Der sächsische Aufstand gegen Heinrich IV.

Der König, der im Jahre 1070 zwanzig Jahre alt geworden war, wollte freilich immer weniger untätig dabei zusehen, wie das über alle Herzogtümer verstreute Königsgut, die Grundlage seiner Macht, Stück für Stück die Beute eines Adels wurde, der die Reichseinheit zwar mit Lippenbekenntnissen beschwor, in Wirklichkeit aber höchst egoistisch die Erweiterung des eigenen Besitzes betrieb. Das musste zu einer Kraftprobe führen, bei der nicht weniger als das überkommene deutsche König- und Kaisertum auf dem Spiele stand. Der König stützte sich bei diesem Kampf auf die aufstrebende Schicht der Ministerialen. Einer von ihnen hatte bereits unter Heinrichs IV. Vater Karriere gemacht und war 1069 als Benno II. Bischof von Osnabrück geworden. Zusammen mit anderen schwäbischen Ministerialen legte er im Auftrag des Königs eine Reihe von Burgen an, die den ausgedehnten, reichen Königsbesitz am Harz sichern sollten. Diese ›landfremden‹ Herren aus dem süddeutschen Raum traten sehr selbstbewusst auf, es häuften sich die Klagen über ihr allzu hartes Durchgreifen im Namen des Königs. Dieser selbst hielt sich mit dem gesamten Hof häufig in Sachsen auf und belastete die Bevölkerung mit den nicht unerheblichen Ausgaben seiner Hofhaltung. An die Spitze des Aufstandes setzte sich Otto von Northeim, der ohnehin mit dem König eine Rechnung zu begleichen hatte: Im Jahre 1070 hatte er sein Herzogtum Baiern verloren, weil Heinrich IV. ihm einen Attentatsversuch vorwarf, Otto aber der Ladung vor das königliche Gericht nicht gefolgt war. Nun also schlug er zurück. Er überfiel Heinrich in der Harzburg. Der König konnte im letzten Moment entkommen, die auf seinen Befehl angelegten Burgen fielen den Empörern in kürzester Zeit zum Opfer. Der ›erwachsene‹ König war zum ersten Mal in eine Lage geraten, in der sowohl die positiven als auch die negativen Seiten seines Charakters deutlich hervortraten. Eine ausgeprägte zähe Hartnäckigkeit bei der Verfolgung seiner Ziele verband sich mit einem stürmischen, oft voreilige und überstürzte Entschlüsse bewirkenden Temperament. Auch in aussichtslos erscheinenden Situationen gab Heinrich nie auf, schlimmste Niederlagen überstand er und fand, wenig wählerisch in seinen Mitteln, immer wieder Auswege und Möglichkeiten, unveräußerliche Rechte des deutschen König- und Kaisertums zu verteidigen und zu neuer Geltung zu bringen. Der hochgewachsene, oft schroff auftretende Mann hielt auch in den dunkelsten Stunden seines Lebens an den Grundüberzeugungen fest, die ihm aus seinem religiös verstandenen Herrschaftsauftrag zu erwachsen schienen, und war bis zum letzten Atemzug nicht bereit, sich untätiger Resignation zu überlassen. Nun aber, nach dem plötzlichen Losschlagen der sächsischen Empörer, geriet der König in eine verzweifelte Lage. Als sich auch noch die Thüringer dem Aufstand anschlossen, versuchte Heinrich IV. von Hersfeld aus mit den Empörern zu verhandeln. Diese gingen in ihrem gewiss nicht ganz unberechtigten Misstrauen so weit, dem König die Auslieferung seiner bei den Sachsen tief verhassten schwäbischen Räte zuzumuten. Als Heinrich IV. nicht nachgab, erklärten sie, dass die »gegen alle Natur gehenden Verbrechen des Königs« einer kirchlichen Sühne bedürften. Ein letzter Versuch des Königs, ein schlagkräftiges Reichsheer aufzustellen, scheiterte an der ablehnenden Haltung der Herzöge von Baiern, Schwaben und Kärnten. Selbst ein Kniefall (!), den Heinrich in seiner Verzweiflung vor seinen Vasallen getan haben soll, stimmte die Herzöge nicht um.

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Info 26.09.2017 - 21:53
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