Scheitern einer deutschen Republik

Die junge Republik, am 9.11.1918 von dem gemäßigten Sozialdemokraten Philipp Scheidemann (1865-1939) ausgerufen, der damit der Proklamation eines Rätestaates nach bolschewistischem Vorbild zuvorkam, war durch eine erdrückende Fülle von Hypotheken belastet. Der verlorene Krieg
Den am 11.11.1918 unterzeichneten Waffenstillstand hatte noch die kaiserliche Oberste Heeresleitung gefordert. Den sieben Monate später in Kraft tretenden Friedensvertrag, der den verlorenen Krieg des kaiserlichen Deutschland mit schmerzlichen territorialen und wirtschaftlichen Einbußen sowie einem demütigenden, einseitig gegen die Mittelmächte gerichteten Kriegsschuldartikel quittierte, hatte eine von Mehrheitssozialdemokraten, Zentrum und Linksliberalen gebildete Regierung zu verantworten, die »Weimarer Koalition«, deren führende Männer als Vaterlandsverräter und »Erfüllungspolitiker« gebrandmarkt wurden. Tatsächlich hätte jedoch eine Verweigerung der harten, vornehmlich von Frankreich durchgesetzten Bedingungen den Einmarsch der Alliierten, Aussetzung der dringend benötigten Lebensmitteleinfuhren in das hungernde Deutschland sowie ein völliges Chaos in dem seit November 1918 von schweren Unruhen erschütterten Reich zur Folge gehabt. Es war das Werk der Weimarer Koalition, die in Aufständen von rechts und links und separatistischen Bestrebungen bedrohte Reichseinheit zu sichern und durch die Arbeit der Januar 1919 gewählten verfassunggebenden Nationalversammlung eine parlamentarische Demokratie zu begründen, die sich den gefährlichen Experimenten von Spartakisten, Kommunisten, Teilen der USPD und verschiedenen Rätegruppierungen erfolgreich widersetzte. Freilich ließen die hierfür notwendig erscheinenden Bündnisse mit Großindustrie, Militär und Bürokratie den Ausbau einer sozialen Demokratie – Voraussetzung zur Integration benachteiligter Schichten – über Ansätze nicht hinausgelangen. Das erste Jahrfünft blieb eine Zeit ständiger Krisen. Die nach den anfänglichen, mit Kapp-Putsch und kommunistischen Aufständen im Ruhrgebiet (März 1920) einen vorläufigen Höhepunkt erreichenden Unruhen erfuhren dann 1923 eine dramatische Zuspitzung: das durch Kriegsverpflichtungen, utopische Reparationsforderungen und eine zerrüttete Wirtschaft verschuldete Reich taumelte in der Inflation einer Katastrophe entgegen, die Franzosen marschierten ins Ruhrgebiet ein, in Bayern, Rheinland und Pfalz drängten reaktionäre Kräfte auf Ablösung vom Reich, in Hamburg, Sachsen und Thüringen wurden Kommunisten durch Reichswehr und Freikorps zurückgeworfen. Stabilisierung und Krise
Es bleibt das Verdienst Gustav Stresemanns (1878-1929), dass ab Herbst 1923 mit Beendigung des Ruhrkampfs, Stabilisierung der Währung und einer Friedenspolitik, die im Vertrag von Locarno 1925 ihren Höhepunkt erreichte, eine gewisse Beruhigung eintrat. Bis zur Auswirkung der Weltwirtschaftskrise auf Deutschland 1929, die mit der Massenarbeitslosigkeit zugleich eine erneute politische Radikalisierung von rechts und links einleitete, erlebte das Reich eine kurze Phase ökonomischer Prosperität, politischer Ruhe und äußerer Anerkennung. Im letzten Drittel der Republik brachen die Gräben und strukturellen Belastungen vehement wieder auf. Nationalsozialisten und Kommunisten beherrschten den Reichstag, die Straße und die Hoffnungen einer politisch zersplitterten, sozialökonomisch völlig verunsicherten und der Republik großenteils ablehnend gegenüberstehenden Bevölkerung. Nach dem Scheitern der letzten parlamentarischen Regierung (März 1930) stützten sich die Kanzler Heinrich Brüning (1885-1970 / Zentrum), Franz von Papen (1879-1969) und Kurt von Schleicher (1882-1934) lediglich auf das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten. Die Ernennung Adolf Hitlers (1889-1945) zum Reichskanzler am 30.1.1933 und die anschließende Zerschlagung (»Gleichschaltung«) der Parteien und politischen Organisationen bezeichneten das Ende einer Republik, deren Instabilität nur bedingt innere Schwäche verriet, die vielmehr unter einer Fülle äußerer und innerer Belastungen litt und zudem zu einem Zeitpunkt zerstört wurde, als der Höhepunkt der Wirtschaftskrise wie auch der NS-Wahlerfolge bereits überschritten war. Das Dritte Reich
Bis zur Ausschaltung der SA und der Ermordung früherer und innerparteilicher Gegenspieler im »Röhmputsch« (Juni 1934) dauerte die »braune Revolution«, die Phase der Bewegung. In 17 Monaten wurde der Prozess der »Gleichschaltung«, der Verknüpfung von Partei und Staat sowie der organisatorischen, propagandistischen und terroristischen Verankerung der NS-Diktatur auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen abgeschlossen. Lediglich der Industrie, auf deren Mitwirkung Hitler angewiesen war, blieb ein gewisser Freiraum. Trotz der alle Lebensbereiche umspannenden Diktatur war der Staat Hitlers von einem hierarchischen Zentralismus weit entfernt. Unterhalb der unangefochtenen Autorität des »Führers« entwickelten sich in einer kräftezehrenden Polykratie erbitterte Konkurrenzkämpfe. Totalitäre Herrschaft und eine bis in die letzte Dorfklasse reichende, auf »Lebensraum im Osten«, Überlegenheit der nordischen Herrenrasse und Vernichtung des Judentums gerichtete Ideologie verbanden sich mit aktionistischem Chaos. Außenpolitisch trieb das Gesetz permanenter Expansion das »Dritte Reich« zwangsläufig in einen Weltkrieg, der ebenso zwangsläufig mit dem Zusammenbruch des Reiches endete.
Auf Großveranstaltungen und in Rundfunkreden vermochte Hitler, dessen suggestive Rhetorik seine stärkste Waffe war, die Massen in seinen Bann zu ziehen. Wie kaum eine andere Diktatur war Aufstieg und Fall des NS-Regimes mit der Person Adolf Hitlers verknüpft. Außen- und Innenpolitik des Deutschen Reiches wurden weitgehend von Hitler und seinen Ideen geprägt. In der letzten Phase der Inflation sank die Kaufkraft der Mark stündlich, mit Lastwagen wurden die Banknotenmassen zur Lohnauszahlung in die Betriebe geschafft.

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Info 18.12.2017 00:07
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