Das Mittelreich des Kaisers Lothar I., das aus dem »Vertrag von Verdun« hervorgegangen war, erfuhr nach Lothars Tod eine neuerliche Teilung (855). Sein Sohn Lothar II. erhielt den nördlichen Teil, das Regnum Lotharii (= Lothringen), während der Inhaber des Kaisertitels nur noch über Italien herrschte und damit recht machtlos geworden war. Als schließlich Lothar II. starb, teilten seine Onkel in Ost und West, Ludwig der Deutsche und Karl der Kahle, ohne Rücksicht auf andere Anwärter das Mittelreich im Vertrag von Meersen (870) unter sich auf.
Der Sohn und Nachfolger Ludwigs des Deutschen, Ludwig der Jüngere, musste seinen Anteil allerdings erst noch verteidigen. In der Schlacht von Andernach (876) verjagte er das Heer Karls des Kahlen und brachte nach dessen Tod (877) auch den westfränkischen Anteil Lothringen an sich. Damit trat zwar zunächst Ruhe an der Grenze zwischen den beiden fränkischen Teilreichen ein, Lothringen hatte aufgehört zu existieren. Doch für mehr als tausend Jahre - bis ins 20. Jahrhundert - blieb es in seinen einzelnen Teilen Streitobjekt und Anlass für zahllose erbitterte Kriege zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich.
Ludwig der Jüngere, der im Westen so entschieden zugriff, hatte im Kampf mit den anderen Gegnern des Reiches nur geringe Erfolge.
Schlimmer als die Slawenaufstände wirkten sich die erneuten Plünderungszüge der Wikinger aus, denen auch vereinzelte Siege Ludwigs und seines westfränkischen Verwandten nicht Einhalt gebieten konnten. Ludwig musste es hinnehmen, dass Lothringen und die Rheinlande und selbst Aachen verwüstet wurden, ohne dass der Katastrophe gesteuert worden wäre. Ludwigs merkwürdige Untätigkeit wird wohl mit seiner schweren Erkrankung am einleuchtendsten erklärt.
Slawensiedlung und Slawenaufstände
Urheimat der slawischen Völker- und Sprachengruppe, der größten Europas, ist das Polesje-Gebiet (Pripjat- Wald- und Sumpfregion zwischen Dnjepr und dem Weichselnebenfluss Wieprz), von wo sie gleichermaßen nach Westen, Süden und Osten expandierten. Die Slawen, wie die Germanen und Kelten während der Völkerwanderungszeit halbnomadisierende Bauern mit Ochsengespannen und auf gleicher Kulturstufe wie die Kelten und Germanen, waren geniale Festungsbauer und lebten teilweise schon in stadtähnlichen Siedlungen. Nach Abwanderung germanischer Stämme aus den Gebieten zwischen Elbe und Weichsel siedelten Slawen spätestens seit dem 6. Jahrhundert auch in den von Goten, Gepiden, Burgundern, Bastarnen und Langobarden verlassenen Gebieten zwischen Oder, Weichsel und Donau, ebenso in den von Sweben, Semnonen und Rugiern - wenigstens teilweise -verlassenen Landschaften zwischen Ostsee, Elbe, Saale und Oder. Teilweise kam es zur Vermischung mit der ursprünglichen Bevölkerung.
Grenze zur Zeit der Franken herrschaft
Zur Zeit der Karolinger verlief die Westgrenze der Slawenbesiedlung etwa auf einer Linie östlich von Kiel und östlich von Lüneburg nach Magdeburg, Halle, zum Thüringer Wald, Bayreuth, Böhmer Wald und etwa nach Linz an der Donau. Damit waren Teile Ostholsteins, der Altmark, Sachsens, Teile des Thüringer Waldes, des Fichtelgebirges und Frankenwaldes, der Obermainregion, des Oberpfälzer und Böhmer Waldes slawisch besiedelt oder slawisch beeinflusst. In Österreich verlief die Grenze -vereinfacht dargestellt - etwa von Linz über die Enns und Mur Richtung Klagenfurt.
Ostfränkisch-deutsche Marken gegen die Slawenstämme
Franken und Sachsen suchten die Grenze durch Marken wie die Mark der Billunger zwischen Ostsee, unterer Elbe und Odermündung, durch die Nordmark (etwa der Mark Brandenburg entsprechend) und durch die Ostmark (mit Lausitzer Mark) bzw. durch die Sorbische/Thüringer Mark (auch Geromische Mark) mit der Mark Meißen, Mark Zeitz und Mark Merseburg zu schützen. Slawische Stämme dieser Region waren die Abodriten (Obodriten), Linonen und Polaben an der unteren Elbe, die Wilzen (Liutizen), Heveller und Dossaner am Elbeknie etwa zwischen Wittenberge und Tangermünde, die Sorben zwischen Elbe und Saale, die Lausitzer und Milzener, Daleminzier und Nisaner östlich der Schwarzen Elster, der oberen Elbe, zwischen Mulde und Elbe und an der Neiße. Im Südosten waren es hauptsächlich die Tschechen und Slowenen.
Deutsche Ostsiedlung
Die deutsche Ostsiedlung drängte die Slawen in mehreren Stufen zurück oder überlagerte sie, sodass sich die Grenze bis etwa 1200 auf die Linie Schwerin, Ruppin, Jüterbog, Dresden, Eger, bis 1300 etwa bis auf die Linie der Reichsgrenze von 1937 nach Osten vorschob.
Slawenaufstände
Die Konfrontation und wechselnde Machtstärke führte in den Marken zu bedeutenden Slawenaufständen, so 929 an der Ostsee um Wismar, 955 im Raum von Mecklenburg und Brandenburg, 983 zum Großen Aufstand in der gesamten Region zwischen Ostsee, Elbe, Spree und Oder, 1066 an der unteren Elbe, 1136 im Spreegebiet, 1164 im südlichen Mecklenburg.
Zersplitterung in Stämme
Die lange Lehnsabhängigkeit slawischer, insbesondere polnischer Stämme wurde ebenso wie die deutsche Ostexpansion lange durch das Fehlen eines starken slawischen Staates mitbedingt bzw. begünstigt. Hinzu kam die drastische Beunruhigung des slawischen Raumes durch Ungarn-, Mongolen-und Tatareneinfälle.
Der deutsche Sieg über die Ungarn auf dem Lechfeld ermöglichte vor allem den Polen staatliche Zentrierung und, nach der Christianisierung, mit päpstlicher Hilfe die Begründung eines Königtums. So wie dieser Staat von innerdeutschen Wirren profitierte, verstand es das Reich, Litauer, Böhmen und Ungarn immer wieder gegen die Macht Polens auszuspielen.
Zusammenleben
Die im Grenzgebiet siedelnden Deutschen und Slawen lebten ansonsten recht friedlich nebeneinander. Auch slawische Wehrbauern verteidigten schließlich, von Deutschen gerufen, das Reich gegen die Türken.
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