Das Wunder von Xanten

Der Familienzwist im Hause der Liudolfinger schien beseitigt, doch die trügerische Ruhe glich einem tiefen Atemholen vor der endgültigen Entscheidung. Zunächst lagen alle Trümpfe aufseiten der Verschwörer: Herzog Giselbert von Lothringen stieß zu ihnen, der sächsische Adel wurde durch Geschenke gewonnen, sodass mit Lothringen, Franken und Sachsen über die Hälfte des Reiches gegen Otto I. stand.

Die Baiern hielten sich abwartend heraus, nur die Schwaben wollten »lieber mit der gerechten Sache und ihrem gerechten König unterliegen als wider das Recht mit ihrem Vetter Eberhard siegen«. An einen Sieg Ottos I. glaubten auch die Schwaben nicht mehr, die Ausgangslage konnte schlechter gar nicht für Otto I. sein. Zu allem Unglück griffen die Verschworenen Ottos Heer in dem Augenblick an, als ein Teil gerade über den Rhein bei Xanten gesetzt war. Der König musste am Ostufer ohnmächtig mit ansehen, wie die Vorhut in einen Kampf verwickelt wurde, dessen Ausgang klar war. Eine Niederlage bedeutete für Otto I. das »Aus«. In dieser großen Not ergriff er - wie die Chronisten berichten - die Heilige Lanze und wandte sich in forderndem Gebet zu Gott. Und das Wunder - anders kann man die folgenden Vorgänge nicht nennen - geschah! Ottos kleiner Trupp umging die Lothringer, und diese, von ihm in französischer Sprache zur Flucht aufgefordert, liefen tatsächlich davon im Glauben, eigene Leute hätten ihnen zugerufen. Bruder Heinrich floh mit wenigen Begleitern nach Merseburg, wo ihn Otto I. zwei Monate erfolglos belagerte, obwohl der sächsische Adel, durch Ottos I. wunderbare Rettung beeindruckt, sich wieder auf dessen Seite geschlagen hatte. Schließlich ergab sich das Haupt der Verschwörung, setzte sich aber nach Vereinbarung einer 30tägigen Waffenruhe nach Lothringen ab.

Kämpfe und Verrat
Der Kampf begann von neuem, verbrannte Erde kennzeichnete den Weg Ottos I. nach Lothringen. Als er vor Lüttich lag und Herzog Giselbert von Lothringen belagerte, vernahm er vom erneuten Kriegseintritt des Frankenherzogs Eberhard. Ein König ohne Fortune, der seit drei Jahren ruhelos seine Gegner hetzte oder selbst gehetzt wurde, der bei Xanten wie durch ein Wunder einer sicheren Niederlage entkommen war, die Gegner gerissen, einander ablösend in der Führung, nie unter dem Druck der Zeit oder dem Zwang zum Siegen stehend, bestimmten das Tempo der Verschwörung, die sich der Entscheidung erneut zuneigte, als nicht nur Eberhard den Kampf wiederaufnahm, sondern vor allem viele Bischöfe auf Betreiben des Erzbischofs von Mainz Ottos I. Lager heimlich bei Nacht verließen.

Die Entscheidungsschlacht
Entgegen dem Rat der nächsten Umgebung, sich ins sichere Sachsen zurückzuziehen, suchte Otto I. die endgültige Entscheidung, tief überzeugt von seiner göttlichen Erwähltheit und der gottlosen Maßlosigkeit seiner Gegner, nicht frei von Todesahnungen. Dass Otto I. nie verzagte, nicht zermürbt aufgab, obwohl seine Ratgeber dies nahelegten, ist wohl nur mit der Überzeugung zu erklären, dass er mit Gottes Hilfe berufen sei, das Erbe Karls des Großen zu übernehmen, die Einheit des Reiches, wenngleich in kleineren Grenzen, wiederherzustellen und in fernerer Zukunft die Kaiserkrone zu gewinnen. Aber dafür fehlte noch das Schlachtenglück, ein Sieg über die Gegner, ein Gottesurteil, das Otto I. vor aller Welt als den Erwählten ausgewiesen hätte.

