Höfisches Ritterideal – Parzival und Tristan

Wolframs Hauptwerk, der bereits im Mittelalter hochberühmte Versroman »Parzival« (1200-1210 entstanden), erzählt nach französischem Vorbild Entwicklungs- und Bildungsgang eines Ritters bis zur Reife. Zunächst ist Parzival der »tumbe tôr«, in Weltabgeschiedenheit erzogen. Als er zufällig Rittern begegnet, zieht er sofort mit, sein Weg durch die Welt führt ihn nach manchem töricht begangenen Abenteuer zum Artushof. Dort wird er aufgenommen und zieht die Ritterrüstung an. Doch im Herzen ist er noch der ungehobelte Außenseiter. Er kann hier noch nicht bleiben. Er zieht weiter und wird jetzt Ritter im vollen Sinn des Wortes: waffengeübt, höfisch gebildet, moralisch gesittet und religiös unterwiesen, verkörpert er nun »zuht« und »mâze«. Auch in die Minne wird er eingeführt. Als er aber zur Gralsburg kommt, der zweiten entscheidenden Station seines Lebens, erweist sich, dass seine fast ›formal‹ zu nennende Artus-Ritterlichkeit nicht genügt: es fehlt ihm an einfacher Menschlichkeit, er fragt nicht nach dem Leiden des Gralskönigs. Deshalb muss er wieder weiterziehen und in einer dritten Phase über das höfische Ritterideal hinauskommen. Als er zu Artus zurückkehrt, wird er in die Tafelrunde aufgenommen, doch die Gralsbotin verflucht ihn, und er verlässt den Artushof und fällt zugleich von Gott ab. Erst nach rastlosem, verzweifeltem Wanderleben erfährt er am Karfreitag vom Einsiedler Trevrizent Aufklärung über Gottes Gnade und das Wesen des Grals, eines Wunder wirkenden heiligen Steins. Jetzt kann er die Gralsburg wieder finden, seinen verletzten Oheim Amfortas, den Gralskönig, von seinen Leiden erlösen und schließlich selbst Gralskönig werden. Damit hat er ein christlich-humanes Ritterideal erreicht, zu dem nicht nur »hövescheit« mit Minnedienst und »aventiuren« gehören, sondern die Erkenntnis, dass Gott der »wâre minnære« ist. Wolfram von Eschenbach führt damit über Hartmann von Aue hinaus. Freilich ist diese enge Verbindung von weltlichem Leben und christlicher Gotteshaltung in die Unwirklichkeit der Gralsburg verlegt. Das macht die Grenzen auch dieser Lösung deutlich. Die Frage, wie göttliche Gnade und Ansehen in der Welt hier und jetzt zu vereinen seien, bleibt weiterhin offen. Sie wird noch brennender bei Gottfried von Straßburg, dem letzten der drei großen mittelhochdeutschen Epiker. Minne als übermächtige Kraft
Obwohl in Herkunft und Bildung ein Gegenpol zu Wolfram, behandelt auch Gottfried von Straßburg in seinem einzigen Roman »Tristan« (um 1210 entstanden) das mittelalterliche Grundthema von Gott und der Welt. Dabei weist er noch deutlicher als Wolfram von Eschenbach auf das Fragwürdige jeder Lösung im Sinne von Ausgleich und Harmonie hin. Im ersten Teil des Werks wird Tristans Jugendgeschichte erzählt: Er fährt nach Irland, tötet einen Riesen und lernt dabei die schöne Königstochter Isolde kennen. Auf seiner zweiten Irlandfahrt wirbt er erfolgreich für seinen Onkel Marke um Isoldes Hand. Auf der Rückreise trinken er und Isolde versehentlich den für Marke bestimmten Minnetrank: Die Minne erwacht in ihnen zu unbedingter Leidenschaft. Isolde schließt zwar die Ehe mit Marke, doch in der Brautnacht springt Isoldes Zofe ein. Die Liebenden geben sich weiter ihrer Leidenschaft hin, bis sie eines Tages entdeckt und vom Hof verwiesen werden. Sie fliehen in den Wald und in das Glück ihrer Minnegrotte. Als sie sich schließlich mit Marke aussöhnen, brechen sie gleich darauf wieder ihre Versprechen. Nun wird Tristan endgültig verbannt. Er stürzt sich in Waffentaten und erhält eine Isolde Weißhand zur Frau – ein neues, mehr an den geliebten Namen als an die Person gebundenes Minneglück scheint anzuheben. Der Schluss des Romans muss aus Gottfried von Straßburgs Vorlagen, vor allem aus der literarischen Vorlage des Thomas von Britanje, ergänzt werden: Tristans Ende ist demnach tragisch, er stirbt, kurz bevor ›seine‹ Isolde zur Stelle ist, um den Schwerverwundeten zu heilen: sie endet ihr Leben daraufhin über seiner Leiche. Gottfried von Straßburg erzählt dies ganz ohne Hartmann von Aues Optimismus. Die Minne wird als derart übermächtig dargestellt, dass der Mensch ihr willenlos ausgeliefert ist. So kann er auch nicht moralisch schuldig werden, wenn sie ihn überfällt. Vielmehr werden die Liebenden aus der Gesellschaft herausgehoben, sie werden »ein dinc ân (ohne) unterscheide« und durch die geheimnisvolle Verbindung zugleich zu einer fast religiösen Einheit verschmolzen: »Ein man, ein wîp – ein wîp, ein man. / Tristan Isolt – Isolt Tristan«. Damit ist die Ordnung mittelalterlichen Denkens gesprengt. Was vor Gott Ehebruch und Todsünde ist, wird zur geheiligten, religiös begründeten Daseinsform, die Minne kennt keine andere Ordnung als sich selber, sie ist zur absoluten Größe geworden. Der völlig von ihr ergriffene Mensch gerät notwendig mit der Welt in Konflikt, aber er nimmt alles Minneleid auf sich. »Gott« und »Welt« bleiben unversöhnt. Es ist folgerichtig, dass der Stadtbürger Gottfried von Straßburg nicht mehr ausschließlich für die höfisch-ritterliche Gesellschaft dichtet, sondern für die »edelen herzen«, d. h. diejenigen, die diese Erfahrung innerlich mit- und nacherleben können. Die sinkende Bedeutung des höfischen Publikums deutet sich an. Im Vergleich zu den Werken Gottfrieds von Straßburg und der großen staufischen »Klassiker« bieten die im Zeitraum von 1210-1250 noch greifbaren Epen (griech., hier im Sinn von ›Roman‹) keine weiterführenden Lösungen, sie stehen alle in deren Schatten, sind mithin mehr bewahrender Art als zukunftsgerichtet. Sie können in diesem Überblick außer Acht bleiben.

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Info 18.12.2017 00:24
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