Die Königswahl Lothars von Supplinburg 1125 – Text der Zeit

Was neulich auf dem Reichstage zu Mainz Denkwürdiges getan wurde und wie die Königswahl vor sich ging, ist hier kurz dem Papiere anvertraut. Es versammelten sich also von hier und da die Fürsten, Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte, Pröbste, Kleriker, Mönche, Herzöge, Markgrafen, Grafen und die übrigen Edlen, ansehnlich und zahlreich, wie sie kein Reichstag zu unserer Zeit vereinigt hat. Die Fürsten der Sachsen hatten am Ufer des Rheinstroms zahllose Zelte aufgeschlagen und lagerten dort stattlich, weiter oben lagen Markgraf Luitpold und der Herzog von Baiern (Heinrich der Schwarze) mit großer Ritterschar. Herzog Friedrich der Staufer aber hatte sich den Bischof von Basel, die übrigen Fürsten von Schwaben und mehrere Edle gesellt und lagerte gegenüber auf dem anderen Rheinufer. Als nun die Fürsten alle in großer Versammlung zusammentraten, zauderte er, in den Fürstenrat zu kommen, denn er hatte seinen Sinn schon auf die Herrschaft gerichtet und war bereit, zum König gewählt zu werden, nicht selbst zu wählen. Es kamen also außer ihm und den Seinigen alle Fürsten des Reiches zusammen. Von dem Herrn Kardinal ermahnt, riefen sie die Gnade des Heiligen Geistes an. Darauf schlugen sie zuerst je zehn umsichtige Fürsten vor aus den Landschaften Baiern, Schwaben, Franken, Sachsen, welche wählen sollten, und alle übrigen versprachen, der Wahl beizustimmen. Die Wählenden also bezeichneten in der Versammlung aus allen Fürsten den Herzog Friedrich, den Markgrafen Luitpold, den Herzog Lothar, und schlugen vor, einen von diesen dreien, der allen gefiele, zum König zu wählen. Herzog Friedrich war abwesend, die beiden andern, welche zugegen waren, weigerten sich in Demut, die angebotene Königswürde anzunehmen.

Der Herzog Friedrich aber, durch Ehrgeiz verblendet, dass ihm sicher aufbewahrt und gleichsam unzweifelhaft zugeteilt sei, was er von zweien demütig ausgeschlagen sah, er gesellte sich der Versammlung der Fürsten und stand da, bereit zur Königswahl. Nun erhob sich aber der Erzbischof von Mainz und fragte bedächtig die drei vorgenannten Fürsten, ob jeder von ihnen ohne Widerspruch, ohne Zögern und Neid dem dritten gehorchen wolle, welcher von den Fürsten gemeinschaftlich gewählt werde. Nach dieser Rede bat Herzog Lothar demütig wie vorher, man möge ihn ja nicht selbst wählen, und versprach jedem, der gewählt würde, als seinem Herrn und römischen Kaiser zu gehorchen. Dasselbe erklärte der Markgraf Luitpold, es wurde nun Herzog Friedrich gefragt, er aber erklärte, dass er ohne Rat der Seinigen nicht antworten wolle, und weil er überhaupt wahrnahm, dass der Sinn der Fürsten keineswegs einmütig sei, ihn zu erhöhen, so entzog er der Versammlung seinen Rat und Anblick.

Die Fürsten sahen den großen Ehrgeiz des Herzogs und dieses gewaltsame Heischen der Macht, und sie weigerten sich einstimmig, einen zum Herrscher zu küren, den sie schon vor seiner Erhöhung so stolz und herrschlustig sahen.

Am nächsten Tag nun versammelten sich die Fürsten zur Wahl, nur Herzog Friedrich war abwesend und mit ihm der Baiernherzog, da fragte der Erzbischof von Mainz, ob jeder von den beiden Genannten, welche bei der Fürstenwahl zugegen waren, einmütig und freundlich Beistimmung erweisen wolle jeder andern Person, welche durch den Willen der Fürsten erwählt würde. Darein willigten beide zugleich demütig und fromm und setzten sich zusammen auf einen Sitz. Darauf wurden, als die Vorgenannten gesprochen hatten, die Fürsten ermahnt, in gemeinsamem Rat sorglich den Mann zu suchen, den sie mit Gott und zur Ehre der Kirche dem Reich vorsetzen könnten. Da plötzlich wurde von vielen Laien der Ruf erhoben: »Lothar sei König!« Sie ergreifen den Lothar, sie setzen ihn auf ihre Schultern und heben ihn in die Höhe, während er sich gegen den Königsruf sträubt und widerspricht.

Viele Fürsten aber, zumal die Bischöfe des Baiernlandes, zürnten, dass das große Werk ratlos und im Getümmel geschehe und schickten sich zornig an, die andern zu verlassen und vor getanem Werk gänzlich aus der Versammlung zu scheiden. Der Mainzer aber mit einigen anderen Fürsten befahl die Tür zu besetzen, dass niemand aus- oder eingehe, weil die einen im Innern ihren König schreiend herumtrugen, andere von außen mit lautem Geschrei andrangen, den König auszurufen, den sie noch nicht kannten. Schon wurde der Zwist unter den Fürsten so arg, dass auch Lothar heftig über den Angriff auf sich zürnte und Sühne verlangte, und dass die Bischöfe erbittert über ihre Bedrängnis ausbrechen wollten. Da beruhigten der Kardinal und die übrigen Fürsten von besserer Einsicht endlich den Aufstand mühsam durch Stimme und Hand und bewirkten, dass alle zu ihren Sitzen und zur Beratung zurückkehrten. Der Herr Kardinal nahm die Bischöfe beiseite, legte ernsthaft die Schuld der Trennung auf ihre Häupter und machte sie verantwortlich für alles Leiden, das aus dieser Trennung kommen werde, wenn sie nicht selbst sich zu Friede und Eintracht zurückwendeten und durch ihre Belehrung andere zurückführten. Endlich wurde möglich zu sprechen, da redeten der Erzbischof von Salzburg und der Bischof von Regensburg ehrbar für sich und die Ehre des Reiches, sie mühten sich, die Parteien zur Einsicht zu bringen, und erklärten, ohne den Herzog von Baiern, der abwesend war, nicht über die Königswürde beschließen zu wollen. Außerdem forderten sie wegen der unbesonnenen Heftigkeit des Angriffs, die sowohl ihnen selbst als dem ergriffenen Herzog schwere Verletzung der Hoheit sei, geziemende Sühne von den Fürsten. So geschah es, dass diejenigen, welche durch ihre Voreiligkeit den Zwiespalt verschuldet hatten, sich zu gebührender Genugtuung demütigten und darauf Verzeihung erhielten.

Es wurde also der Baiernherzog herbeigeholt, die Gnade des Heiligen Geistes einte aller Sinn auf einen und denselben Willen, und König Lothar, der Gott Wohlgefällige, wurde durch die allgemeine Übereinstimmung und die Bitten der Fürsten zur Königswürde erhoben.
Aus einem schriftlichen Bericht von 1125, dessen Verfasser ein Geistlicher des Salzburger Erzbistums gewesen sein dürfte.
 
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Referat: 4352 - Die Königswahl Lothars von Supplinburg 1125 – Text der Zeit
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