwas Bescheidenes, geradezu Rührendes, wie er und seine Freunde in ihrer Not immer wieder betonen, dass sie streng auf dem Boden des Glaubens stehen. Aber trotz aller Kompromissbereitschaft waren die »Zwölf Artikel« für die damalige Zeit ein radikales politisches Dokument, radikal aber im ursprünglichsten Sinn des Wortes, nämlich »bis an die Wurzel gehend«, von der aus die alte gesetzliche Ordnung neu gestaltet, aber nicht zerstört werden sollte.
So fordern sie im 1. Artikel das Recht, ihren Pfarrer frei wählen und notfalls absetzen zu dürfen. Auch müsse dieser das Evangelium »ohne allen menschlichen Zusatz«, d. h. ohne Verderbungen und Umdeutungen im Sinne der Grundherrschaft, predigen: Das war eine berechtigte Forderung, wenn man bedenkt, wie häufig sich die Geistlichkeit zum Instrument des Adels machen ließ. Zur Besoldung des Pfarrers sind die Bauern dann auch bereit, den sogenannten »großen« oder Getreidezehnten zu geben, dessen Überschüsse gleichzeitig der Versorgung der Armen zugute kommen sollen. Und so geht es weiter mit den verschiedenen Forderungen und Wünschen bis zum 11. Artikel, während der 12. und letzte noch einmal ausdrücklich betont, dass die Bauern von allen jenen Forderungen wieder abstehen wollten, »die dem Wort Gottes nicht gemäß wären«.
Text der Zeit
Aus den Zwölf Artikeln der Bauern 1525
1. Es ist unsere demütige Bitte und Begehr [...], dass eine ganze Gemeinde einen Pfarrer selbst erwählen [...] soll, auch Gewalt haben, denselben wieder zu entsetzen, wenn er sich ungebührlich hielte. Derselbe erwählte Pfarrer soll uns das heilige Evangelium lauter und klar predigen ohne allen menschlichen Zusatz.
2. Nachdem der Zehnte eingesetzt ist im Alten Testament [...] sind wir hinfort willens, diesen Zehnten durch unsere Kirchenpröbste, die von der ganzen Gemeinde eingesetzt wurden, einsammeln zu lassen und davon einem Pfarrer seinen geziemenden Unterhalt zu geben [...], und was übrig bleibt, soll man armen Bedürftigen austeilen, die im ganzen Dorf vorhanden sind. [...] Den kleinen Zehnten (Viehzehnt) wollen wir gar nicht geben, denn Gott der Herr hat das Vieh frei für den Menschen geschaffen.
3. Es ist bisher Brauch gewesen, dass man uns für Eigenleute gehalten hat, was zu erbarmen ist, angesichts dass uns Christus alle mit seinem kostbaren Blut erlöst und erkauft hat [...]. Nicht etwa, dass wir ganz frei sein und keine Obrigkeit haben wollen, das lehrt uns Gott nicht [...], vielmehr wollen wir gegen unsere gesetzte Obrigkeit in allen geziemenden und christlichen Sachen gehorsam sein.
4. Es ist bisher Brauch gewesen, dass kein armer Mann Gewalt gehabt hat, Wildbret, Geflügel oder Fische in fließendem Wasser zu fangen. Auch halten an etlichen Orten die Obrigkeiten das Wild uns zum Trotz und mächtigen Schaden. Das ist wider Gott und den Nächsten; denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt gegeben über alle Tiere, den Vogel in der Luft und den Fisch im Wasser.
5. Wir beschweren uns auch wegen der Holzung [Rodung]. Unsere Herrschaften haben sich die Wälder alle allein angeeignet, und wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es für doppeltes Geld kaufen. Es ist aber unsere Meinung, dass Wälder, die Geistliche und Weltliche innehaben und für die sie nichts bezahlt haben, dass sie der ganzen Gemeinde wieder anheimfallen sollen. Ihr soll es freistehen, dass jeglicher seinen Bedarf an Brennholz umsonst ins Haus nehme, desgleichen auch [...] zum Zimmern, doch mit Wissen derer, die von der Gemeinde dazu erwählt werden. Wenn aber keine Gehölze vorhanden wären als die redlich gekauften, so soll man sich mit den Besitzern brüderlich und christlich vergleichen. [...]
