Heinrich VI. übernimmt im Wesentlichen die politischen Probleme seines Vaters: Reibereien mit den oberitalienischen Kommunen, dem Papst und den selbstherrlichen Fürsten in Deutschland, die mehr und mehr unkontrollierbar dem Ausbau ihrer Territorien nachgehen. War schon bei Friedrich Barbarossa die Italienpolitik ein gewisser Ausgleich für entgleitenden Einfluss im Reich, so macht Heinrich VI. den energischen Versuch, Sizilien als Reichsland ins Imperium einzubeziehen. Sizilien steht für ihn im Mittelpunkt aller Bemühungen, wobei in diesem Kapitel nicht so sehr die einzelnen Etappen seiner Regierungszeit interessieren als die propagandistischen Verlautbarungen, die sich um Heinrichs sogenannten Erbreichsplan und seine Kreuzzugsprojekte ranken.
Der Kreuzzug wurde als eine Weiterführung ähnlicher karolingischer Aktionen gegen die Heiden propagiert und mit »eschatologischen«, d. h. das Ende der Welt, das Jüngste Gericht und ein neues Weltzeitalter betreffenden Gedanken verknüpft. Der Besitz von Jerusalem war dabei nicht einfach ein Schritt auf dem Wege zur ›Weltherrschaft, sondern die allerletzte und strahlende Überhöhung des einen, nämlich staufischen, Kaisergeschlechtes. Dass das Ende der Welt nahe sei, wurde um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert allenthalben verkündet, z. B. von Joachim von Fiore († 1202), einem Zisterzienserabt, dessen prophetische Bibelversionen viele Leser erreichten und im öffentlichen Bewusstsein damals vielleicht wirklich eine Art Endzeiterwartung entstehen ließen.
Heinrichs VI. Kreuzzug scheiterte an seinem Tod. Gescheitert ist letztendlich auch der Versuch, der deutschen Monarchie durch Erblichkeit der Königswürde mehr Stabilität zu geben. Im Rückblick erscheint die Geschwindigkeit enorm, mit der sich die Erbmonarchien England und Frankreich zu geschlossenen, modernen Nationalstaaten (im Gegensatz zur deutschen Zersplitterung bis 1871) entwickelten. Liegen vielleicht schon einige Ursachen für die ›Verspätung‹ unserer Nation im frühen Tod Heinrichs VI., der mit seinem Erbreichsplan ja nicht nur egoistische Hausmachtsinteressen verfolgt, sondern den radikalen Versuch gemacht hatte, das Kaisertum aus dem traditionellen Rahmen das salisch-ostfränkischen Reiches zu lösen und im Kaiser geschlecht zu fundieren? Dies hätte nicht nur Aufwertung des staufischen Hauses, sondern vor allem größere Kontinuität in der Königsfolge, Vermeidung von Thronwirren, Bürgerkrieg und fürstlicher Koalitionsbildungen bedeutet.
Der Antichrist auf dem Thron: Friedrich II.
Manchmal macht die geschichtliche Entwicklung Sprünge, beispielsweise als nach den zermürbenden Thronwirren 1211 die deutschen Fürsten Friedrich II. gleich zum künftigen Kaiser wählten und damit indirekt und sicher teilweise unbewusst dem Erbreichsplan Heinrichs VI. folgten.
Da sein Sohn Heinrich (VII.) neun Jahre später im Deutschen Reich König, Friedrich selbst aber in Sizilien König und Kaiser wurde, begann ein Prozess der Trennung dieser ehedem so nahtlos verquickten Positionen. Das Kaisertum wurde durch diesen Schritt radikal aus dem überkommenen Rahmen des ostfränkisch-salischen Reiches gelöst und nun tatsächlich in einer Sippe fundiert. Damit wurde doch noch das eingelöst, was sich schon im 10. Jahrhundert an einzelnen Schritten Ottos des Großen gezeigt hatte: ein sogenanntes »romfreies« Kaisertum nämlich, allerdings unter ganz anderen historischen Bedingungen und Kräfteverhältnissen. Inzwischen war das Papsttum ja zu einer politischen und ökonomischen Macht geworden, deren mittelitalienische Besitzungen wie ein Riegel zwischen den Einflusssphären in Oberitalien und Sizilien standen. Da Friedrich II. die Einheit ganz Italiens anstrebte, konnte dies nur wieder Kampf bedeuten, Kampf mit Waffen, aber auch mit scharfen Worten in offiziellen Verlautbarungen und Briefen, Kampf aber auch mit den Waffen symbolträchtiger Handlungen. Dazu gehört 1229 die spektakuläre Selbstkrönung Friedrichs II. in Jerusalem, der damit aller Welt deutlich macht, dass er auf den Papst verzichten kann und seine Macht als direkt von Gott kommend versteht.
