Der Minnesang – Walther von der Vogelweide

Walther von der Vogelweide verbrachte wie Reinmar ab 1190 ein gutes Jahrzehnt am Wiener Hof. Er orientierte sich zunächst an der Minneauffassung seines Lehrers: Der Dichter solle die ritterliche Gesellschaft erziehen, indem er seine Trauer über das unnahbare Wesen der Minneherrin als musterhaftes Verhalten vorführt. So wie er sollte jeder sein Liebesleid in Selbstdisziplin ertragen. Als Walther von der Vogelweide aber nach einigen Jahren schöpferischen Wanderlebens 1203 welterfahren an den Wiener Hof zurückkam, sah er Reinmars Minnekult mit anderen Augen. Der Ablösungsprozess beginnt mit dem Lied »Ir sult sprechen willekommen«: Walther zeigt sich selbstbewusst nur bereit, seine Neuigkeiten zu erzählen, wenn er entsprechenden Lohn bekommt. Lediglich den »frouwen« gegenüber – er spricht nicht mehr von einer einzigen Angebeteten – will er auf Lohn verzichten: »Si sint mir ze hêr« (mhd.: erhaben), meint er nicht ohne Ironie. Die Entfernung vom bedingungslosen Minnedienst wird deutlich. Am Ende steht der Bruch Walthers mit seinem Lehrmeister. Walther von der Vogelweide setzt dem höfischen Minnebegriff seine neue Auffassung, die ›Niedere‹ Minne entgegen, nämlich die auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe. Statt der sozial hochstehenden Dame ist jetzt die unverheiratete Frau bzw. das Mädchen niederen Standes die Geliebte. Eine neue innige Beziehung kennzeichnet das Verhältnis der Liebenden zueinander: Walther spricht jetzt nicht mehr von »minne«, sondern von »herzeliebe«. Nun entstehen seine unmittelbarsten Lieder, deren bekanntestes wohl »Under der linden« ist, die innig-zarte Erinnerung des Mädchens an das Liebeserlebnis. In seiner letzten lyrischen Phase versucht Walther von der Vogelweide, die beiden Positionen zur Einheit zu führen: »friundin« (mhd., Geliebte) und »frouwe« in einem, so umreißt er jetzt sein neues Frauenideal. Doch auch das ist noch nicht sein letztes Wort. Für den alternden Dichter rückt anderes in den Vordergrund. In seiner Elegie »Owê war (mhd., wohin) sint verswunden alliu mîniu jâr« stellt er fest: »Swer dirre wünne (mhd., dem Glück dieses irischen Lebens) volget, hât jene dort verlorn«. Liebesglück und ewige Seligkeit schließen sich aus! Das Grundproblem des mittelalterlichen Menschen, es schlägt auch bei Walther von der Vogelweide schließlich durch. Kritik und Preis der Herrschenden
Dieser elegische Alterston Walthers von der Vogelweide hat seine Ursache auch in seiner allgemeinen Verbitterung über den Zustand der Welt. In der heftigen Auseinandersetzung zwischen Kaiser Friedrich II. und dem Papst sah der alte Walther die Ordnung der Welt gestört, die nach seiner Auffassung im Ausgleich zwischen diesen beiden Mächten beruhte. Zeit seines Lebens reagierte er ja sehr empfindlich auf soziale und politische Veränderungen. Das können wir in seinen ›Spruchdichtungen‹ genau verfolgen, übrigens einem der wenigen Zeugnisse für lehrhafte Dichtung in der staufischen Zeit. Der Gedanke der Entsagung und des unablässigen Dienstes, wie er den idealisierenden Minnesang (und ja auch die Ideologie der Vasallität) bestimmte, mag ja durchaus Ausfluss des Verzichts des mittleren und unteren Adels auf gesellschaftliche Mitsprache sein. Walther von der Vogelweide jedenfalls, der auch in seiner Minneauffassung mit dieser Scheinwelt brach, trat mit dem Anspruch auf, auch in den obersten gesellschaftlichen Kreisen gehört zu werden. Zum ersten Mal erhebt er seine Stimme ›politisch‹ – als er ab 1198 mit dem Staufer Philipp von Schwaben umherzieht – in den drei »Reichssprüchen«, deren bekanntester wohl »Ich saz ûf eime steine« ist. Hier tritt die politische Stoßrichtung zugunsten der allgemeinen Aussagen über den Zustand der Welt nach dem Tod Kaiser Heinrichs VI. noch nicht so eindeutig hervor wie in den späteren großen ›Sprüchen‹, mit denen er sich im staufisch-welfischen Thronstreit ab 1212 für den Thronanwärter aus dem Welfenhause, Otto IV., und gegen den Papst engagiert. Hier wird der Papst sogar als Teufel verunglimpft, seine Politik aufs schärfste zurückgewiesen, Walther von der Vogelweide schaltet sich in die Tagespolitik ein. Die späteren ›Sprüche‹, in der Regierungszeit Friedrichs II. entstanden, beklagen dann wieder vor allem den Verfall der Reichsidee. Die Erkenntnis, dass er den Gang der Dinge wohl nicht aufzuhalten vermag, führt Walther von der Vogelweide schließlich in Resignation, Rückzug ins Privatleben (»Ich hân mîn lêhen«) und Absage an die Welt überhaupt, beispielhaft ablesbar an der großen, bereits erwähnten sogenannten Elegie. Sie markiert die »persönliche Tragik von Walthers politischer Dichtung«. Das berühmte Lied Walthers von der Vogelweide: »Ich saz ûf eime steine«
Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine:
dar ûf satzt ich den eilenbogen:
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer weite solte leben:
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe.
diu zwei sint êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot:
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolte ich gerne in einen schrîn.
ja leider desn mac niht gesîn,
daz guot und weltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert uf der strâze:
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enthabent geleites niht,
diu zwei enwerden ê gesunt.
Übersetzung
Ich saß auf einem Steine,
übereinandergeschlagen die Beine,
hatte darauf den Ellenbogen gestützt
und in meine Hand geschmiegt
das Kinn und meine Wange.
So überlegte ich sehr bange,
wie man in dieser Welt sollt’ leben,
doch konnte keinen Rat ich geben,
wie man drei Dinge erwerbe,
ohne dass eines davon verderbe.
Die ersten zwei sind Ehre und weltlich Gut,
von denen eins dem andern oft Schaden tut.
Das dritte aber ist Gottes Huld,
die viel mehr gilt als diese beiden.
Die hält’ ich gern gehabt in einem Schrein,
doch leider kann es eben nicht sein,
dass Gut und weltliche Ehre
und dazu auch noch Gottes Huld
in einem Herzen zusammenkommen:
Steg und Weg sind ihnen genommen,
Untreue liegt im Hinterhalt,
Gewalt beherrscht die Straße,
Friede und Recht sind schwer verwundet,
und ehe von denen keines gesundet,
finden die drei niemals Schutz.

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Info 22.11.2017 17:24
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