6. Es ist unsere harte Beschwerde wegen der Dienste, die von Tag zu Tag gemehrt werden und wir begehren [...], dass man gnädig berücksichtige, wie unsere Eltern gedient haben, allein nach dem Inhalt von Gottes Wort.
7. Wir wollen, dass die Herrschaft uns nicht weitere Lasten auferlegt [...], wenn aber dem Herrn [weitere] Dienste vonnöten wären, soll ihm der Bauer vor anderen willig und gehorsam sein, doch zu einer Stunde und Zeit, dass es ihm nicht zum Nachteil diene, und er soll den Dienst um angemessenen Lohn tun.
8. Sind wir beschwert, dass viele Güter den Pachtzins nicht aufbringen können und die Bauern das ihre darauf einbüßen und verderben. Wir wollen, dass die Herrschaft diese Güter durch ehrbare Leute besichtigen lässt und nach der Billigkeit einen Pachtzins festsetze. [...]
9. Wir sind beschwert der großen Frevel [der mittelschweren Vergehen] wegen, dass man stets neue Strafsätze macht; denn man straft uns nicht nach Gestalt der Sache, sondern zuzeiten aus großem Neid, zuzeiten aus großer Gunst. Es ist unsere Meinung, uns nach alter festgesetzter Strafe zu strafen, je nachdem, wie die Sache beschaffen ist, und nicht nach Willkür.
10. Wir sind beschwert, dass etliche sich Wiesen zugeeignet haben, desgleichen Äcker, die einer Gemeinde gehören. Dieselben werden wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen, es sei denn, dass man sie redlich gekauft habe. [...]
11. Wir wollen den Brauch, genannt der Todfall [eine Erbschaftsabgabe] ganz und gar abgetan haben und nimmer gestatten, dass man Witwen und Waisen das ihre wider Gott und Ehre also schändlich nehmen und rauben soll, wie es an vielen Orten in mancherlei Gestalt geschehen ist.
12. Wenn einer oder mehrere der hier aufgestellten Artikel dem Wort Gottes nicht gemäß sind, wollen wir davon abstehen, wenn man es uns aufgrund der Schrift nachweist. Wenn man aber etliche Artikel schon jetzt zuließe und sich danach fände, dass sie unrecht wären, sollen sie von Stund an [...] nicht mehr gelten.
Gemaeinsames Mahl statt eines Krieges! 1525 hatten noch die Kontrahenten den Kampf vermeiden können und sich zum legendären Milchsuppenessen zusammengesetzt. Historisierende Darstellung. Zürich, Zentralbibliothek.
Der Aufstand im Südwesten: »Schwäbischer Bund« und »Christliche Vereinigung«
Kompromissbereiter kann man es gar nicht ausdrücken. Und doch wirkten die Artikel wie ein Sprengstoff. Sie wurden auf Flugblätter gedruckt und ebenso rasch über ganz Deutschland verbreitet wie fünf Jahre zuvor die Thesen Luthers. Der Adel dachte aber gar nicht daran, auf sie einzugehen, sondern rüstete sich zum Gegenschlag.
Der baierische Kanzler Leonhard von Eck, ein ungemein starrsinniger Politiker, mobilisierte sogleich den »Schwäbischen Bund«, jene schon 1488 von Fürsten und Städten im Süden des Reiches gegründete Vereinigung, und forderte stur die Niederwerfung der Bauern. Diese begannen nun ihrerseits, sich militärisch zu organisieren, und sie fanden in entlassenen Landsknechten kampferprobte Anführer. Die Zahl der Aufständischen im schwäbischen Raum wird auf rund hunderttausend geschätzt, das war bei den damaligen Bevölkerungsverhältnissen ein beachtliches Aufgebot, und es lässt vermuten, dass sich die meisten erwachsenen Bauern der Bewegung angeschlossen hatten.
