Die ersten Regierungsjahre Heinrichs III.

Der noch nicht zweiundzwanzigjährige Heinrich III. war bereits eine erfahrene und gereifte Persönlichkeit, als er zur Regierung kam. Nirgendwo regte sich Widerstand, das Reich war im Innern und nach außen befriedet, ein Erfolg des machtvollen Wirkens Konrads II. Durch geistliche Erzieher sorgfältig und umfassend auf sein Amt vorbereitet, war Heinrich III. im Gegensatz zu dem ganz der Welt zugewandten Vater tiefreligiös und fromm. Damals breitete sich von dem burgundischen Kloster Cluny (nördlich Lyon) eine religiöse Bewegung nach Deutschland aus, die auf den jungen König, ernst wie seine Natur war, den nachhaltigsten Einfluss ausübte. Während man in deutschen Klöstern, ganz im Sinn der Benediktinerregel, durch Arbeit und Gebet den Segen Gottes erflehte, führten die Mönche Clunys ein Leben in »reiner Heiligkeit«, frei von körperlicher Arbeit im eigentlichen Sinn, versunken in unablässige Gebete, weltfern, ja weltverneinend.

Auf die in weltliche Politik verstrickten römischen Päpste sahen die Reformmönche mit Verachtung herab. Streng wie sie mit sich selbst waren, urteilten sie auch streng über andere, über Priester, die sich in kirchliche Weihen einkauften, die heirateten, Kinder zeugten oder mit einer Magd zusammenlebten, ihre Pflicht der religiösen Unterweisung aber vernachlässigten oder darin äußerst ungebildet waren.

Die Besinnung auf die wahre Aufgabe der Kirche, ihre Reinigung von den Lastern der Priesterehe und der Simonie (Käuflichkeit geistlicher Würden) mussten deshalb Ziele jeder Kirchenreform sein.

In der Malerei und Plastik dieser Zeit ist uns ein lebendiges Zeugnis der religiösen Erregung überliefert, die damals viele Menschen ergriff. Die großen ausdrucksvollen Augen der dargestellten Personen sind wie in eine andere Welt gerichtet. In eine Welt voller Gefahren gestellt, bedroht von Krankheiten und Seuchen, die, weil unerklärbar und unbezwingbar, nur als Strafen Gottes gedeutet werden konnten, lebte der Mensch in ständiger Furcht vor dem Jüngsten Gericht. Damals kam die lateinische Urfassung des Liedgedichtes »Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen« (»Media in vita in morte sumus ...«) auf.

Französische Einflüsse
Heinrich III. wurde 39 Jahre alt, was der durchschnittlichen Lebenserwartung der Zeit entsprach. Kriegsruhm hatte der junge König schon an der Seite des Vaters im Übermaß geerntet. Sein jugendlicher Idealismus ließ ihn nach einem Betätigungsfeld suchen, das seiner Begabung und seinem religiösen Verantwortungsgefühl entsprach. Er fand es in der Reform der Kirche aus dem Geist der Mönche von Cluny.

Heinrichs Gemahlin Gunhild war, ein damals häufiges Unheil, der Malaria zum Opfer gefallen. Der junge Witwer heiratete im Jahre 1043 zum zweiten Mal eine Ausländerin, nämlich Agnes, die Tochter des Herzogs Wilhelm von Aquitanien und Poitou. Das war nicht ungewöhnlich: Die deutschen Könige schätzten ausländische Ehefrauen, denn sie bedeuteten meist einflussreiche Verschwägerungen. Auch Agnes, die der mächtigsten Familie Frankreichs entstammte und in Italien und Burgund reich begütert war, brachte eine Mitgift ein, die sich sehen lassen konnte.

Die Provence, die Heimat der Agnes, war die Wiege der höfischen Kultur, die in der Verfeinerung der Umgangsformen, in Spiel und Tanz, Musik und amourösen Abenteuern ein ritterliches Ideal erblickte. Das war für die Deutschen damals noch ungewohnt. Und: die Südfranzosen zwirbelten den Bart und schnitten ihre Röcke kurz. Unvorstellbar! Es gab deshalb nicht wenige am Königshof, verdienstvolle Kampfgefährten des Königs, die Agnes misstrauisch, ja feindselig gegenüberstanden. Doch auch sie hatte sich einem enthaltsamen, bußfertigen Leben verschrieben. Das Kloster Cluny war eine Gründung ihrer Familie, der Abt Hugo von Cluny († 1109) wurde Taufpate des 1050 geborenen Thronfolgers Heinrich (IV.).

