Entstehung des Rittertums

Kinder spielen gern mit Ritterfiguren und Burgen, Ritter sind beliebte Helden von Sagen, Abenteuerbüchern, Comic-Serien und aufwendigen Breitwandfilmen. Der Schüler lernt sie im Unterricht kennen, die zahlreichen Besucher von Schlössern, Burgen und Ruinen hören und lesen von ihren Taten, Adel und Rittertum, Burgen, Rüstungen, Turniere und Kampfszenen gehören scheinbar fest zusammen, von ritterlichem Benehmen spricht man heute noch, ohne dass der Begriff antiquiert wäre. Alles scheint so augenfällig, so einfach, so selbstverständlich und so belegt durch tausenderlei Fakten, dass man es kaum glauben kann, wenn die historische Forschung hier noch Probleme sieht. Denn die Frage nach der Entstehung des Rittertums stellt uns noch heute vor einige schwerwiegende Probleme. Wenn in einem modernen historischen Werk die »Gemeinschaft der Ritter« als die »zum Turnier und zum Kampf zugelassenen Adeligen« bezeichnet wird, so zeigt sich in einer solchen Definition die Unsicherheit gegenüber einem scheinbar selbstverständlichen Begriff. Die Gleichung Adel = Ritter oder umgekehrt mag wohl für Frankreich gelten, wo die Entwicklung von Adel und Königtum einen anderen Verlauf genommen hat, nicht aber für das Deutsche Reich. Und auch heute noch müssen die Historiker gerade für die Anfänge häufiger mit Vermutungen und Theorien arbeiten als mit greifbaren Tatsachen.

Edle Ritter von ganz unten?
Wahrscheinlich, so nimmt die Forschung heute an, hängt die Ausformung des Rittertums eng mit der Entwicklung des Lehnswesens zusammen. Im Deutschen Reich kann man schon im 11. Jahrhundert den Aufbau der Gesellschaft als pyramidenförmiges Gebilde mit gegenseitigen lehnsrechtlichen Abhängigkeiten bezeichnen. An der Spitze dieser ›Lehnspyramide‹ stand der König als oberster Lehnsherr, dem die geistlichen und weltlichen Fürsten folgten, die einen Teil ihrer Lehen wieder an andere Vasallen weitergaben. Diese Aufteilung in immer neue Lehnsleute und Untervasallen setzte sich fort bis zu jener untersten Schicht der unfreien Dienstleute oder Ministerialen, die uns im Zusammenhang mit den neuen Theorien über die Entstehung des Rittertums besonders interessieren.

Obgleich persönlich unfrei, standen diese Männer noch über der unfreien Bevölkerung, denn ihre Herren übertrugen ihnen verantwortungsvolle Aufgaben, sei es bei der Verwaltung der Güter, sei es als Kammerherren, als Boten oder beim Schutz und der Bewachung der Burgen. Dabei handelte es sich stets um Aufgaben, die nicht jedem Beliebigen überlassen werden konnten, sondern die vielmehr Verantwortungsgefühl und Umsicht voraussetzten und damit ein besonderes Treueverhältnis zwischen Herr und Dienstmann entstehen ließen. So waren diese Männer vertrauenswürdige Diener ihrer Herren, die sie ihrerseits entsprechend belohnten, indem sie ihnen mit der Zeit kleinere Lehen übertrugen. Persönliche Tüchtigkeit, verbunden mit der unerlässlichen Portion Glück leiteten dann häufig den sozialen Aufstieg ein.

Ritter, ursprünglich ein seltener Begriff
Was hier mit wenigen Sätzen angedeutet ist, vollzog sich allerdings nicht von heute auf morgen, dauerte Jahrzehnte und über mehrere Generationen hinweg. Aus dieser Schicht nun, so vermutet heute die Forschung, erwuchs in Deutschland das Rittertum. Viele dieser Ministerialen leisteten ihren Herren ja auch Heeresfolge und Kriegsdienste und kämpften dabei schwer gerüstet als Reiterkrieger. Erst seit 1060 kam für solche Reiter, gleichermaßen für die Edelfreien und die Dienstleute, in den Urkunden die Bezeichnung »riter« auf. Es bleibt als ungelöste Frage, ob sie auch gleichermaßen auf schwerbewaffnete Fußkämpfer angewandt wurde.

Ganz gesichert ist eigentlich nur, dass diese Bezeichnung sich sehr langsam durchsetzte und es mehr als ein Jahrhundert dauerte, bis sie allgemein in Gebrauch kam!

Eine neuere Untersuchung über die Verwendung dieses Wortes gibt zu denken. So hat Joachim Bumke in seinen »Studien zum Ritterbegriff im 12. und 13. Jahrhundert« nachgewiesen, dass »riter« in allen von ihm untersuchten zeitgenössischen Dichtungen bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts nur achtundzwanzigmal vorkommen, bis 1180 sind es dann schon hundertfünfzig Erwähnungen, und für die Jahre bis 1250 stößt er auf rund sechstausend Nennungen des Begriffs oder damit zusammenhängender und abgeleiteter Worte. Seit etwa 1175 erfolgt die Schreibung dabei mit zwei t als »ritter«. Bumkes Untersuchung ist keineswegs Wortklauberei. Sie lässt vielmehr die überzeugende Annahme zu, dass die wachsende Beliebtheit des Wortes aus einer neuen gesellschaftlichen Einschätzung dieser Ritter erfolgte. Die Vermutung liegt nahe, dass die Dienstleute, die seit dem Ausgang des 12. Jahrhunderts immer häufiger Ritter genannt werden, selbst solche Aufwertung vorantrieben und nach Möglichkeit begünstigten. Wenn das stimmen sollte, könnte der Begriff aber nicht, wie man früher vermutete, eine Bezeichnung für Adelige sein. Vielmehr mag sich hier allmählich im Laufe von knapp zwei Jahrhunderten eine neue angesehene Schicht herausgebildet haben, in die immer mehr Dienstleute hineinwuchsen. Sie dürften den Grundstock der Ritter gebildet haben, und erst nachdem diese schon zunehmendes Ansehen genossen, akzeptierte sie auch der Adel.
 
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