amoemu

Hartmanns »Armer Heinrich« – Nibelungenlied

Das nahezu religiöse Verständnis von »aventiure« im frühen »Erec« weist schon auf das stark legendenhafte Spätwerk Hartmanns von Aue, den »Armen Heinrich« (um 1195) voraus, eine Erzählung, die in der Klarheit ihrer Sprache und der Einfachheit der Gedankenführung auch den heutigen Leser unmittelbar berührt. Der Ritter Heinrich wird mitten im glücklichen Dasein vom Aussatz befallen, die unheilbare Krankheit bedeutet gesellschaftliche Ächtung und sicheren Tod. Heinrich fasst sie als Strafe für sein Streben »nâch werltlicher wünne« auf. Irdisches Glück wird also von Hartmann wieder als sündhaft bewertet. Die Krankheit bewirkt nun im Ritter Heinrich einen Läuterungsprozess, er tut Buße, und als sich ein unschuldiges junges Bauernmädchen anbietet – sie allein könnte ihn mit ihrem Herzen retten, das ein Arzt in Salerno ihr zu diesem Zweck eigenhändig herausschneiden müsste – sich für ihren geliebten Herrn zu opfern, lehnt er ab, er erkennt, dass er sein Kreuz weitertragen muss: »Swaz dir got beschert, /daz lâ dir alles geschehen.« Jetzt greift Gottes Gnade ein: Heinrich wird plötzlich gesund, heiratet die selbstlose Jungfrau und lebt mit ihr glücklich. Die ewige Seligkeit wird ihm sicher sein. Die zentrale Frage, wie der Mensch Gott und der Welt zugleich gefallen könne, beantwortet Hartmann, indem er – wie schon im »Erec« -den Menschen eine Phase der Buße durchlaufen lässt, die am Ende die Pole zum Ausgleich bringen soll. Freilich bleibt hier ein Rest: als Beweggrund für die Opferbereitschaft der Bauerntochter spielen Minne und wirtschaftliche Verhältnisse der Eltern eine Rolle, und auch Heinrichs innere Umkehr wird durch den Anblick des schönen nackten Mädchens auf dem Operationstisch entscheidend befördert. So behält doch die »werlt« einen gewissen Stellenwert. Hartmann von Aues Werk – zu dem noch der höfische Roman »Iwein« und die Legendendichtung »Gregorius« gehören – markiert einen ersten Höhepunkt der höfischen Epik. Das Beispiel des »Armen Heinrich« zeigt allerdings, wie zerbrechlich dies ritterlich-höfische Ideal stets war. So ist es vielleicht nicht zufällig, dass um dieselbe Zeit auch das einzige mittelhochdeutsche Heldenepos entstand, das in vielen Handschriften überlieferte Werk eines unbekannten österreichischen Verfassers: das Nibelungenlied. Zwei große Themen der altgermanischen Heldendichtung sind im Nibelungenlied zu einem Ganzen verknüpft: die Heldentaten Siegfrieds und der Burgunderuntergang. Die Handlung der neununddreißig Aventiuren in Umrissen: Der edle Siegfried ist bis auf eine Stelle am Rücken unverwundbar. Er hilft im Schutze seiner Tarnkappe dem Burgunderkönig Gunther, die jungfräuliche Brünhilde zu besiegen und zu seiner Frau zu machen. Gunther gibt ihm dafür seine Schwester Kriemhild. Als Brünhilde erfährt, dass nicht Gunther, sondern Siegfried sie bezwungen hat, stiftet sie Hagen an, diesen zu töten. Hagen vollführt hinterlistig die Tat. Kriemhild ist untröstlich. Als später der Hunnenkönig Etzel um sie wirbt, willigt sie in die Heirat ein und lädt die Burgunder an den Hof Etzels. Ihr einziger Gedanke ist Rache an Hagen und den Seinen. Von ihr angestachelt, erschlagen die Hunnen nach einem hinterhältigen Überfall fast alle Burgunder. Kriemhild ermordet enthemmt die eigene Sippe, zuletzt schlägt sie Hagen das Haupt ab. Nun tötet der alte Hildebrand seinerseits die Rachebesessene. Zwar fehlen in dieser blutrünstigen Geschichte auch die höfischen Züge nicht: Kriemhild und Siegfried sind ganz das liebende Paar des höfischen Romans, Siegfried ist der vollkommene Ritter, am Hof Etzels geht es recht gesittet zu, und zur weltlichen »hövescheit« kommt die geistliche: bevor das Gemetzel am Hunnenhof beginnt, begeben sich Burgunder und Hunnen zum gemeinsamen Kirchgang. Doch letztlich ist all das nur Firnis: Mord, Rache, Hass, Hinterlist und heidnischer Schicksalsglaube bestimmen das Denken und Handeln der Menschen. Und keiner der Helden stirbt ›christlich‹ im Gedanken an Gott oder ein Jenseits. So schwach war die Basis, auf der das Gebäude der idealen höfischen Welt ruhte.

emu