Die Artusromane

Wie der Minnesang ist auch die epische, d. h. erzählende Dichtung der mittelhochdeutschen Blütezeit ohne vorherige literarische Entwicklungen in Frankreich und deren Übernahme in den heutigen Niederlanden undenkbar. So ist es kein Zufall, dass mit der »Eneit« des Heinrich von Veldeke kurz nach 1170 im Nordwesten des Reichs, im Flämischen, der erste ritterliche Versroman nach französischer Vorlage entstand. Äneas wird hier als der vorbildliche Ritter dargestellt, in dessen Leben auch die Beziehung zu Frauen eine große Rolle spielt. Doch fehlt in dieser ritterlichen Umgestaltung des Äneas-Stoffs noch die Auffassung von den Heldentaten des Ritters als »aventiuren«. Das für die anschließende hochhöfische Epik kennzeichnende Verständnis von »aventiure« bezeichnet ein gewagtes Unternehmen, das oft wunderbare Züge trägt und das der Ritter um seiner selbst willen sucht. Besteht er die »aventiure«, dann wird er in seinem »Wert« erhöht: äußerlich, indem die Gesellschaft ihm »êre« erweist und innerlich vor sich selber. Nicht allein seine religiöse Grundhaltung macht also den Wert des ritterlichen Menschen aus, sondern sein ritterliches Verhalten in der Welt. Kurt Ruh nennt in seinem grundlegenden Werk zur »Höfischen Epik« zum Stichwort »aventiure« die Begriffe »Erprobung und Bewährung«, »Aufstieg« und »Erwählung« – nicht jeder x-beliebige Ritter darf »aventiure« bestehen, sondern nur derjenige, welcher »Selbstverleugnung und Selbstüberwindung« aufbringt. Der erhöhte Ritter gewinnt Minnelohn und darf dann an der idealen Gemeinschaft des Königs Artus und seiner Tafelrunde teilhaben. In diesem Symbol vom König Artus, ursprünglich einer keltischen Sagengestalt, fand der zu Ansehen und Macht gekommene Ministerialenstand seine Auffassungen von kultiviertem Leben in vollkommener Weise verwirklicht: das festliche Beisammensein schöner, gesellschaftlich anerkannter Menschen vermittelt »froide« und »höhen muot« (mhd.: ritterliches Lebensgefühl). Der Tafelritter bemüht sich, seiner Dame würdig zu sein, und sie gewährt ihm ihre Zuneigung. In dieser Harmonie erfüllte sich das vorgestellte Leben am Artushof. Sinnfälliger Ausdruck der Harmonie war die Tafelrunde, die kein »unten« oder »oben« kannte – ein Ideal, das der mittelalterlichen Realität stark zuwider lief. Hartmann von Aues »Erec«
Die höfische Artuswelt fand sich in Frankreich im Werk des Chrétien de Troyes musterhaft dargestellt. Er war das unmittelbare Vorbild für Hartmann von Aue, den Schöpfer des höfischen Artusromans in deutscher Sprache. Schon sein erstes Epos dieser Art, der »Erec« (um 1185), zeigt aber zugleich, wie der Deutsche vom französischen Modell abweicht und eigene Akzente setzt. Der erste Teil des Romans erzählt die Geschichte des Königssohnes Erec bis zur glänzenden Hochzeit mit der schönen Enite am Artushof, von wo die beiden dann in Ehren zu Erecs Vater zurückkehren. Erec, Muster eines Ritters, und die zarte, tugendhafte Enite leben nun am väterlichen Hof ein Leben füreinander. Doch jetzt wird ihnen ihre Liebe, die sie ganz in die Mitte ihres Lebens stellen, zum Problem, weil die beiden sich völlig aufeinander konzentrieren und in jeder freien Minute in ihr Schlafgemach fliehen, nimmt ihre Stellung am Hofe, ihre ›êre‹, Schaden. Hier liegt der Wendepunkt des Romans: Erec wird Zeuge, wie Enite klagt, dass er sich bei ihr »verlige« (mhd.: verschlafen, erschlaffen) und dass sie nichts dagegen unternehme. Sofort lässt er Roß und Waffen bringen und geht auf »aventiure«, um seine Ehre wiederherzustellen. Enite nimmt er zwar mit, aber sie muss Abstand halten und darf kein Wort mit ihm reden. Die Kette von Abenteuern, die Erec jetzt unternimmt, sind Hilfeleistungen für andere und lassen deshalb beide über den bloßen Liebesgenuss hinauswachsen. Enite beweist ihre Treue auch über den vermeintlichen Tod Erecs hinaus und besteht so für Erec ihre Prüfung, dieser hat sich die Minne nun durch »arebeit« erkämpft und zugleich sein gesellschaftliches Ansehen wiedergewonnen. Ihrer glücklichen Rückkehr zum Artushof steht nichts mehr im Weg. Sie haben den »harmonischen Ausgleich zweier bestimmender Pole« (Helmut de Boor) geleistet und die höfische Tugend der »mâze« verwirklicht und sich einen sinnvollen Platz in der Gesellschaft erarbeitet. Damit sind sie vollkommene Menschen geworden und als solche auch der ewigen Seligkeit würdig. Hugo Kuhn, intimer Kenner von Form und Inhalt des »Erec«, urteilte: »Wer sich in dem Dasein, das ihm geschenkt ist, genießend abschließt …, der macht seine Kräfte unwirksam, wer aber durch freiwillige … Buße lernt, es von oben zu empfangen, der erst kann auch seine irdischen Kräfte recht benutzen. Die höhere Macht, der man sich unterwirft, ist … die Aventiure. Sie … wird fast ein weltlicher Arm Gottes!«

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Info 26.09.2017 - 21:51
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