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Überlegene Techniken – Erfolgsgarantie der Siedler

Ausschlaggebend für den Erfolg des Kolonisationswerkes im 12. Jahrhundert war die deutsche Kultivierungstechnik. Bei der Trockenlegung der Sümpfe und bei der Eindeichung der Flüsse konnten die Friesen und Niederländer ihre heimatlichen Erfahrungen verwerten. Auch die bäuerlichen Bewirtschaftungsmethoden waren denen der slawischen Nachbarn eindeutig überlegen. Konnte der hölzerne Haken oder der Steinpflug der Slawen den Boden nur oberflächlich aufreißen, so erlaubte der Räderpflug mit eiserner Schar - jeder deutsche Bauer sollte drei mit ins Land bringen! - eine tiefgründige Bearbeitung auch schwerer und steiniger Felder. Ernteten die Slawen noch mit der Sichel und schroteten das Getreide in der Handmühle, so schnitten die Neusiedler mit der Sense und bedienten sich schon der Wasser- oder Windmühle. Rasch haben sich die Slawen die neuen Verfahren angeeignet.

Maßgeblichen Anteil an der Erschließung des Landes im Osten hatten die Mönchsorden der Zisterzienser (siehe unten) und Prämonstratenser. Die Zisterzienser kamen ursprünglich aus dem Einödkloster Cîteaux in Burgund und betonten besonders den geistlichen Wert der körperlichen Arbeit. »Brüder unseres Ordens sollen ihren Unterhalt durch ihrer Hände Arbeit erwerben, durch Gewinnung von Kulturland und Viehzucht«, forderte ihre Regel. So wurden sie zu den Rodungsspezialisten des Mittelalters. Das Land östlich der Elbe überzogen sie mit einem Netz von Klöstern: Doberan in Mecklenburg, Lehnin und Chorin in Brandenburg waren die bedeutendsten. Von hier aus legten die »grauen Mönche«, wie sie ihrer schafwollenen Kutten wegen auch genannt wurden, die sumpfigen Niederungen - die Brüche - trocken, machten die Wälder urbar und gewannen so wertvolles Kulturland. Mit ihren Musterwirtschaften wurden sie zu Lehrmeistern der deutschen und slawischen Bauern. Die Zisterzienser waren die eigentlichen ›Entwicklungshelfer‹ der deutschen Ostkolonisation -gleichsam ›nebenbei‹ verbreiteten sie geistige Kultur und Christentum.

Planmäßige Stadtgründungen vollenden den Landesausbau
Mit den dörflichen Ansiedlungen entstanden im östlichen Raum auch deutsche Städte als Marktorte oder Niederlassungen für den Fernhandel. 1143 gründete Graf Adolf II. von Schauenburg an der Trave in der Nähe des slawischen Liubice den Hafen Lübeck und Markgraf Johann I. nach 1220 an einem Spreeübergang Berlin (erste Nennung 1244). Bei vielen dieser Städte, Rostock oder Stralsund etwa, ist die planmäßige Gründung noch an der schachbrettartigen Anlage des heutigen Stadtbildes erkennbar. Da Natursteine in dieser Landschaft weitgehend fehlten, mussten die großen Bauten, die Rathäuser, Kirchen und Klöster - das Holstentor oder die Marienkirche zu Lübeck, Chorin und Doberan - aus rotgebrannten Ziegeln errichtet werden. Die »Backsteingotik« hat der Architektur der östlichen Städte ihr unverkennbares Gepräge gegeben.

Mit wirtschaftlichen Anreizen und großzügigen Privilegien warben die Landesherren unternehmungsfreudige Kaufleute und Handwerker für die Städte an: sie gewährten das Marktrecht und Zollfreiheit im ganzen Land, erließen in den ersten Jahren alle Abgaben und stellten unentgeltlich Bauholz zur Verfügung. Die neuen Bürger brachten mit den Namen ihrer Heimatstädte - Frankfurt, Rothenburg, Straßburg - vielfach auch das dort gültige Stadtrecht mit. Schließlich setzte sich das Recht von Magdeburg, an der Küste das von Lübeck durch. Diese Städte wurden damit zu gerichtlichen Oberinstanzen: in allen Zweifelsfällen wandte man sich an den Magdeburger »Schöppenstuhl«. Schon am Ende des 12. Jahrhunderts war jenseits von Elbe und Saale ein fast 100 Kilometer breiter Streifen von der Ostsee bis zum Erzgebirge mit Deutschen besiedelt worden. Dabei wurden nur in wenigen Fällen Ansässige verdrängt, friedliches, teilweise konkurrierendes Nebeneinander war die Regel. Assimilierungsprozesse verliefen langsam und stetig, welche Seite sich durchsetzte, wurde von wirtschaftlichen und politischen Umständen und nach dem Zahlenverhältnis entschieden. Oft blieb auch Zweisprachigkeit bestehen.

Die Beteiligung aller deutschen Landschaften spiegeln Familiennamen wie Franke, Baier, Sachs, Döhring (Thüringer), Hesse oder Schwab.

