Die Schweigsamen und die Stummen

»Slavan«, Slawen, nannten die Germanen diese Nachbarn: »die Schweigsamen«, Menschen also, mit denen man sich nicht verständigen konnte. Wie die Germanen bildeten die Slawen eine große Völkerfamilie. Ihre Herkunft ist umstritten, wahrscheinlich dürfte die slawische Urheimat im Gebiet der Pripjat-Sümpfe, zwischen Dnjepr und Weichsel zu suchen sein. Als die germanischen Stämme im Laufe der Völkerwanderung ihre Wohnsitze zwischen Ostsee und Schwarzem Meer aufgaben, rückten die Slawen allmählich in die freigewordenen Räume ein: die Russen wandten sich nach Norden und Süden, die Slowenen und Kroaten wanderten bis an die Donau und zu den Alpen. Die Völkerschaften der Westslawen, die Polen, Sorben, Tschechen, Slowaken, Abodriten, schoben sich langsam über Weichsel und Oder vor und erreichten um 650 Elbe und Saale. In diesem riesigen Gebiet mit seinen großen Wäldern, seinen Heideflächen und Mooren lebten die Slawen in weitverstreuten weilerartigen Siedlungen als Bauern: mit einfachen Geräten bestellten sie die leichten Böden, im Wald sammelten sie Honig. In zeitgenössischen Berichten werden die Wenden, wie die Westslawen jetzt auch genannt werden, als friedfertige Menschen geschildert, von den großen Schlachtfeldern haben sie sich jedenfalls ferngehalten. Wenngleich sie mit den Germanen Tauschhandel trieben - Pelze und Bienenwachs gegen Werkzeuge oder Schmuck -, war der Kontakt zu ihnen offensichtlich nicht sonderlich eng: bezeichnenderweise nannten die Slawen ihre westlichen Nachbarn »Niemcy - die Stummen«! Dass es Verständigung zwischen Germanen und Slawen gab, beweisen die Baiern, die als erster deutscher Stamm mit ihnen ›zusammenrückten‹. Als in der Völkerwanderungszeit große Teile der romanischen Bevölkerung ihre Siedlungen im Alpenraum verließen, sickerten die Bajuwaren von Westen her, die Slowenen von Osten in die verlassenen Gebiete ein. In den Haupttälern der Alpen stießen sie aufeinander: Im zähen Ringen um den Boden setzten sich die Baiern schließlich durch, ohne indes die Slawen zu unterdrücken oder zu vertreiben. Es entstand hier eine »slawisch-germanische Wohngemeinschaft« (Hermann Schreiber) mit fast gutnachbarlichem Verhältnis. Ohne Zwang, wie es scheint, ließen sich die Alpenslawen von baierischen Mönchen taufen und nahmen deren überlegene Bewirtschaftungsmethoden an. Noch im 8. Jahrhundert drangen Baiern über den Alpenkamm nach Kärnten, in die Steiermark, nach Südtirol und bis zum Wiener Wald vor. Zweihundert Jahre später, als eben die Ungarngefahr gebannt war, wurden hier durch Bischöfe und Klöster, wie etwa Tegernsee oder Metten, baierische Bauern angesiedelt. »Ostarrlchi« - Österreich - ist das Werk baierischer Kolonisation: die Sprache verrät es bis auf den heutigen Tag! Weiter nördlich hielten ursprünglich Saale und Elbe Germanen und Slawen stärker auf Distanz, wenn man von den wendischen besiedelten Gebieten im heutigen Niedersachsen (»Wendland«) absieht. Durch militärische Sicherung der Elbe-Saale-Linie hatte Karl der Große eine gut zu verteidigende Grenze geschaffen und einem erneuten Vordringen von Wenden vorgebeugt. Der Verfall der karolingischen Macht führte dann jedoch zu immer neuen, das Grenzgebiet beunruhigenden Zusammenstößen zwischen Deutschen und Slawen. So fühlten sich die deutschen Könige aus dem sächsischen Hause schließlich veranlasst, ein Glacis, ein militärisches Vorfeld, im Osten der Elbe zu schaffen und den Grenzsaum bis zur Oder vorzuschieben, um so das Reich frühzeitig verteidigen und Einfluss auf die Slawen nehmen zu können. Heinrich I. ließ in dem slawisch bewohnten Gebiet Fluchtburgen als militärische Stützpunkte anlegen, Otto der Große baute die Grenzbefestigungen zu »Marken« aus und siedelte in ihrem Bereich deutsche ›Wehrbauern‹ an. Es ging jedoch keineswegs darum, die Slawen zu verdrängen: sie sollten für das Christentum gewonnen werden. Als Zentrum der Mission erhob der Papst Magdeburg zum Erzbistum. Kaum ein halbes Menschenalter später brach jedoch das Christianisierungswerk in einem großen Slawenaufstand weitgehend zusammen, die Reichsgrenze musste an die Elbe zurückverlegt werden.

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Info 20.11.2017 05:09
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