Machtvolle Expansion nach Osten im 12. Jahrhundert

Erst nach hundertjähriger Pause nahmen die deutschen Könige wieder die »aktive Ostpolitik« auf. Kaiser Lothar III. von Supplinburg - als ehemaliger Sachsenherzog vorzüglicher Kenner der Verhältnisse -konnte in harten Kämpfen die deutsche Oberherrschaft über die slawischen Stämme durchsetzen. Den Schutz der neu gewonnenen Grenzgebiete vertraute er tüchtigen Fürsten an - sie wurden die Begründer und ersten Träger der deutschen Ostsiedlung: Graf Adolf I. von Schauenburg erhielt Holstein und erschloss den Raum um die Lübecker Bucht, dem Geschlecht der Wettiner wurde die Mark Meißen übertragen, das Kernland des heutigen Sachsen, der Askanier Albrecht der Bär wurde mit der Nordmark (Altmark) belehnt und erbte von einem slawischen Fürsten das Land an der Havel, das spätere Brandenburg, der Sachsenherzog Heinrich der Löwe schließlich errang die Oberhoheit über Mecklenburg und (Vor)Pommern. Eine militärische Grenzsicherung, wie sie von den Ottonen betrieben worden war, hatte sich als untauglich erwiesen: Wollten die neuen Herren ihre Gebiete wirklich in die Hand bekommen und auch daraus Nutzen ziehen, mussten sie Deutsche ansiedeln, die sich dort integrierten. In seiner »Slawenchronik« berichtete Helmold von Bosau: »Weil aber das Land menschenleer war, sandte der Graf Boten aus in alle Lande, ... auf dass alle, die von der Landnot bedrückt wurden, mit ihren Hausgenossen kämen, um schönsten Boden, weiten Raum, reich an Früchten, überreich an Fischen und Fleisch und einladend durch üppige Weiden, zu empfangen.« Solche Einladung kam zur rechten Zeit: In Deutschland war der Ackerboden knapp geworden. Seit der Jahrtausendwende war die Bevölkerung rasch angestiegen, jedes Stück Boden musste deshalb ausgenutzt werden. Um 1100 war schließlich alles rodungsfähige Waldgebiet erschöpft, an der Nordseeküste hatten überdies verheerende Sturmfluten weite Flächen fruchtbaren Ackerlandes vernichtet. Adelige konnten jetzt auf ihren kleinen Lehen nicht mehr standesgemäß leben, das schmale Erbe der jüngeren Bauernsöhne ernährte nicht mehr den Mann, geschweige denn eine ganze Familie. In dieser Lage bot das Umsiedeln in den Osten manchem eine letzte Chance! Andere mochte mehr die Aussicht locken, auf diese Weise grundherrlicher Bedrückung zu entfliehen oder ihre Schuldenlast abschütteln zu können. Sicher waren bei vielen religiöser Eifer und Abenteuerlust mit im Spiel: Jetzt konnte sich auch der »tumbe« Bauer das ›Kreuzzug-Erlebnis‹ gönnen! Geschickt haben die ostfälischen Herren ihren Aufruf von 1108 darauf abgestimmt: »... damit alle zum Krieg für den Heiland eilen und den Streitern Christi zu Hilfe kommen. ... Deswegen, Sachsen, Franken, Lothringer, Flamen, ihr berühmten Weltbezwinger, auf! Hier könnt ihr euer Seelenheil erwerben und, wenn es euch so gefällt, noch das beste Siedlungsland dazu.« In der Tat vermochten die Grundherren in den östlichen Grenzgebieten zwischen Elbe und Oder mit Vorteilen zu werben, von denen der mittelalterliche deutsche Bauer nur träumen konnte: Sie boten ausreichend Land, sie gewährten vor allem die persönliche Freiheit und das Verfügungsrecht über den Besitz. »Die Grundstücke überlassen wir ihnen zu erblichem und freiem Recht, sodass sie die Befugnis haben sollen, sie zu verkaufen und nach ihrem Willen darüber zu verfügen«, heißt es in einer Kolonisationsurkunde. Die Anwerbung der Neusiedler wurde einem sogenannten »Lokator« (lat., Vermieter) -meist ein Adeliger oder ein kapitalkräftiger Bürger - übertragen: er war der Vermittler zwischen dem Grundherrn und dem Bauern. Die »Lokatoren«, auch »burmester - Bauermeister« genannt, wickelten das ganze Ansiedlungsunternehmen ab: sie besuchten mit den Versprechungskatalogen die übervölkerten Dörfer, schlössen die Siedelverträge und stellten schließlich die Trecks zusammen. Damit unterscheidet sich die Ostsiedlung des 12. Jahrhunderts von der Landnahme, die vorher stets der militärischen Eroberung folgte. Jetzt stellt sie sich als fast ›vertragsähnliches‹ Unternehmen dar zwischen Landgeber (Grundherr) und Siedler bzw. Bürger. »... da ist eine bessere Statt« Der Zug nach Osten war sicher der gefahrvollste Teil der Auswanderung: Wochenlang mussten die Kolonnen unter großen Strapazen durch oft unwegsames Gelände ziehen. Im holpernden Planwagen wurden der gesamte Hausrat und die Gerätschaften mitgeführt, an den Holmen war das Vieh angepflockt, und unter dem Dach spielte sich das tägliche Leben ab. An den abendlichen Lagerfeuern mag wohl auch das »Lied der Ostlandfahrer« entstanden sein, das damals in aller Munde war: »Nach Ostland wollen wir reiten, / nach Ostland wollen wir mit, / frisch über die grüne Heiden, / da ist eine bessere Statt.« Als die Siedler jedoch jenseits der »grünen Heide« ankamen, fanden sie zumeist nur Urwälder und sumpfige Ebenen vor. Der »Lokator« teilte den Bauern ihr neues Land zu, meist 20 bis 30 Hektar - immerhin doppelt soviel, wie die meisten zu Hause besessen hatten! Die einzelnen Höfe wurden längs der Straße oder eines Baches aneinandergereiht, die Felder schlossen sich in breiten Streifen hinten an die Wohngebäude und Stallungen an, einen über die ganze Flur verstreuten Besitz wie in der alten Heimat gab es hier nicht. Die Siedlungen in den Ostgebieten erhielten so die charakteristische Form des oft kilometerlangen Straßendorfs, in der Mitte lag der Anger mit der Kirche und dem Wirtshaus. Im gefährdeten Grenzland wurden anfangs auch sogenannte Rundlinge mit einer einzigen Zufahrt angelegt, in denen sich die Bewohner bei slawischen Überfällen »einigeln« konnten. Von der Wildnis, die die ersten Ansiedler vorfanden, bis zu den sprichwörtlich sauberen und wohlhabenden Dörfern im Osten war es jedoch ein weiter und mühevoller Weg. Das Leben der ersten Generationen bestand nur aus harter Arbeit. »Der Vater findet den Tod, der Sohn hat noch Not, erst der Enkel das Brot«, lautete die bittere Weisheit eines alten Siedlerspruchs. Die Grundherren haben die Bauern bei der Kultivierung des Bodens nach Kräften unterstützt: In den Anfangsjahren waren die Höfe von Abgaben frei, später musste nur ein geringer Zins entrichtet werden. In besonderer Weise wurden die »Lokatoren« für Aufwand und Mühe bei Gründung und Leitung des Ortes belohnt. Sie erhielten das größte und schönste Grundstück und das Recht, die Mühle und den Dorfkrug zu betreiben. Als Inhaber des erblichen Schulzenamtes verkörperten sie die Dorfobrigkeit.