Die Zisterzienser: Askese und Kaufmannsgeist
Ohne die Cluniazenser keine Zisterzienser - so lässt sich die Entstehungsgeschichte des Ordens überschreiben: Nach asketischem Beginnen im Zeichen der Kirchenreform gelangten die Cluniazenser zu Reichtum. Fette Speisen, edle Kleidung, prunkvolle Liturgie und teure Architektur stießen auf Kritik. Einige, die an den Regeln des heiligen Benedikt strenger festhalten wollten, verfassten Streitschriften und Polemiken. Als dies nicht half, zog man aus nach Cîteaux (zwischen Langres und Chalon), dem namengebenden Ort. Mehr noch als unter der Ägide des Gründungsabtes Robert von Molesme florierte das neue Klosterunternehmen unter dem bekannten Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux Kontemplation, Weltabkehr, Askese, Andacht und Arbeit war für viele offenbar Reiz genug, sich anzuschließen - 700 Zisterzen (Einzelklöster der Zisterzienser) in Deutschland, England und Frankreich sind im 14. Jahrhundert Beweis genug.

Autarkie sollte die Freiheit von der Welt sichern - landwirtschaftliche Produktion war nötig, Keltereien, Kornmühlen und Brauereien wurden gebaut zur Verarbeitung der agrarischen Produkte. Stauwehre dienten der Energieversorgung durch Wasserkraft.

Märkte waren trotzdem unentbehrlich zum Erwerb von Dingen, die nicht jedes Kloster produzierte, wie Salz oder Eisen. In den Besitz von Bargeld kam man durch den Verkauf eigener, oft sehr begehrter Produkte: Wein, Wolle, Pferde. Der Transport erfolgte auf klostereigenen Schiffen, Rhein und Mosel hinab.

Stadthöfe Häuser und eigene Grundstücke in den Bischofsstädten mussten sich die Ordensleute zulegen, weil sie schon bald stark in die rege Warenzirkulation verstrickt waren: Vorratslagerung (Getreide und Brot), Bier- und Weinausschank, Fleischverkauf und Beherbergung von Angehörigen. Diese »Stapelhaus« -funktionen wurden im 13. und 14. Jahrhundert erweitert: Verwaltung des umliegenden Klosterbesitzes, Zinseintreibung und Aufbewahrung des Zehnten.

Bodenschätze nutzte man aus, soweit möglich: Steinbrüche, Eisenabbau, Kupferverhüttung, Silberabbau und Salzgewinnung.

Geldanlage war nach erfolgreichen Handelsjahren ein Gebot der Stunde geworden: Kauf von Silberminenanteilen, Investitionen in Mühlenbau oder Kauf gewinnbringender Objekte wie Salinen:

Das Ende der Askese rückte mit der starken Integration einzelner Zisterzen in den städtischen Handel näher. Erwarb man ursprünglich auf dem Markt nur das notwendigste, so kam im Spätmittelalter das Bedürfnis nach exotischen Gewürzen, Südwein und feinem Tuch auf. Zisterzienser und städtischer Handel waren mittlerweile aufeinander angewiesen. Die Verstrickung der Klosterbrüder in die Ware-Geld-Zirkulation wurde überall sichtbar: Jahrmärkte vor den Klostertoren, ab 1395 ist der Himmeroder der größte Jahrmarkt der Eifel, Orden als Pfandleiher und Zinseintreiber - Verstöße gegen das kirchliche Zinsverbot und 1136 von Papst Alexander III. als Wucher verboten, doppelte Buchführung, Überschussproduktion, Bedarfsplanung, Rentenkäufe und Vermietungen!

Zisterziensische Kunst und Architektur hingegen sind noch lange vom Armutsideal geprägt: kleine, schlichte Kirchen ohne aufwendige Türme, einfache Chöre mit geradem Abschluss, Querschiffe mit Einzelkapellen verbaut zu Kontemplation und Bußübung. Malerei, Plastik und farbige Fenster waren verboten, dafür gab es einfache Holzkreuze.

Frauenklöster duldete der Orden zunächst nicht, obwohl im 12. Jahrhundert viele Adelige und vermögende Bürgerliche in die Orden strömten. Um 1200 geben die Zisterzienser ihre starre Ablehnung Nonnen gegenüber auf, um 1230 Welle von Frauenklostergründungen (in den Erzbistümern Mainz 33, Köln 25, Trier 11, Konstanz 15).

Alle Frauenzisterzen lehnten die Vogtei ab, zu ihrem Schutz versicherten sie sich königlicher Hilfe. Besonders die Staufer ergriffen diese Chance, da die Klöster damit den Zielen der Reichsfürsten entzogen waren und der eigenen Territorialpolitik dienstbar gemacht werden konnten. Fast allen Klöstern ging es wirtschaftlich gut, denn oft waren ehemalige Benediktinerinnen oder Beginen, Angehörige wohlhabender Geschlechter oder Bischöfe die Gründer. Erst allmählich verbürgerlichten die ursprünglich rein adeligen Ordensunternehmen. Beschäftigung der Nonnen: Buchmalerei, Arzneiherstellung, Sticken, Weben. Für schwere Arbeiten: Laienschwestern.

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