Im Rückblick muss man feststellen, dass Otto I. in der Tat ein Glückskind war, dem - wie bei Xanten - noch einmal das Glück des Tüchtigen half: Eberhard und Giselbert, die beiden Herzöge, hatten Ottos Operationen im Elsass zum Anlass genommen, bei Andernach 939 mit einem Riesenheer den Rhein zu überschreiten, um Ottos I. Basis Sachsen zu gewinnen. An Königstreuen waren nur die Schwaben, Herzog Hermann, sein Bruder Udo, Graf des Rheingaues, sowie ihr Vetter Konrad »Kurzbold«, ein Haudegen, der vor nichts Angst hatte außer vor Frauen, den Verschwörern entgegengezogen. Aber sie wagten keine Schlacht, weil sie hoffnungslos unterlegen waren. Doch das Schicksal war ihnen am 2. Oktober 939 in einer nahezu unglaublichen Laune hold. Als das Heer der Gegner den Strom schon überfahren hatte, stießen Hermann, Udo und Konrad auf Eberhard und Giselbert, die sorglos beim Brettspiel saßen. Der folgende Kampf war schnell entschieden. Eberhard fiel, von Geschossen durchbohrt. Giselbert rettete sich mit wenigen Begleitern in einen Kahn, der vor Überlastung sank und alle in die Tiefe riss. Ein Gottesurteil ...

Der Kampf war zu Ende. Heinrich ergab sich, wurde von Otto I. in Gnaden aufgenommen und erhielt zur Belohnung das durch Giselberts Ertrinken verwaiste Lothringen. Dieser Schritt Ottos I. mag unerklärlich, obendrein gefährlich und äußerst naiv erscheinen. Aber bei aller Sentimentalität darf man nicht vergessen, was unabdingbar zum Moralkodex eines mittelalterlichen Königs gehörte: die Huld im Verzeihen. Ein Glück für Otto I., dass es in dieser Zeit innerer Wirren an den Grenzen einigermaßen ruhig blieb. Ein Ungarneinfall 937 konnte abgewehrt werden, und an der brodelnden Ostgrenze regierte Markgraf Gero mit harter Hand, sodass sogar die eigenen Leute rebellierten. Otto I. stellte sich unmissverständlich auf Geros Seite und zog den Hass schnell auf sich.

Der letzte Bruderzwist
Diese gereizte Stimmung blieb Heinrich nicht verborgen. Er sah die Stunde gekommen, durch Freigebigkeit und Geschenke Otto I. im eigenen Stamm auszumanövrieren und über die dortige Herzogswürde zur Königskrone zu kommen. Otto I. sollte während der Feier des Osterfestes im April 941 in Quedlinburg beseitigt werden. Der Anschlag wurde jedoch verraten, und Otto I. ließ die Rädelsführer kurzerhand enthaupten. Heinrich selbst entkam, wurde aber schnell gefasst und nach Ingelheim bei Mainz in strenge Haft gegeben. Mithilfe eines bestechlichen Priesters gelang Heinrich die Flucht - zu seinem königlichen Bruder. Das letzte Kapitel des Bruderzwistes ging Weihnachten 941 versöhnlich zu Ende. Otto I. verzieh nicht nur, sondern verlieh seinem Bruder, als Berthold 947 gestorben war, die Herzogswürde von Baiern. Heinrich vergalt die verzeihende Güte des Bruders von nun an mit beständiger Treue bis zu seinem Tod im Jahre 955.

Nach fünf Jahren beständiger Kämpfe war Otto I. am Ziel. Die Anerkennung, die er ursprünglich vielleicht schon durch den Krönungsritus als vollzogen angesehen hatte, war jetzt durch Bewährung in der Tat gewonnen. Bestätigung für die wachsende Festigung der Autorität war die Schiedsrichterrolle, die Otto I. im Westfrankenreich einnahm. Die politischen Rivalitäten zwischen den Karolingern und dem Grafen Hugo von Paris um die Königswürde konnte Otto I., der mit beiden Dynastien verwandtschaftlich verbunden war (Graf Hugo hatte 937 Ottos I. Schwester Hadwig, der Karolinger Ludwig IV. 941 Ottos I. Schwester Gerberga, ehemalige Gattin Herzog Giselberts von Lothringen, geheiratet), auf einer Synode in Ingelheim weitgehend schlichten. Ottos I. ausgleichende Vermittlerrolle trug zu seiner Anerkennung auch beim französischen Adel bei.
 
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