War Otto von Guericke (1602-1686) wirklich nur der Erfinder der Luftpumpe, der Entdecker des Luftdrucks, der Konstrukteur eines Barometers und einer Elektrisiermaschine, wie er aus den Schulbüchern bekannt ist? War er wirklich der Scharlatan, als den ihn Physiklehrer bei der Demonstration des Luftdrucks hinstellen, weil er um des größeren Schaueffekts willen an beiden seiner luftleer gepumpten »Magdeburger Halbkugeln« mit bis zu 30 Pferden ziehen ließ, wo doch die Hälfte ausgereicht hätte, wenn er die eine Halbkugel an einer Mauer befestigt hätte?
Nun, sein Talent zu publikumswirksamen Auftritten hatte er als Politiker, als Ratsherr und Bürgermeister seiner Heimatstadt Magdeburg erworben. Als geschickter Diplomat war es ihm stets gelungen, für sie Sonderkonditionen herauszuholen; als Ingenieur leitete er erfolgreich ihren Wiederaufbau. Erst nach dem Krieg, mit fast 50 Jahren, begann er, mit leergepumpten Bierfässern aus seiner ererbten Brauerei zu experimentieren. Dabei ging es um Fragen, die sich der Autodidakt in Sachen Physik aus den gängigen Lehrbüchern zusammengelesen hatte: War der Raum zwischen den Himmelskörpern wirklich von dem alles durchdringenden »Äther« erfüllt? Von welcher Art waren die Kräfte, die von der Sonne auf die Planeten ausgeübt werden sollten? Um seine Zeitgenossen, die aus theoretischen Gründen einen leeren Raum ablehnten, von der Existenz des Vakuums zu überzeugen, musste er ständig neue Schau versuche ersinnen und sie immer dramatischer inszenieren. Um die Möglichkeit nichtmagnetischer Kräfte von einem Zentralgestirn auf seine Trabanten zu zeigen, fertigte er eine Schwefelkugel an, die, wenn sie mit trockenen Händen gerieben wurde, leichte Körper anzog oder abstieß. Aber erst Leibniz und der Engländer Robert Boyle erkannten ihre Funktion als Elektrisiermaschine. So wurde sein spätes Hauptwerk ein kosmologisches Werk über den Bau des Weltalls, dessen Ideen Newton bei seiner physikalischen Bestätigung des Keplerschen Weltbildes anregten.
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