Als die Bauern erkannten, dass der »Schwäbische Bund« zu ihrer Niederwerfung entschlossen war, setzten sich zunehmend die radikalen Wortführer durch. Die Ereignisse drängten jetzt ungemein rasch einer Entscheidung zu. Kurz vor dem 1. März hatte Lotzer die »Zwölf Artikel« verfasst. Schon am 6. März trafen sich die Abgesandten der drei Haufen in Memmingen und schlossen sich am folgenden Tag zu der »Christlichen Vereinigung« zusammen. Am 30. März fassten sie dann den Beschluss, Klöster und Adelssitze auszutilgen. Wir hören in den folgenden Tagen von zahlreichen Angriffen, Überfällen, hören von Raub und Plünderung, doch nie von Mord oder Totschlag. Die gleichen Beobachtungen lassen sich in den nächsten Wochen auch in den anderen Aufstandsgebieten machen.
Brutale Militärmaschinerie und Versprechungen
Für die Truppen des »Schwäbischen Bundes« gab es nun aber kein Zögern mehr, und schon am 4. April, dem Dienstag in der Woche vor Ostern, schlug Georg Truchsess von Waldburg, der Bundesfeldherr, der eine entscheidende Rolle in den dramatischen Ereignissen spielen sollte, den Baltringer Haufen bei Leipheim in der Nähe von Ulm. Ohne Verzug rückte er gegen den Allgäuer Haufen vor und schlug diesen am Karfreitag bei Wurzach. Schon am Karsamstag trat er bei Weingarten gegen den Bodenseehaufen an. Hier hatten die Bauern noch einmal zwölftausend Mann aufgestellt. Da sie doppelt so stark waren wie das Heer des Bundes, bot sich ihnen noch einmal eine reelle Siegeschance, trotzdem zögerten sie mit dem Angriff, und der Truchsess hielt sich diesmal selbst vorsichtig zurück. Er begann im Gegenteil sogar zu verhandeln und schloss schon am Ostersonntag mit den Bauern den sogenannten »Weingartner Vertrag«. Die Bauern durften ihre Waffen behalten, mussten aber ihren Haufen auflösen. Über ihre Beschwerden sollte ein Schiedsgericht von vier bis sechs Städten entscheiden. Damit war der Schwäbische Aufstand endgültig zusammengebrochen. Er hatte auf den Tag genau sechs Wochen gedauert, von denen sogar drei mit Verhandlungen vergangen waren. Gewonnen hatten die Bauern mit dem Vertrag gar nichts, der »Schwäbische Bund« aber bekam seine Truppen frei, um die anderen Aufstände im Schwarzwald, in Württemberg und in Franken niederzuwerfen.
Der Aufstand an Tauber, Main und Neckar
Dort war der Aufstand am 21. März ausgebrochen, als sich die Bauern im Gebiet der Reichsstadt Rothenburg erhoben. In der Stadt selbst schloss sich ihnen ein Großteil der Bürger an. Bürgern und Bauern ging es hier nicht um Befreiung von Leibeigenschaft wie im Allgäu oder um den Abbau drückender Lasten, vielmehr stand die Forderung nach größeren politischen Rechten und Freiheiten im Vordergrund. Das zeigte sich besonders deutlich in dem sogenannten »Schlosserartikel«, um den die Franken die »Zwölf Artikel« ergänzten: »Es sollen alle Geistlichen und Weltlichen, Edle und Unedle, hin für des gemeinen Bürger- und Bauernrechts halten und nicht mehr sein als ein anderer gemeiner Mann«, und es sollten daher alle Schlösser abgebrochen oder verbrannt werden.
Mit solchen Forderungen nach politischer Gleichstellung aller waren die fränkischen Bauern immerhin dem berühmten Beschluss der Französischen Nationalversammlung vom 4. August 1789 über Abschaffung der Adelsprivilegien um zweihundertsechzig Jahre voraus!
