Ludwigs zweite Ehe

Im Jahre 818 war Irmingard, Ludwigs erste Frau, gestorben. Da der Kaiser, damals rund 40 Jahre alt, ein zweites Mal heiraten wollte, ließ er sich nach dem Bericht der Reichsannalen die Töchter des Adels vorführen und wählte nach dieser Schönheitskonkurrenz schließlich (819) Judith, die Tochter des einflussreichen und mächtigen Grafen Welf. Judith war nicht nur schön, sondern, wie sich zeigen sollte, auch klug und wesentlich energischer als Ludwig.

Folgenschwerer war es, dass Judith 823 einen Sohn gebar, Karl, der den Beinamen »der Kahle« erhielt, was darauf hinweist, dass er im Hinblick auf sein späteres Erbe noch nicht versorgt war und nicht etwa auf mögliche Glatzköpfigkeit anspielt. Das Streben der ehrgeizigen Frau zielte fortan darauf, dem Sohn ein möglichst großes Erbteil zu sichern - ein legitimes Streben, dem aber die Reichsordnung von 817 entgegenstand, die 821 noch einmal ausdrücklich bestätigt und auch vom Reichsadel genehmigt worden war.

Dem unablässigen Drängen Judiths gab der Kaiser endlich nach. Auf einem Reichstag zu Worms im Jahre 829 wurde verkündet, dass Ludwig der Fromme seinem jüngsten Sohn Karl ebenfalls ein eigenes Herrschaftsgebiet übertragen habe, und zwar die Kerngebiete von Lothars Anteil in Schwaben, im Elsass und in Burgund.

Als Lothar sein Missvergnügen nicht verbarg, wurde er nach Italien verbannt, und mit ihm verschwanden die anderen Herren vom Hofe, die Judiths Politik und die Neuaufteilung des Reiches ablehnten. Es fehlte nicht an bitteren Anklagen und Verdächtigungen auf beiden Seiten - bis schließlich 830 der offene Aufstand gegen Ludwig losbrach. Judith verschwand in einem Kloster, der König wurde festgenommen, man sprach von seiner Absetzung. Nach schweren Demütigungen gelang es ihm zwar, die rebellierenden Söhne Lothar, Pippin und Ludwig durch Ausnutzung gegensätzlicher Interessen vorübergehend zu trennen, doch die Befürchtung, Judith und ihre Partei könnten auf ihre Kosten wieder erstarken und immer mächtiger werden, führte die Brüder wieder gegen den Vater zusammen.

Familienzwist und Bruderkrieg
Im Sommer des Jahres 833 standen sich Ludwig der Fromme und seine rebellierenden Söhne an der Spitze ihrer Heere in der Nähe von Kolmar gegenüber. Doch ehe es zur Schlacht kam, gelang es den Brüdern, den größten Teil von Ludwigs Kriegern auf ihre Seite zu ziehen. Den Rest forderte der verratene Herrscher selbst auf: »Geht zu meinen Söhnen, ich will nicht, dass einer um meinetwillen Leben oder Glieder einbüße.« Den Ort dieses Verrates durch Ludwigs Heer nannten die Leute fortan das »Lügenfeld«.

Während Judith nach Italien verbannt und in strenge Haft genommen wurde, schleppten die Söhne den Vater nach Reims, wo man ihn seiner Würden entkleidete und sogar von der Schwelle der Kirche verstieß. Niemand wagte mehr, mit ihm auch nur zu sprechen. Wenig später wurde er in Soissons gezwungen, ein öffentliches Schuldbekenntnis abzulegen, das Meineid, Mord, Sakrileg, Missregierung und andere Gräuel enthielt. »Er bekannte sich unter Tränen für schuldig, erklärte, in allem gefehlt zu haben, und bat um die Möglichkeit einer öffentlichen Buße, um der Kirche durch diese seine Buße Genugtuung zu geben«, berichtet ein Zeitgenosse von dieser tiefen Demütigung, die es dem Kaiser unmöglich machen sollte, noch einmal nach der Macht zu greifen.

Aber gerade dieser tiefe Fall erregte viel Anteilnahme, besonders unter dem Adel im Osten des Reiches. Noch einmal gelang es Ludwig, die Gegner zu trennen und die jüngeren Söhne sogar auf seine Seite zu ziehen. Aber wieder war es der Versuch, Judiths Sohn Karl auf Kosten seiner Brüder zu versorgen, der das Reich nicht zur Ruhe kommen ließ. Der einstige strenge Wahrer der Reichseinheit, der die Reichsordnung von 817 herbeigeführt hatte, war schließlich zum Zerstörer dieser Einheit geworden.

Als Ludwig am 20. Juni 840 starb, war die Frage der Einheit bzw. der Teilung ungeklärt. Die Entscheidung musste ein Bruderkrieg herbeiführen.

Allerdings hatte sich die Lage inzwischen geändert, und zwar zugunsten Karls des Kahlen. Pippin war schon vor dem Vater gestorben. Karls Anrechte auf einen Teil des Reiches wurden von niemandem mehr in Zweifel gezogen, und da er offenbar die Energie und das Durchsetzungsvermögen seiner Mutter geerbt hatte, vermochte er seine Stellung im Westen des Reiches zu festigen. Indessen versuchte Lothar, der älteste unter den Brüdern, unter Berufung auf die Reichsordnung von 817 seinen Anspruch auf die Oberherrschaft über seine Brüder Ludwig den Deutschen und Karl den Kahlen durchzusetzen, erreichte aber nur, dass die beiden sich enger aneinanderschlossen und sein Heer 841 in der blutigen Schlacht von Fontenoy bei Anxerre/Frankreich zerrieben. Im Jahr darauf kamen die Sieger, diesmal bei Straßburg, abermals zusammen, um ihren Bund feierlich durch Schwur zu bestätigen.

In den sogenannten »Straßburger Eiden« (14. Februar 842) schworen sie einander »brüderliche Treue« in der gemeinsamen Abwehr von Lothars Ansprüchen. Nicht unbillige Habgier veranlasste sie zum Kampf, sondern die Sorge um ihr gemeinsames Wohl. Um von ihren Kriegern aus dem westfränkischen bzw. aus dem ostfränkischen Reichsteil verstanden zu werden, leistete Ludwig der Deutsche den Eid in altfranzösischer, Karl der Kahle hingegen in althochdeutscher Sprache. Anschließend schworen auch die beiden Heere, jedes in seiner Sprache.

Somit sind die Straßburger Eide ein frühes Zeugnis für die Entwicklung der beiden benachbarten Sprachen, des Deutschen und des Französischen, ein Beweis für den Verzicht auf die Einheit des fränkischen Reiches sind sie nicht.
 
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