Minnelyrik

Gewiss gab es in Deutschland lyrische Dichtung schon vor dem Minnesang. Um 1160 entstandene Gedichte eines österreichischen Ritters, des Kürnbergers, sprechen Gefühle des liebenden Menschen knapp, aber in anschaulichen Bildern aus. Etwa gleichzeitig dichtete Dietmar von Aist, ebenfalls ein Österreicher, sein »Släfest du, friedel ziere?« (schöner Geliebter). In den Gedichten dieser donauländischen Liebeslyrik steht ein rein weltliches Thema, die Liebe zwischen Mann und Frau, im Mittelpunkt, der bisher so wichtige erbaulich-lehrhafte Charakter verschwindet dagegen fast ganz. Liegen auch die Quellen des unmittelbar folgenden Minnesangs nicht hier, so bezeugen diese Lieder doch einen Umschwung im Denken und Fühlen der Menschen. Auf den Minnesang mögen die blühende lateinische Liebesdichtung der Zeit, die sogenannte »Vagantenlyrik« aus Südfrankreich, und der andauernde Einfluss Ovids durchaus eingewirkt haben, er ist aber vor allem ein Produkt der ritterlichen Gesellschaft, Minnesang ist ja eine Huldigung der vornehmen verheirateten Burgherrin (mhd. frouwe). Diese Huldigung wurde nicht heimlich, sondern vor der gesamten anwesenden ritterlichen Gesellschaft und in deren Denkweisen ausgedrückt: der Ritter verstand Minne als »dienest« (mhd.: allgemein Dienst, besonders im Zusammenhang mit Lehnspflicht), er erhoffte für seine »arebeit« (mhd., Mühe, Pein) von der Herrin seinen »lôn« (mhd., Gegenleistung). Minnesang war also weniger unmittelbarer Gefühlsausdruck, sondern hob die angebetete Herrin aus dem Bereich sinnlicher Nähe in ideelle Höhen. Vor der reinen, vorbildlichen Dame schlechthin verneigte sich der ritterliche Sänger und mit ihm die während des Vortrags anwesende ritterliche Gesellschaft. Sieht man von diesen Einschränkungen ab, kann man den Minnesang dennoch als eine Liebesdichtung auch in modernerem Sinne verstehen. Er ist durchaus Dichtung der Sehnsucht und der Hoffnung auf Erhörung, häufiger noch ist er aber Klage darüber, dass die Dame sich dem Minnenden versagt. Beides gehört allerdings zusammen, denn erhörte die »frouwe« das Werben des Ritters, wäre sie in seinen und der Gesellschaft Augen nicht mehr das erhabene Wesen, als das sie im Minnelied gefeiert wird. So aber kann sie den Liebenden erziehen, Veredlung (mhd. zuht) des Ritters, d. h. seine Eingliederung in das standesabgrenzende mittelalterliche Gesellschaftssystem und Erhöhung seines Daseinsgefühls (mhd. froide) ist ihre Leistung. Dafür dient er ihr zeitlebens, ohne Hoffnung auf reale ›Erhörung‹! Damit erweist sich die Minnelyrik gleichermaßen als Ausdruck verfeinerter seelischer und gesellschaftlicher Kultur. Der Doppelcharakter von Minnesang als Gesellschaftsspiel und Gesellschaftsspiegel umreißt die innere Problematik dieser Literaturgattung, deren Größe an ganz bestimmte historische Gegebenheiten geknüpft ist. Der frühe Minnesang – Von Friedrich von Hausen zu Hartmann von Aue