Am 26. März erhoben sich auch die Bauern im Odenwald und im Neckartal. Und auch hier brannten bald Burgen, Schlösser und Klöster. Nach einem zeitgenössischen Zeugnis wurden in diesem Gebiet insgesamt hundertzweiundsechzig Adelssitze und sechsundvierzig Klöster niedergebrannt, doch ebenso wie in Schwaben die Bewohner geschont. Nur einmal kam es am Ostersonntag, dem 16. April, zu einer furchtbaren Bluttat. In der württembergischen Stadt Weinsberg hatte der junge Graf Helfenstein die Verteidigung übernommen, der als kompromissloser Vertreter der Adelspartei galt und durch verschiedene Äußerungen, angeblich aber auch durch einen heimtückischen Überfall, die Bauern aufs Äußerste gereizt hatte. Als ihnen nun am Ostersonntag die Überrumpelung der Stadt gelang, ließen sie zwar die Frau des Grafen mit dessen zweijährigem Söhnchen laufen, doch brachten sie ihn, dreizehn andere Ritter und einige Knechte um. Das war wohl die einzige brutale Mordtat in ganz Deutschland, trotzdem wurde dieser Einzelfall sogleich verallgemeinert und schadete der bäuerlichen Sache ungemein. Unter dem Eindruck von Weinsberg und den Ereignissen in Thüringen, von denen noch die Rede sein wird, verfasste Martin Luther in höchster Erregung seine Schrift »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern«, in der er von der Obrigkeit rasches Einschreiten forderte.
Götz von Berlichingen und Florian Geyer
Anfang Mai spitzten sich die Ereignisse in Franken zu, und die ersten größeren Bauernscharen zogen nach Würzburg, wo sich die Bürger mit ihnen verbrüderten. Mit den Bürgern des Taubertales kam als einer ihrer Anführer der Ritter Gottfried von Berlichingen, der sich ihnen halb unter Druck angeschlossen hatte. Er und der Ritter Florian Geyer, einer der wenigen Adeligen, die sich kompromisslos auf die Seite der Bauern stellten, rieten zur Mäßigung und zu Verhandlungen, aber ein Teil der Bauern wagte am 15. Mai leichtsinnig den Sturm auf die von bischöflichen Truppen verteidigte Burg Marienberg. Während die Verteidiger dabei nur drei Mann verloren, kostete der ebenso unnötige wie erfolglose Angriff mehreren Hundert Bauern das Leben.
»Bauernparlament« von Heilbronn - Zukunftweisende Überlegungen
In diesen Tagen, in denen überall die Gewalt triumphierte, fanden sich die wohl fähigsten Vertreter der verschiedenen Gruppen in Heilbronn zusammen und gründeten dort ein sogenanntes »Bauernparlament«. Über den dramatischen und spektakulären Ereignissen in Franken geriet die Arbeit dieser Männer etwas in Vergessenheit, und doch entstand hier die wohl politisch bedeutendste Leistung des ganzen Bauernkrieges, nämlich der Entwurf einer Reichsverfassung, in der auch die Forderungen der »Zwölf Artikel« verankert waren. Er ging vor allem auf den Mainzer Rentamtmann Friedrich Weigant und den »Kanzler« des Bauernheeres Wendel Hipler, einem ungemein fähigen Verwaltungsbeamten in kurpfälzischen Diensten, zurück. Ziel dieses politisch ebenso kühnen wie weit vorausblickenden Dokuments war die Rechts- und Wirtschaftseinheit des Reiches. Die Territorialgewalten sollten zugunsten eines starken, zentralen Kaisertums zurückgedrängt und jede kirchliche Einmischung in staatliche Verhältnisse möglichst unterbunden werden. Das Gerichtswesen sollte neu geordnet, den Armen sollte geholfen, der Zinssatz auf vier Prozent beschränkt, freier Handel im ganzen Reich gewährleistet, ein einheitliches Maß- und Gewichtssystem geschaffen werden. Mit diesem Entwurf waren die Bauern ihrer Zeit tatsächlich um Jahrhunderte voraus. Erst in die Reichsverfassung von 1848 und von 1871 wurden einige dieser Ideen und Forderungen wieder aufgenommen. Es ist die große Tragik des Bauernkriegs, dass dieser Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt war, nicht zuletzt auch deshalb, weil weder Bürger noch Adel auf die Ideen eingingen.
