Minnesang – Neidhart von Reuenthal

Nach Walther von der Vogelweide hatte kein Dichter mehr die Kraft, die im Minnesang wirkende Spannung zwischen der tatsächlich erfahrenen Wirklichkeit mit ihren politischen Wirren, Kriegen und Kreuzzugsgräueln und der idealen Scheinwelt zu überbrücken. Politische und gesellschaftliche Veränderungen machten es der Generation nach Walther von der Vogelweide unmöglich, die Idee von der höfisch-ritterlichen Gesellschaft fruchtbar weiterzuentwickeln. So erstarrte der Minnesang entweder in bloß formaler Spielerei und Abwandlung der Modelle der ›Klassiker‹, oder aber die Wirklichkeit drang in die Dichtung ein und veränderte ihren Charakter. Letzteres war beim bedeutendsten Vertreter des späthöfischen Minnesangs der Fall, bei Neidhart von Reuenthal. Der baierisch-österreichische Ministeriale beginnt etwa um 1210 zu schreiben. Seine Gedichte sind zwar ohne Walthers und Reinmars Vorbild nicht denkbar. Aber schon der »Ort der Handlung« seiner Lieder lässt erkennen, dass es ihm um etwas ganz anderes geht als den Vertretern des ›Hohen‹ Minnesangs: seine »Sommer-« wie seine »Winterlieder« stellen die einfache Dorfjugend dar, die sich auf der Tanzfläche vergnügt und unter die sich der Autor selbst als Liebhaber mischt. Diese ›Dorfpoesie‹ übernimmt Vokabeln des höfischen Minnesangs, so wie die selbstbewusster gewordenen Bauern ja auch versuchten, ritterliches Leben nachzuahmen. So wird die Bauerndirn als »küneginne« des Liebhabers bezeichnet. Zugleich aber – und damit wird das höfische Gehabe als Firnis entlarvt, und die Lieder werden zu Parodien – brechen in diese Scheinwelt grob realistische Elemente ein und zerstören sie: da zanken und prügeln sich Tochter und Mutter, da flucht der von Reuenthal, wenn ihm ein Bauernbursche ein Mädchen ›ausspannt‹, da wird mit bäuerlichem Gerät zugeschlagen – und da wird auch deutlich gesagt, was Burschen und Mädchen letztlich voneinander wollen. Gesellschaftssatire mit den Mitteln des höfischen Gedichts: das ist also, auf einen kurzen Nenner gebracht, Neidharts Programm. Dabei wird sowohl der Ritter lächerlich gemacht, der sich auf dem Dorfplatz von Bauernmädchen herumwirbeln lässt, wie auch das Unechte und Unpassende der höfischen Fassade bloßgelegt wird, mit der sich die wohlhabenderen Bauern umgeben. Und schließlich wird auch die höfische Gesellschaft selbst verulkt, denn vor ihr und für sie sang ja Neidhart am Wiener Hof – und sie ergötzte sich an diesen grobschlächtigen Szenen. Von der Höhe des ›klassischen‹ Minnesangs und auch von der Waltherschen Liebesauffassung ist das alles weit entfernt. Auf seine Zeit aber und vor allem auf die nächsten Generationen hatten Neidharts grelle Dissonanzen eine ungeheure Wirkung: Die Disharmonie war dem beginnenden Spätmittelalter die angemessene Ausdrucksform.

Forum (Kommentare)

Info 18.12.2017 00:10
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.