An der Übernahme des provenzalischen Minnesangs und seiner Ausbreitung in der Rheingegend etwa ab 1170 sind die Staufer selbst maßgeblich beteiligt: unmittelbar durch Kaiser Heinrich VI., einen Sohn Friedrichs L, der selbst im neuen Geist dichtete, zum anderen mittelbar, weil einige fränkische Dichter der Zeit in staufischen Diensten standen und ihre Lieder bei Hof vortrugen. Zu ihnen zählt Friedrich von Hausen, bei ihm und seinem bis etwa 1190 tonangebenden Kreis finden sich zum ersten Mal die Wesensmerkmale des Minnesangs, Lobpreis der adeligen Dame, Bitte um Erhöhung und Erhörung des Sängers. Hausen erlebte aber auch schon den grundsätzlichen Konflikt seines Zeitalters: Vor die Entscheidung gestellt, seiner Herrin zu dienen oder am Kreuzzug teilzunehmen, vermag er nicht, die Spannung zum Ausgleich zu bringen, er ringt sich zur Teilnahme am Kreuzzug durch, obwohl ihn sein Herz zur »Herrin« zieht, und ordnet damit die Frauenminne der Gottesminne unter. Die ›Schule‹ Hausens wird etwa ab 1190 von den großen Sängern der ›Hohen‹ Minne abgelöst, die weitgehend der Ministerialität zugehörten. Die Gedichte Hartmanns von Aue, des ersten von ihnen, kreisen vielgestalt um die Herrin, die sich ihm zwar unnahbar versagt, deren erhabene Größe ihn aber sittlich bildet. Nur gelegentlich durchbricht er den engen sozialen Rahmen dieses Frauenkults. Auf die Aufforderung: »Hartman, gen wir schouwen/ritterliche frouwen« entgegnet er: »ich mac baz vertrîben/die zît mit armen wîben« (»mit einfachen Frauen«). Das »Tagelied«
Auch der Thüringer Ministeriale Heinrich von Morungen, der die Formen des Minnesangs sicher handhabt, sprengt in nicht wenigen seiner Lieder dessen enge Möglichkeiten. So erscheint in einer dem Minnesang verwandten Gattung, dem »Tagelied«, die Dame als Gegenstand sinnlicher Anschauung, etwa wenn er wünscht, ihm möchte noch einmal ihre »wohlgeformte Gestalt, die noch weißer ist als Schnee, durch die Nacht leuchten«. Neben diesem ›Schuss‹ Sinnlichkeit ist für Morungen die Auffassung von der verzaubernden, ja zerstörerischen Macht der Minne bezeichnend, die Herrin hat ihn völlig in der Hand, sie kann sein Glück und sein Verhängnis werden. Eindringlich hält er ihr vor Augen: »Sprichest iemer neinâ nein,/neinâ neinâ neinâ nein,/ daz brichet mir min herze enzwein.« Dass die großen Vertreter des Minnesangs einerseits sehr sicher über die Gesetze dieser ›Gesellschaftskunst‹ verfügen, sie aber auch gelegentlich durchbrechen, ist fast so etwas wie ein Merkmal ihres Rangs. Das zeigt sich noch deutlicher bei Wolfram von Eschenbach. Von ihm stammen nur weniger Minnegedichte, vielleicht ein Beweis dafür, dass er sich nicht in das enge Schema des ›Hohen‹ Minnesangs finden konnte. Seine Stärke ist das sogenannte »Tagelied« (auch »Wächterlied« genannt) ein Gedichttyp, der die reale Abschiedssituation zweier Liebender (meist Herrin und Ritter) im Morgengrauen zum Gegenstand hat. Meist ist der Ruf eines Vogels oder des Wächters, der die moralische Kontrollinstanz der (höfischen) Gesellschaft vertritt, auslösendes Moment für eine innige Szene im Wechselgesang. Wolfram konnte hier sinnliche und seelische Ergriffenheit der Liebenden darstellen und so seine Auffassung von Minne als etwas Sinnlichem und Wechselseitigem, das den ganzen Menschen betrifft, ausdrücken. Sein bekanntestes »Tagelied« beginnt mit dem kühnen Bild vom aufdämmernden Tag als einem Ungeheuer: »Sîne klâwen durch die wolken sint geslagen,/er stîget ûf mit grôzer kraft …« Die Minne als »wân« – Reinmar von Hagenau