Seine Kanzlisten werden nicht müde, neben dieser Gottunmittelbarkeit Friedrichs »Davidskönigtum« zu betonen. König David, der Kämpfer gegen Goliath, hatte Israel zum führenden Staat in Syrien gemacht, das Ansehen Jerusalems durch Aufstellen der Bundeslade erheblich gesteigert und an seine Person dynastisch-messianische Hoffnungen geknüpft. Seine Regierung galt dem späteren Judentum als das Goldene Zeitalter - seine Person bot den Staufern also ausreichend Anknüpfungspunkte, um Friedrichs Ruhm in der Welt zu verkünden. Konnte man ihn doch auch im Zusammenhang mit der allgemeinen Endzeiterwartung als »Vollender der Weltgeschichte« darstellen.
Friedrichs II. ›Werbetrommler‹ machten beim Ausschlachten dieser Parallele noch lange nicht halt. Besonders Friedrich II. als Gesetzgeber in Unteritalien (Assisen von Capua und die Konstitutionen von Melfi) war ein willkommener Gegenstand ihrer Verherrlichung: da der Gesetzgeber göttliche Werke ausführe, werde er selbst Gott gleich und hat daher ein Recht auf Vergottung. »Herr des Erdkreises« wird er von seinen Anhängern gerne genannt, in deutlicher Anspielung auf biblisches Vokabular.
Friedrich II. liebt es, messiasähnlich aufzutreten, beispielsweise nach der Eroberung des symbolträchtigen Mailänder Fahnenwagens 1239. Stolz nennt er sich »der Glückliche, der Sieger, der Triumphator«, der »Cäsar«, König Italiens, Siziliens, Jerusalems und des Arelats.
Diese als anmaßend und unendlich verstiegen empfundenen Schritte provozieren entsprechende Reaktionen der Kurie, also des Papstes und seiner Berater, die Friedrich II. in zahllosen Pamphleten als Untier beschimpfen, als Kirchenfeind Nr. 1, als Vorläufer des Antichrist. Friedrichs Kanzlei antwortet wenig beeindruckt, die Urkunden nennen ihn immer noch »heilig«, seine Anhänger drücken ihre Begeisterung für ihn in der Bezeichnung »Engel Gottes« aus.
Die Lager sind gespalten wie nie, als Friedrich II. stirbt - in jedem Fall ein »Unzeitgemäßer«, der den Rahmen der damaligen Welt sprengte.
Die römische Bevölkerung als Kaisermacher
Nach Friedrichs II. Tod sind die antistaufischen Kräfte stark genug, um dafür zu sorgen, dass kein Mitglied dieses Hauses frühere Machtpositionen erlangen kann. Das Zerwürfnis mit der Kurie scheint total. Friedrichs Sohn Manfred versucht dementsprechend auch erst gar nicht, den Papst auf seine Seite zu ziehen.
Da schon Friedrich II. der päpstlichen Auslegung der Zweischwertertheorie eine Absage erteilt hatte, als er der Stadt Rom das Recht auf die Vergabe des Kaisertitels zugesprochen hatte, war für Manfred eine Argumentationslinie vorgezeichnet: Er versuchte, ohne deutsche Königswahl (er war König des sizilisch-süditalienischen Reiches) zum Kaiser aufzusteigen und plädierte dafür, dass die Römer ihren Anspruch auf die Vergabe dieser Würde anerkennen sollten. Nachdem sich die entsprechenden Kreise in Rom wohl aus Angst vor einem Bruch mit dem Papst ablehnend verhalten hatten, erklärte sich Manfred kraft seiner Zugehörigkeit zum staufischen Haus zur Selbstkrönung berechtigt.
Wenn man das Verhältnis von Königtum und Kaisertum, Königreich und Kaiserwürde von Karl dem Großen bis Manfred Revue passieren lässt, ist Manfred der Schlusspunkt einer mehr als vierhundertjährigen Entwicklung: War im 10. und 11. Jahrhundert das Kaisertum ohne die konkrete Machtgrundlage des ostfränkischen Reiches undenkbar, so löste Manfred die Kaiseridee radikal von ihrer historischen Grundlage und führte sie andererseits an die »Grenzen der Realität«, wie der Historiker Heinz Löwe formuliert.
Nachfolgenden Kaisergeschlechtern sollte es nicht mehr gelingen, ihrer Herrschaftsauffassung originell und zündend Ausdruck zu geben.
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