Das Ende des fränkischen Aufstandes: Blutbad und Massenhinrichtungen
Man darf allerdings auch sagen, dass die Ereignisse ihn einfach überrollten; denn während die Männer in Heilbronn noch berieten, schlug der Truchsess von Waldburg mit den Truppen des Bundes erneut zu und vernichtete am 12. Mai bei Böblingen ein Bauernheer, noch ehe dieses sich richtig zum Kampf formiert hatte. Dabei wurden an die achttausend Bauern getötet. Wie schon an Ostern in Oberschwaben, handelte der Truchsess, dem die Zeitgenossen den Beinamen »Bauernjörgel« (Jörg = Georg) gaben, ungemein rasch. Von Böblingen aus rückte er mit seinen Landsknechten, die ja meist auch nichts anderes waren als angeworbene Bauernsöhne, nach Weinsberg vor und brannte die an sich unschuldige Stadt als Quittung für die blutigen Osterereignisse nieder. Sein Ziel war Würzburg, wo ja eine Entscheidung herbeigeführt werden musste. Tatsächlich genügte schon die Kunde von seinem Herannahen, um die Belagerer der Burg zu spalten; denn die Neckartaler Bauern zogen sich nun zurück, um die eigene Heimat zu verteidigen.
Der Truchsess erkämpfte sich bei Königshofen den Übergang über die Tauber. Am Pfingstsonntag, dem 4. Juni, stellten sich ihm noch einmal fünftausend Bauern auf dm Hochfläche bei Giebelstadt westlich von Würzburg, doch allein der Anblick des kampferprobten Heeres reichte schon aus, sie in kopflose Flucht zu schlagen und fast alle wurden sie niedergemetzelt. Nur etwa zweihundert verteidigten sich im Schloss zu Giebelstadt und kämpften dort verzweifelt bis zum letzten Mann. Schon am Dienstag nach Pfingsten ergaben sich dann die Bauern im Würzburger Lager.
Wie in Schwaben, so hatte auch in Franken der Aufstand gerade sechs Wochen gedauert. Der Rest war nur noch Gemetzel. An die zehntausend Bauern sollen hingerichtet worden sein. Allein der Henker des Truchsess schlug zwölfhundert Männern die Köpfe ab. Der Würzburger Bischof hielt eine regelrechte Henkersreise durch sein Hochstift, strafte überall brutal und kassierte so nebenbei von der Stadt Würzburg wegen ihrer Unterstützung der Bauern noch die horrende Summe von 270 000 Gulden als Entschädigung. Es spricht für den Bamberger Bischof, dass er im Gegensatz zu seinem Würzburger Amtskollegen in seinem Gebiet die Strafexpedition des Bauernjörg zu verhindern oder zumindest abzumindern suchte.
Unruheherd Thüringen
Den dritten großen Unruheherd des Krieges bildete Thüringen, wo die Beweggründe der Bauern wieder anders gelagert waren. »Wollten die Oberschwaben nur die Lasten erleichtern, die auf den Bauern lagen, wollten die Franken zugleich das Reich reformieren, dem Bauernstand eine politische Stellung erringen und sein Los mit dem des Kaisers verknüpfen, so wollten die Thüringer schlechthin die ›kommunistische‹ Revolution durchführen« (G. Franz). Diese Revolution stand und fiel allerdings mit einem Mann, dem lutherischen Prediger Thomas Müntzer (auch Münzer).