Im Gegensatz zu diesen Dichtern verkörpert Reinmar von Hagenau, auch Reinmar der Alte genannt, den Prototyp eines Minnesängers, der provenzalische Einfluss wirkte auf den Elsässer wohl am stärksten. Er brachte die neue Art zu dichten an den Babenberger Hof zu Wien, wo er als Hofsänger von 1190 bis etwa 1205 seine Hauptschaffensperiode hatte. Reinmars Lieder verstehen Minne als »wân«, d. h. als Werben ohne Aussicht auf Erhörung. Dabei tritt das Individuelle der Herrin völlig zurück, sie verblasst zum Idealbild. In den Mittelpunkt rückt die Beschäftigung mit dem eigenen Seelenzustand, sie ist mit dem Begriff des »schönen Trauerns« umrissen. Das »Schöne« dieses Trauerns meint einmal die vollkommene formale Beherrschung des Minnelieds, zum anderen die Tatsache, dass dies Trauern zum Selbstzweck wird, einem melancholischen ›Zelebrieren‹ der eigenen Befindlichkeit. Wie ganz anders leidend als Heinrich von Morungen stellt sich doch Reinmar derselben Situation: »… nur ›nein‹ und ›nicht‹ erhalte ich zur Antwort./Daher bin ich weiter auf der Suche nach dem, mit dem sie hinterm Berg hält/ und das Musik in meinen Ohren wäre, nach dem Wörtchen ›ja‹.« Es ist begreiflich, dass diese manchmal blutleer wirkende, strenge Minnedichtung, die vor allem der Forderung nach »mâze« (mhd., gebührendes Maß, Anstand, Zurückhaltung) Rechnung trug, auf das Publikum am Wiener Hof – das wir uns keineswegs als einen Zirkel von Schöngeistern vorstellen dürfen – langweilend oder erheiternd wirkte. Spiegel solcher Reaktionen des Publikums könnte eine literaturgeschichtlich sehr bekannte Auseinandersetzung Reinmars mit seinem begabtesten Schüler Walther von der Vogelweide sein, der Reinmars Abhängigkeit von der »frouwe« parodierte. Mittelhochdeutsch
Aus dem althochdeutschen Sprachzustand mit seinen verschiedenen Dialekten ohne gemeinsame Verkehrssprache entwickelt sich das Mittelhochdeutsch. Beginnend mit dem Frühmittelhochdeutschen etwa ab 1050, umfasst es die Zeit des Hoch- und Spätmittelalters bis etwa 1350. Es unterscheidet sich vom vorhergehenden Althochdeutschen hauptsächlich durch die Abschwächung der Nebensilbenvokale zu farblosem ›e‹ (wie im heutigen Deutsch):
ahd. minna → mhd. minne
ahd. situ → mhd. site → nhd. Sitte
daneben durch das weitere Vordringen des Umlauts:
ahd. hûsir → mhd. hiuser → nhd. Häuser
ahd. beck(j)o → mhd. becke → nhd. Bäcker
ahd. hôhir, hôhist → mhd. hœher, hœhest → nhd. höher, am höchsten.
Beide Entwicklungen betreffen mehr oder weniger alle Dialekte und haben in einem ausgeprägten Bewusstsein der Zusammengehörigkeit wenigstens bei den Schriftkundigen ihre Entsprechung. Verstand sich der althochdeutsche Autor noch als Franke, Alemanne usf., so stellt Gottfried von Straßburg jetzt über Heinrich von Veldeke fest: »er impfete daz erst ris in tiuscher zungen«. Auch die anderen Autoren der ›klassischen‹ mittelhochdeutschen Periode nennen ihre Sprache jetzt »deutsch«.
Dies »Deutsch« stellte sich als eine neben den Dialekten existierende, allen Gebildeten verständliche, von mundartlichen Einflüssen weitgehend gereinigte einheitliche Literatursprache dar, die jedoch nicht mit unserem heutigen Neuhochdeutsch verglichen werden darf und neben der eine reiche Palette regionalsprachlicher Differenzen in der gesprochenen und geschriebenen Sprache bestehen bleibt. »Minne«
Grundbedeutung: das Denken an etwas, Gedenken.
Mhd.: abstrakt: Gedenken, Erinnerung.
Konkret: Gedächtnistrunk, Andenken, liebendes Gedenken, Liebe.
Freundschaft, Zuneigung: verehrende, dienende und sinnliche Liebe des Minnesängers/Ritters zur Herrin. Erst im 15. Jahrhundert Liebe, da das Wort »minne« unanständig geworden war.