Handel, Verkehr und die Vorboten der naturwissenschaftlichen Revolution

Die gesteigerte Kaufkraft infolge von zunehmender Silbergewinnung im Harz und in Sachsen regt im hohen Mittelalter den Importhandel an, das aufblühende Handwerk drängt mehr und mehr auf Export. So kommen indische Gewürze und Farbstoffe, chinesische Seide und andere orientalische Luxuswaren über Byzanz und die Donauländer oder über Russland und die Ostsee nach Deutschland. Später werden sie von den Venezianern und Franzosen gegen deutsche Tuche, Leinenwaren oder Waffen gehandelt und gelangen über die Alpenpässe oder über Wien und Regensburg in unseren Raum. Leinenwaren werden nach Genua und Marseille verkauft, von wo aus sie bis nach Persien vertrieben werden. England liefert Wolle und schwarze Tuche und erhält dafür Getreide, Wein und Eisenwaren. Der slawische Raum exportiert außer Sklaven Honig und Pelze.

Auch im Hochmittelalter reisen die Kaufleute gewöhnlich noch bewaffnet und in Gruppen, um die vielen Straßenräuber abwehren zu können. Die Bauern liefern ihre Produkte auf zweirädrigen Karren oder vierrädrigen Pferdewagen in die nahe Stadt, die meisten Lasten werden aber durch Träger befördert. Reisende Metzger, wandernde Gesellen und Mönche, fromme Pilger auf dem Weg über den Brenner nach Rom oder Jerusalem und kaiserliche Heere bevölkern die Straßen. Der Kaiser zieht mit seinem Gefolge von Pfalz zu Pfalz. Noch immer reichen ja die Transportmöglichkeiten nicht aus, dass die Fronbauern den Hofstaat an einer zentralen Residenz versorgen könnten.

Für die Verpflegung der Reisenden ist gesorgt: bei den Bischofskirchen und an den Alpenpässen werden geistliche Hospize errichtet, die Klöster gewähren einzelnen Reisenden und wandernden Bauhütten ein Dach über dem Kopf. Vorschriften müssen verhindern, dass die Anrainer von den Reisegruppen zu sehr geschädigt werden: Der Reisende darf nur soviel Futter aus der Saat schneiden, wie er, mit einem Fuß auf dem Weg stehend, mit einer Sichel oder einem Schwert erreichen kann.

Mühsam über Stock und Stein
Der »Sachsenspiegel« legt die erste Straßenverkehrsordnung fest: leere Wagen müssen danach z. B. beladenen ausweichen. Aber was besagt das schon: Das Reisen bleibt extrem beschwerlich. Von den alten Straßen der Römer ist in Deutschland nicht viel übriggeblieben: die Anrainer hatten sie teilweise als Steinbruch benutzt. So sind sie häufig von Schlammlöchern übersät oder nur notdürftig durch Sand, Reisig oder Schotter, durch »Stock und Stein« repariert. Wer für ihren Unterhalt aufzukommen hat, ist klar festgelegt, doch kümmert sich niemand darum. Aus der Römerzeit haben auch die Straßenzölle überlebt, doch werden sie nur mehr als willkommene Quelle zur Bereicherung angesehen.

Geistliche Herren pflegen die Straßen schon eher, aber erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts achten auch die Städte darauf, dass in ihrem Umkreis gute Straßen entstehen. Die neugegründeten Städte verbindet bald ein dichtes Verkehrsnetz. Vom 11. Jahrhundert an werden immer mehr Fähren angelegt, ein Jahrhundert später kann man, wie in Regensburg oder Passau, viele Flüsse auf dauerhaften Steinbrücken überqueren. In England, Frankreich, aber auch in Passau gibt es geistliche Bruderschaften, die es für ihr Seelenheil besonders vorteilhaft halten, Brücken zu bauen und zu unterhalten.

Die neuen Straßen sind meistens Schotterstraßen. Steinpflaster kennt man seit dem 12. Jahrhundert, doch werden die Straßen in den meisten deutschen Städten erst seit dem 14. Jahrhundert gepflastert. Weniger beschwerlich und für den Transport von Massengütern geeigneter ist die Binnenschifffahrt. Selbst kleine Flüsse werden schiffbar gemacht. Abwärts getrieben werden die Boote durch die Strömung, am Ziel angekommen werden sie zerlegt und als Bauholz verkauft oder auf sogenannten »Treidel-« oder »Leinpfaden« an einem Seil wieder aufwärts gezogen.

Manchmal behindern Mühlen die Schifffahrt auf kleinen Flüssen, an den großen Flüssen sind es die Zollstellen, die zu Handelshindernissen werden. Am Rhein hält durchschnittlich alle zehn Kilometer eine Zollstelle die Schiffe auf, an der Donau alle 15 Kilometer und an der Elbe alle 14 Kilometer. Allein zwischen Ehrenfels und Koblenz verteuert sich die Ware so um zwei Drittel. Wie billig der Transport einer Ware sein kann, wenn er nicht durch Zölle behindert wird, ist aus England bekannt, wo sich im 13. Jahrhundert Wolle alle 80 Kilometer um 1,5 Prozent verteuert, Getreide allerdings um 15 Prozent.

Im Flachland legt ein Pferdegespann täglich 22 bis 35 Kilometer zurück. Reisende ohne Gepäck bringen es auf 40 bis 50 Kilometer.

In Nord- und Ostsee verhilft seit dem 13. Jahrhundert die Kogge, ein bauchiges Schiff mit Kiel und Heckruder, das bei entsprechender Segelstellung sogar gegen den Wind segeln kann und so keine Ruderer braucht, den deutschen Kaufleuten zur Monopolstellung. Die Schiffe segeln in Küstennähe und orientieren sich an Kirchtürmen. Der Kompass ist im 13. Jahrhundert überall bekannt, doch wird er lange als Teufelswerkzeug gefürchtet.

Vorboten der naturwissenschaftlichen Revolution
Wind- und Wasserrad lösen einen regelrechten Mechanisierungsschub aus. Überall beginnt die Fantasie, sich mit neuen Maschinen zu beschäftigen. Im Alexanderroman des 12. Jahrhunderts ist die Rede von Unterseebooten und Flugapparaten, in England soll es sogar frühe Flugversuche gegeben haben. Roger Bacon hat dort auch die Vision von einem Wagen ohne Pferde, und Albertus Magnus besitzt einen »Püsterich« zum Anfachen eines Feuers, offensichtlich einen frühen Vorläufer der Dampfmaschine. Er besteht aus einem Wassergefäß in Form eines Menschenkopfes, unter dem ein Feuer zur Dampferzeugung entzündet wird. Aus Byzanz und aus dem arabischen Raum kommen immer wieder Nachrichten von kunstvollen Spielzeugautomaten mit bewegten Figuren oder zwitschernden Vögeln. Der Fantasie sind nur dadurch Grenzen gesetzt, dass sich vieles einfach noch nicht realisieren lässt. Aber es gibt schon Himmelsmodelle mit mechanisch bewegten Ringen als Himmelssphären. Kaiser Friedrich II. erhält ein solches Planetarium vom Sultan von Damaskus. Man beginnt, sich die Welt als Uhrwerk vorzustellen.

Ende des 13. Jahrhunderts wird in Italien die Brille erfunden. Neue Werkzeugmaschinen, Wurfgeschütze und Belagerungsmaschinen erscheinen, aber auch - Folterinstrumente. Konradin, der letzte Staufer, wird mit einer Maschine hingerichtet. Das Zeitalter der Erfindungen hat begonnen.
 
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