Der unvollendete Nationalstaat

Nach dem Sieg der »Kleindeutschen« Lösung entstand 1871 ein machtvolles, aber auch strukturell vorbelastetes Staatswesen. Bewunderer priesen es als selbstständigen monarchischen Konstitutionalismus, Kritiker sprachen von einem permanent bedrohten transitorischen Kompromiss. Blut und Eisen
Tatsächlich vermochten der föderalistische Aufbau und ein demokratischer, nach dem fortschrittlichsten Wahlrecht Europas gebildeter Reichstag nicht zu verbergen, dass in dem mit »Blut und Eisen« geschmiedeten Staat militärisches Denken tief in die Politik eingriff, dass die Armee ihre Führungsrolle nicht preiszugeben bereit war, dass der ökonomisch zunehmend geschwächte ostelbische Landadel zäh seine Macht verteidigte und dass aufgrund der Vorherrschaft Preußens im Reich an eine Anlehnung an die vielfach verwandten westlichen Demokratien nicht zu denken war. Das wirtschaftlich tonangebende liberale Bürgertum widersetzte sich der Feudalisierung der politischen Kultur nicht. Durch eine Politik der Stärke und zugleich der Beschwichtigung suchte Bismarck den Argwohn Europas angesichts eines hochgerüsteten, politisch und wirtschaftlich geeinten Reichs in seiner Mitte zu dämpfen. Außenpolitik
Bismarck schuf ein kompliziertes Vertragssystem. Sein Kern waren Bündnisse mit Österreich-Ungarn und Russland 1873 und 1884, intensiviert durch einen geheimen Zweibund mit dem Habsburgerreich 1879 und den 1890 nicht verlängerten Rückversicherungsvertrag mit Russland von 1887. Als »ehrlicher Makler« und Kanzler eines »saturierten« Reiches feierte Bismarck auf dem Berliner Kongress 1878 einen Triumph seiner Außenpolitik, deren bilateraler Charakter und Geheimdiplomatie jedoch weit entfernt vom Prinzip kollektiver Sicherheit war. Zunehmende Schwierigkeiten und das Scheitern der deutschen Außenpolitik nach Bismarcks Sturz (1890) unter Kaiser Wilhelm II. beruhten nicht nur auf Ämterchaos und Führungsschwäche der nachfolgenden Kanzler Georg Leo Graf Caprivi (Kanzler 1890-94), Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst (Kanzler 1894-1900), Bernhard von Bülow (Kanzler 1900-09) und Theobald von Bethmann Hollweg (Kanzler 1909 – Juli 1917). Dem immer einseitiger an Österreich gekoppelten, sich eingekreist glaubenden Reich standen mit dem französisch-russischen Zweibund von 1894 sowie der englisch-französischen Entente (1904) diese drei Mächte geschlossen gegenüber, das Nebeneinander von innenpolitischer Labilität und wirtschaftlich-militärischer Überlegenheit Deutschlands, dessen Industrieproduktion 1914 die von Großbritannien überflügelte, sowie sein flotten- und kolonialpolitischer »Griff nach der Weltmacht« in einer bereits weitgehend aufgeteilten Welt verliehen dem jungen deutschen Imperialismus eine eher zwangsläufige als bewusst angestrebte aggressive Stoßkraft. Innenpolitik
Im Innern blieb der Nationalstaat unvollendet, da trotz eines pompösen nationalen Pathos zu viele auseinanderstrebende Gruppierungen desintegriert oder von der Teilnahme am politischen Leben ausgeschlossen blieben. Vorrangig galt dies für die 1907 63 Prozent der Bevölkerung umfassende Arbeiterschaft. Während der Zeit des Sozialistengesetzes (1878-90) in ihren politischen Organisationen scharf verfolgt, entwickelte sie in Sozialdemokratie und Gewerkschaften nach 1890 die umfangreichsten und schlagkräftigsten Formationen des Kaiserreichs. Ohne ernsthaft auf eine Revolution im Innern hinzuwirken – diese Furcht beherrschte real oder als Zweckpropaganda eingesetzt die Zeitgenossen -, stand sie dem Staat innerlich fremd gegenüber und richtete sich in einer eigenen, durch eine Fülle lebensumspannender Vereinigungen geprägten Welt ein. Erst im Weltkrieg, den die Reichsleitung zu Beginn erfolgreich als Verteidigung gegen das rückständige zaristische Russland propagierte, fanden große Teile der Arbeiterschaft Anschluss an den Nationalstaat, freilich um den Preis der Einheit der Arbeiterbewegung. Abseits standen ferner kleine Nationalitäten wie Polen, Dänen, Elsass-Lothringer, aber auch weitgehend die 1866 eingegliederten hannoverschen »Welfen«, vor allem jedoch Juden und der katholische Bevölkerungsteil, dessen kirchliche Repräsentanten und politische Organisation – das Zentrum – in der Zeit des Kulturkampfes (1871-79) Verfolgungen ausgesetzt waren, die auch die späteren Jahrzehnte nachhaltig belasteten. Sekundäre Integration
Doch auch Bismarcks Konzept der »sekundären Integration« der als staatstragend bezeichneten rechtsliberalen und konservativen Schichten durch eine Politik wechselnder gemeinsamer Feindbilder scheiterte letztlich. Zwar vermochte nach der Krise 1873-78 der Solidarprotektionismus der Schutzzollgesetze von 1878/79 den Gegensatz von Großlandwirten, Handel und Industrie teilweise zu beseitigen, doch bewirkte dieses »nationale« Kartell von Liberalen und Konservativen weniger eine Aktionseinheit als eine endgültige Spaltung des bürgerlichen Liberalismus. Unter Wilhelm II. brachen die Konflikte zwischen Demokratisierungstendenzen im Reich und konservativer Beharrung in der Bastion Preußen wieder auf. Zugleich ließ die sprunghafte amtliche Politik klare Zielsetzungen vermissen, fehlte es an politischen Kräften, die über die Befriedigung von Partikularinteressen hinaus dem Reich hätten dienstbar gemacht werden können.
In der Pose des ehernen Wächters lebte Bismarck, unter dessen Last das Reich bis 1890 oft genug seufzte, als »eiserner Kanzler« Im Bewusstsein fort (Studie von F. von Lenbach). Die stilisierte Monumentalität der Bismarckbilder und -denkmäler kontrastierte eindrucksvoll zum Gepränge der Wilhelminischen Ära. »Herrlichen Zeiten« wollte der junge Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) sein Volk entgegenführen. Vielseitig und hochbegabt ließ er jedoch Stetigkeit und Konsequenz vermissen. Sein markiges Säbelrasseln blieb letztlich Theaterdonner, belastete jedoch die Glaubwürdigkeit des Deutschen Reiches.

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Info 18.11.2017 13:08
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