Zwiespältig war Müntzer in seinem ganzen Wesen, und zwiespältig bleibt auch seine Beurteilung durch die Nachwelt. Während die einen in ihm einen religiösen und politischen Schwärmer, bestenfalls einen seltsamen Idealisten sehen wollen, ist er für andere - vor allem auch in der Sicht marxistischer Geschichtsschreibung - einer der bedeutendsten sozialen Revolutionäre Deutschlands. Zentrum seines Wirkens war die thüringische Stadt Mühlhausen. Man hat untersucht, warum er gerade dort so viele Parteigänger fand, und glaubt die Ursache in der wirtschaftlichen Lage der Einwohner zu erkennen, von denen die meisten schlechter daran waren als viele süddeutsche Bauern. Schon 1523 hatte hier ein gewisser Heinrich Pfeiffer, ein ehemaliger Mönch und späterer lutherischer Geistlicher, revolutionäre Ideen verbreitet, doch trat er freiwillig hinter dem wortgewandten Müntzer zurück. Der aber forderte nicht weniger als den »Gottesstaat auf Erden«, in dem vom Fürsten bis zum Bettler alle Menschen gleich sein sollten. Seit dem Februar 1525 versuchte Müntzer in Mühlhausen seine Forderungen zu verwirklichen und setzte sie im März auch teilweise in der Gemeinde durch. Von hier aus griffen die allgemeinen Unruhen in den folgenden Wochen auf die meisten Städte und Landgemeinden Thüringens über, aber Müntzers Einfluss blieb überwiegend auf Mühlhausen beschränkt. Er war zwar ein wortgewandter Redner, nicht aber der große Volksführer, als der er sich selbst fühlte. Vielmehr war er im Grunde seines Wesens eher ängstlich und zögernd und berauschte sich im sicheren Mühlhausen an seinen eigenen Worten.
Der Aufruhr in Thüringen war kein gewaltiges Feuer wie im Süden des Reiches, eher ein Glimmen und Aufflackern zahlreicher kleinerer Brände an verschiedenen Orten. Das hing nicht zuletzt damit zusammen, dass hier keine Leibeigenschaft bestand und auch die Abgaben an die Herrschaft eine untergeordnete Rolle spielten. So bildeten die Forderungen der »Zwölf Artikel« kein einheitliches Programm, auf das alle eingeschworen waren, vielmehr versuchten die verschiedenen Gruppen und die einzelnen Orte jeweils auch ihre lokal bedingten Sonderinteressen durchzusetzen und waren es oft schon zufrieden, wenn sie dabei Teilerfolge verzeichnen konnten. Ein Musterbeispiel für solche Haltung ist der Aufstand in Langensalza, wo die Bürger am 25. April gegen den Rat rebellierten und ihre Forderungen in zwölf sehr gemäßigten Punkten zusammenfassten. Angetrieben durch den energischen Pfeiffer, zog ihnen daraufhin Müntzer mit etwa fünfhundert Mann aus Mühlhausen zu Hilfe. Aber als die Bürger von Langensalza vom Rat einen Teil ihrer Forderungen erfüllt bekamen, wollten sie plötzlich nichts mehr von ihren radikaleren Brüdern wissen, verschlossen die Tore und suchten sie mit ein paar Fass Bier abzuspeisen.
Das Gemetzel von Frankenhausen
In sich zerrissen und uneinig war hier aber auch der Adel. Während ein Teil sich den Aufständischen anschloss, suchte ein anderer den Unruhen Widerstand entgegenzusetzen. Schließlich verlagerte sich das Schwergewicht der Unruhen nach Frankenhausen am Kyffhäuser. Hier hatten sich Bauern und Bürger zusammengeschlossen und ihre Forderungen in nur vier gewichtigen Punkten niedergelegt. Zwei waren den »Zwölf Artikeln« entnommen: ungehinderte Predigt des göttlichen Wortes und freie Nutzung von Holz, Wasser, Weide und Jagd. Weiter sollten die Fürsten ihre Schlösser zerstören und ihre hohen Titel ablegen, dafür sollten ihnen als Entschädigung sogar die geistlichen Besitzungen in ihrem Herrschaftsbereich zufallen, was bestimmt nicht wenig gewesen wäre.
Die Zahl der Aufständischen wuchs rasch auf sechstausend. Zu ihnen gesellte sich am 6. Mai Müntzer, dem diesmal aber nur noch dreihundert Anhänger aus Mühlhausen gefolgt waren. Er übernahm sogleich die Führung, doch blieb ihm nicht mehr viel Zeit für Vorbereitungen; denn schon nahten im massiven Aufgebot seine Gegner mit ihren kampferprobten Landsknechten. Im Gegensatz zum Süden, wo sich im »Schwäbischen Bund« Städte und Fürsten vereint hatten, war hier die Niederwerfung allein Sache der Fürsten, des Landgrafen Philipp von Hessen und seines Schwiegervaters Herzog Georg von Sachsen. Auch Kurfürst Johann von Sachsen und der Herzog von Braunschweig rückten zur Unterstützung herbei.