Als im November 1043 in Ingelheim die Vermählungsfeier stattfand, strömten aus dem Süden Scharen von Gauklern, Spielleuten, Possenreißern und Sängern in die biedere rheinische Pfalz. Sie mussten ohne Auftritte und milde Gaben abreisen: höfische Lebensfreude widerstrebte dem religiösen Pflichtbewusstsein des Königs, das durch den Einfluss seiner Gemahlin Agnes noch gesteigert wurde.

Bei allem höfischen Anstand war der französische Adel, der schon früh feste Burgen baute und sich auch so der Königsgewalt entzog, nicht zimperlich, wenn Übergriffe auf Schutzlose materiellen Gewinn brachte und wenn es Erfolg versprechend schien, Adelsnachbarn zu bekämpfen. So kam es zu einer Unzahl von ›Adelsfehden‹. In Frankreich entstand, von den Reformmönchen eifrig gefördert, als Reaktion auf diese Zustände, der Gedanke der »treuga dei«, einer Waffenruhe Gottes, die für bestimmte Wochentage und alle hohen Festtage ein absolutes Fehdeverbot aussprach und Schwache (Frauen, Kinder, Witwen, Priester etc.) ausdrücklich schützte. In Deutschland war zwar das Ansehen des Königs stark genug, um Faustrecht und Privatrache zu unterbinden, dennoch begeisterte der religiöse Friedensgedanke auch Heinrich III., der es liebte, sich öffentlich als Sünder zu bekennen und den Gegnern zu verzeihen. So konnte es geschehen, dass der wortgewaltige König im Konstanzer Münster den versammelten, nicht wenig verdutzten schwäbischen Rittern, Äbten und Bischöfen vom Altare herab Buße und Umkehr predigte. Bevor er Kettenhemd, Schild und Helm anlegte, pflegte er zu beten und zu fasten. Noch auf dem Schlachtfelde, umgeben von siegestrunkenen Kriegern, entblößte er sich bis auf ein einfaches Linnen und kniete barfuß und mit Asche auf dem Haupt vor dem mitgeführten Splitter des heiligen Kreuzes nieder.

All diese Handlungen zeigen die tiefe religiöse, ja priesterliche Sendung, die Heinrich III. mit seinem Herrschertum verband. Im Gegensatz zu seinem Vater verzichtete er darauf, Bischofssitze und Reichsabteien gegen Geld zu besetzen. Dennoch wählte er die Amtsträger nach politischen Gesichtspunkten persönlich aus und investierte sie, das hieß, er wies sie in ihr Amt ein, indem er neben dem Hirtenstab auch den Ring als Symbol der Vermählung mit der Kirche überreichte.

Wann immer Heinrich III. auf einem seiner zahlreichen Züge, die ihn durch ganz Europa führten, der sterblichen Reste eines wundertätigen Heiligen habhaft werden konnte, schaffte er sie mit der Leidenschaft des Sammlers nach Speyer oder Goslar, seinen Lieblingssitzen, um sie zu verehren und so Fürsprecher im Himmel zu gewinnen. Überall kam es zu aufsehenerregenden »Funden« von Leichen und Leichenteilen, die in kleinste Einheiten zerstückelt, in kostbaren Schreinen, den Reliquiaren, aufbewahrt wurden. Sie waren in der Form dem Gegenstand angepasst, den sie enthielten: einen Kopf, einen Fuß oder einen Finger. Reliquien waren begehrt, brachten sie doch ihrem Besitzer nach christlichem Glauben Segen, Ansehen und den Zustrom der Gläubigen, sie wurden deshalb nicht nur gehandelt, manchmal wurde um ihren Besitz Krieg geführt, wie zu Beginn der Regierung Heinrichs III. im Osten.
 
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Referat: 4300 - Die ersten Regierungsjahre Heinrichs III.
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