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Stadtgründungen, Handel und Handwerk

Die Ostbewegung im 12. Jahrhundert wurde nicht allein von deutschen Herren gelenkt, auch slawische Könige und Fürsten riefen Siedler nach Böhmen, Polen, Ungarn, Pommern: sie wollten ihre Länder ausbauen lassen, Anschluss gewinnen an die fortgeschrittenere Kultur des Westens, ihren Wohlstand vergrößern und ihre politische Macht stärken. Als zu Beginn des 13. Jahrhunderts der Piaste Heinrich L, Herzog des polnischen, aber dem Reich lehnspflichtigen Schlesien, die baierische Prinzessin Hedwig - die spätere Heilige - heiratete, kamen in ihrem Gefolge auch Kaufleute, Handwerker und Bauern aus Franken und Baiern an den Hof nach Breslau. Hedwig rief die Zisterzienser, die von ihren Klöstern Leubus und Trebnitz aus Schlesien landwirtschaftlich kultivierten. Deutsche Ansiedler halfen auch die Wunden schließen, die die furchtbare Mongolenschlacht von 1241 bei Liegnitz, in der ein polnisch-deutsches Ritterheer unter Herzog Heinrich II. durch die Mongolen vernichtet wurde, dem Land zugefügt hatte. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde Schlesien zu einer fast deutschen Landschaft, in knapp 150 Jahren waren hier 1200 Dörfer und 120 Städte gegründet worden. In Polen blieb deutscher Einfluss weitgehend auf die Städte beschränkt: in Posen und Gnesen gab es starke deutsche Bürgerkolonien, die Krakauer Stadtbücher wurden lange Zeit nur in deutscher Sprache geführt, und in Lemberg beherrschten Deutsche die Zünfte bis ins 15. Jahrhundert. Ähnlich lagen die Verhältnisse in Böhmen und Mähren: Leitmeritz, Aussig, Pilsen, Budweis, Olmütz, Brünn, Iglau waren deutsche Städte, Prag erhielt 1235 deutsches Stadtrecht. Bäuerliche deutsche Siedlungen entstanden fast ausschließlich in den Rodungsgebieten der Randgebirge. Bergleute aus Freiburg in Sachsen beuteten die Silberminen des Erzgebirges aus und machten den böhmischen König zum reichsten deutschen Fürsten, Glasbläser aus Hessen begründeten schon früh in den Waldgebirgen die berühmte böhmische Glasherstellung. Als Grenzschutz gegen die Steppenvölker und um Kriegsschäden wieder zu beheben, warben ungarische Könige Bauern aus dem Rhein-und Moselgebiet an. Auf dem »goldenen Boden« Siebenbürgens, im Karpatenbogen, entwickelte sich eine wohlhabende deutsche Inselsiedlung. Die Befestigungen und wuchtigen Kirchenburgen der »Siebenbürger Sachsen« bildeten über Jahrhunderte ein östliches »Vorwerk der Christenheit« gegen Mongolen und Türken. Am weitesten ist der Deutsche Orden nach Osten vorgedrungen: von der bäuerlichen und bürgerlichen Ostsiedlung unterschied sich sein straff gelenktes Kolonisationswerk jedoch grundlegend. Eine Bilanz Um 1350 riss der Zustrom deutscher Siedler nach Osten fast schlagartig ab, der Bevölkerungsdruck im Westen hatte nachgelassen. Die Bilanz von 250 Jahren Ostkolonisation ist beachtlich: das Gebiet des Deutschen Reiches war um die Hälfte vergrößert worden, der deutsche Sprachraum hatte sich verdoppelt, Österreich, Schlesien, Mecklenburg, Pommern, die böhmischen Randgebirge waren jetzt deutsche Landschaften. Nicht »der große Appetit«, wie der französische Historiker Le Goff meinte, hatte diese gewaltige Ausweitung zuwege gebracht - drückende Not hatte deutsche Bauern und Bürger in die dünnbesiedelten Gebiete jenseits der Elbe getrieben! Mit dem Ende der Ostkolonisation wurde auch ihre Problematik sichtbar: Ohne ›Nachschub‹ konnten zahlreiche Niederlassungen nicht behauptet werden, ohne politischen Schutz waren die deutschen Inselsiedlungen dem Schicksal nationaler Minderheiten preisgegeben. Aber auch das Verhältnis zu den Slawen blieb problematisch. War die deutsche Ausbreitung nach Osten anfänglich noch von kriegerischen Aktionen begleitet, so erfolgte die Ostsiedlung der Bauern und Bürger durchweg friedlich. Deutsche und slawische Dörfer lagen nebeneinander, teilweise sind sie zusammengewachsen. Dennoch regte sich bald auch Widerstand gegen die Deutschen: Jakob Swinka, der Erzbischof von Gnesen, beklagte sich 1285 in einem Brief an römische Kardinäle, dass »das polnische Volk durch sie unterdrückt, von ihnen verachtet« werde. Die bevorzugte Stellung der deutschen Bevölkerung, auch nationale Überheblichkeit, vor allem gegenüber Tschechen und Polen, belasteten das Verhältnis von Slawen und Deutschen bis in unsere Tage. Letztlich haben aber auch die slawischen Völker von der Ostsiedlung profitiert. Die östlichen Nachbarn waren vor dieser Zeit zwar keineswegs »im Zustand der Tierheit«, wie der Historiker Heinrich von Treitschke im vergangenen Jahrhundert in nationalistischer Verblendung annahm, dennoch bestand in manchen Bereichen ein merkliches Kulturgefälle: die Aneignung der fortschrittlicheren Bewirtschaftungsmethoden hat den Ausbau der slawischen Länder wesentlich gefördert, die Übernahme des deutschen Stadtrechts, das seinen Geltungsbereich bis nach Russland hinein ausdehnte, hat auch die Freiheiten des slawischen Bürgers erweitert. Unstreitig wurden die Slawen durch die Ostsiedlung stärker mit der europäischen Völkerfamilie verklammert. Dass die Ostkolonisation »die größte Leistung des deutschen Volkes im Mittelalter« gewesen ist, kann mit Fug bezweifelt werden. Gleichwohl war sie eine der ganz wenigen Unternehmungen - vielleicht die einzige! - bei der alle Stämme und Stände, Adel und Geistliche, Bürger und Bauern, zusammenwirkten: das Werk hatte immerhin bis ins 20. Jahrhundert Bestand.

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