Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich

Scheinbar unberührt vom Ideengut der Revolutionsepoche richtete sich Mitteleuropa nach 1815 im Zeichen politischer Restauration ein. Mit der »Heiligen Allianz«, einer über Jahrzehnte hinweg wirksamen, von Fürst Clemens Metternich (1773-1859) geprägten Friedensordnung, schufen sich die Monarchien Österreich-Ungarns, Russlands und Preußens ein wirksames Instrument gegen nationale, liberale und demokratische Tendenzen (»Bund von Thron und Altar«). Ein wechselseitig eingeräumtes Interventionsrecht unterstrich den Charakter dieser ersten neuzeitlichen Friedensorganisation als Bollwerk gegen innerstaatlichen Systemwandel. Der »Steppenbrand« der Revolution sollte supranational erstickt, bei äußerer Ruhe die verfügbare Staatsmacht gegen Aufruhr im Innern eingesetzt werden. Der Zollverein
Im Kern Mitteleuropas verfocht der Deutsche Bund dieses Ziel mit konsequenter Härte. Nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 (»Demagogen« Verfolgung, Überwachung von Presse und Universitäten) überzog ein engmaschiges Polizei- und Spitzelsystem das Deutschland der Biedermeierzeit, erst im Vormärz (1830-48) begannen sich hier oppositionelle Kräfte stärker zu regen, traten kontinuierlich entwickelte, fortschrittliche Ideen ins Rampenlicht politischer Auseinandersetzungen. Im Preußen König Friedrich Wilhelms III. (1770-1840), der die unter ihm eingeleitete Reform nach 1818/19 selbst wieder abblockte, fand Metternich einen starken, an den Allianz-Grundsätzen festhaltenden Gesinnungspartner. Der seit dem frühen 18. Jh. bestimmende preußisch-österreichische Dualismus wurde jedoch nur oberflächlich überdeckt. Wirtschaftlich-politische Expansion, kulturelle, bildungsmäßige und technisch-innovatorische Dynamik des deutschen Nordens sowie die 1806-13 entfaltete, nach 1815 nur äußerlich unterdrückte Nationalstaatsbewegung stellten den von Österreich beherrschten Bund prinzipiell infrage. Gegen Metternichs Widerstand bildeten sich 1828 begrenzte Zollvereine, die auf eine Überwindung der bestehenden 38 deutschen Zollsysteme abzielten. Nach Vorarbeiten von Friedrich List (1789-1846) erreichten diese Bestrebungen 1834 im Deutschen Zollverein unter preußischer Führung eine entscheidende Stufe zur politischen Einigung und zur nach 1850 intensiv einsetzenden Industrialisierung. Bürgerliche Revolution
Hatten Unruhen in Frankreich bereits nach 1830 als Folgewirkung auf deutschem Gebiet ein breiteres Protestpotenzial aufscheinen lassen, so griff die Pariser Februarrevolution 1848 über den Rhein auf das gesamte Gebiet des politisch erstarrten Deutschen Bundes über, in dem eine tiefgreifende Verarmung (Pauperismus) und Missernten sich in den 40er Jahren mit den gekräftigten nationalen und liberalen Idealen des besitzenden und gebildeten Bürgertums zu einer Protestwelle vereinigten, die die etablierten Mächte binnen weniger Wochen im März 1848 hinwegspülte oder sie widerstandslos kapitulieren ließ. Am 18. 5. 1848 konnte nach allgemeinen, freien Wahlen die Verfassunggebende Nationalversammlung in der Paulskirche eröffnet werden. Doch zu viele Aufgaben waren in zu kurzer Zeit zu lösen, zu große Belastungen beeinträchtigten die in parlamentarischer Praxis ungeübten Abgeordneten. In der Frage eines nationalen Kaisertums prallten »Kleindeutsche« und »Großdeutsche« (Befürworter eines Anschlusses Österreichs), in der Verfassungsdiskussion gemäßigte liberale, die Kooperation mit den Monarchien suchten, und Radikaldemokraten aufeinander. Obschon sich die Verhandlungen, schließlich nur noch in einem Rumpfparlament, bis Juni 1849 hinzogen, scheiterten die Bemühungen um eine Synthese bereits Ende 1848, da die Schleswigfrage die Paulskirche spaltete, Arbeiterunruhen veranlassten die meisten Abgeordneten zu Abgrenzungen nach unten. Der Gegenschlag der Reaktion, die sich nach anfänglicher Lähmung sammelte, wurde dadurch erleichtert. Letzte Volkserhebungen, vor allem in Baden und in der Pfalz, wurden niedergeschlagen, in Baden kam es zu Massenerschießungen durch preußische Truppen. Liberale Parteien
Im Vertrag von Olmütz (1850) wurde der Deutsche Bund unter österreichischer Führung erneuert. Preußen erlebte unter Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) eine verschärfte Phase der Reaktion, freilich auch eine wirtschaftliche Blüte, da das politisch zurückgeworfene Bürgertum seine Energie in einer allgemeinen konjunkturellen Aufschwungphase auf ökonomischen Erfolg verlagerte. Doch ab 1859 regte sich im Preußen der »Neuen Ära« Wilhelms I. (1797-1888) politische Initiative, Versammlungen und Vereine proklamierten die nationale Einigung, zunächst liberale Parteien bildeten sich und traten im preußischen Verfassungskonflikt 1862 der Krone entgegen. Industrielle Expansion, wirtschaftspolitische und verkehrsgeografische Erfordernisse, zunehmende politische Überlegenheit des Nordens und eine breite, durch die Einigung Italiens noch verstärkte Volksbewegung: Alles deutete auf einen Nationalstaat unter preußischer Führung. Dass dieser dann »von oben«, durch Militär und traditionale Führungsschichten erfolgte, war vorrangig das Werk Bismarcks, der nach der »Zähmung« des Parlaments die allgemeine Strömung nutzte und in den »Einigungskriegen« 1864-71 gegen Dänemark, Österreich und Frankreich den Nationalstaat ebenso beschleunigte wie von seiner liberalen und demokratischen Wurzel trennte. 1866 stellte sich der Großteil der Bürger hinter den Kanzler, 1871 festigte sich die Legende vom deutschen Beruf Preußens.
Um 1850 setzte die Industrialisierung Deutschlands ein, eine aktionsfähige politische Arbeiterbewegung bildete sich nach 1860, sie war zunächst gespalten in eine marxistische Richtung um Bebel/ Liebknecht und in einen »nationalen« Sozialismus in der Nachfolge Lassalles. Mit der Vereinigung beider 1875 begann der Aufstieg der deutschen Sozialdemokratie.