Am 14. Mai erreichten die Truppen Frankenhausen, wo sich die Bauern einen Tag später nördlich der Stadt in einer Wagenburg verschanzten. In naivem und doch unerschütterlichen Glauben an die Gerechtigkeit ihrer Sache suchten sie noch einmal zu verhandeln, doch gingen die Gegner nicht darauf ein. Müntzer beging den schwerwiegenden Fehler, dass er ihnen versprach, sie würden im Kampf unverwundbar sein. Um so größer war die allgemeine Panik, als die ersten Kugeln in die Wagenburg einschlugen und ihre Opfer forderten. Bald flüchteten die Bauern nach allen Seiten, und auch hier endete der Kampf mit einem furchtbaren Gemetzel, in dem fünftausend Aufständische umkamen. Müntzer wurde gefangengenommen, gefoltert und dann zusammen mit Pfeiffer und zweiundfünfzig weiteren Gefährten hingerichtet. Drei Wochen nur, kürzer als in Süddeutschland, hatte der Aufstand gedauert, dem das gleiche brutale Strafgericht wie in Franken folgte.
Der Anfang des absolutistischen Territorialstaates
Neben den drei großen Zentren in Schwaben, Franken und Thüringen blieben die Unruhen in anderen Teilen des Reiches vergleichsweise unbedeutend. Ein Blick auf die Karte des Bauernkrieges zeigt, dass in der zweiten Aprilhälfte auch linksrheinische Gebiete erfasst worden waren. Im Vogtland begannen die Unruhen nach dem 30. April und dauerten bis Anfang Juni. Um diese Zeit kam es auch in Tirol, Salzburg und einigen Gebieten der Steiermark zu Aufständen. Im Salzburgischen konnten sich die Bauern sogar bis zum Frühjahr 1526 halten, doch hatte dort ihre Empörung mehr lokalen Charakter. Es wird sich letztlich nie ganz klären lassen, warum die Bauern scheiterten. An ihrer Anzahl, an ihrer Ausrüstung und an der Kampfbereitschaft lag es gewiss nicht, eher schon an der mangelnden politischen und militärischen Führung. Wenn einige Historiker allein Müntzer herausstellen, so bleiben selbst für ihn erhebliche Zweifel, war er doch viel zu wenig realistischer Politiker und schon gar kein militärischer Führer. Auch fehlte das einheitliche politische Ziel. Die Wirkung der »Zwölf Artikel« kann nicht hoch genug angesetzt werden, aber sie verpuffte doch in der ideellen und räumlichen Zersplitterung der Gruppierungen.
Die Verfolgungen der Bauern zogen sich dann um so länger hin. Da fielen Köpfe, wurden Augen ausgestochen, Hände abgehackt. Dazu mussten die Überlebenden Strafgelder zahlen. Die Summe von durchschnittlich sechs bis acht Gulden je Herdstelle scheint nicht hoch, entsprach aber dem doppelten Monatslohn eines Handwerkers und traf die Armen hart. An die hunderttausend Bauern hatten vorwiegend in den Kämpfen den Tod gefunden. Dörfer waren zerstört, Felder lagen brach. Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich jedoch nicht wesentlich, da die Überlebenden mit zähem Aufbauwillen arbeiteten. Auch der Adel selbst war ja gar nicht an einer Vernichtung des Bauernstandes interessiert, weil er damit seine eigene Existenz gefährdet hätte. Aber nicht die kleinen Herren waren ja die Sieger dieser blutigen Monate, sondern die Landesfürsten. Sie hatten die Aufstände niedergeworfen, und weder vom niederen Adel noch vom Kaiser war Hilfe gekommen. So konnten sie die Bauern nun voll der landesfürstlichen Gewalt unterordnen. Und G. Franz zieht in seiner grundlegenden historischen Untersuchung des Bauernkrieges deshalb auch die Bilanz: »Erst der Bauernkrieg gab den Fürsten den Weg frei, um den alten Ständestaat zu überwinden und den modernen absolutistischen Territorialstaat aufzurichten.«
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