Der Streit zwischen Kaiser und Papst

Das gute Verhältnis zu dem neuen Papst Gregor VII. konnte nicht von Dauer sein. Die Zeiten waren vorüber, in denen ein Kaiser, wie Heinrichs IV. Vater, sich an die Spitze der kirchlichen Reformbewegung stellen und gleichzeitig aufgrund seiner unbestrittenen Autorität darüber entscheiden konnte, wer den Stuhl Petri bestieg, wie das bei Clemens II. (Suidger, Bischof von Bamberg), Damasus II. (Poppo, Bischof von Brixen) und Victor II. (Gebhard, Bischof von Eichstätt) um die Mitte des Jahrhunderts der Fall gewesen war. Das Papsttum hatte in den zwei Jahrzehnten nach dem Tod Heinrichs III. mehr Unabhängigkeit von deutschen Kaiser gewonnen und diese durch entsprechende Beschlüsse und Verlautbarungen rechtlich abgesichert und in der Öffentlichkeit bewusst gemacht. So war das Ergebnis der im römischen Lateran tagenden Ostersynode des Jahres 1059 das folgenreiche Papstwahldekret gewesen, wonach nur noch Klerus und Volk der Wahl der Kardinäle zustimmen konnten. Wörtlich lauten die entscheidenden Artikel: »(3) Beim Tode eines Bischofs dieser universalen Kirche sollen zuerst die Kardinalbischöfe in sorgfältiger Überlegung beraten und dann möglichst bald die Kardinalkleriker heranziehen. Dann soll der übrige Klerus und dann das Volk der neuen Wahl zustimmen. (4) Um zu verhindern, dass etwa das Leiden der Käuflichkeit Simonie eindringe, kommt der Vortritt bei der Wahl eines neu zu erhebenden Papstes den Geistlichen zu, und erst dann können die anderen folgen.« Der deutsche König und die »Pflichten des Papstes« ihm gegenüber erscheinen in dem Dekret in folgender Formulierung: »(6) Dabei bleibt unberührt die schuldige Ehre und Ergebenheit gegen unseren sehr geliebten Sohn Heinrich [gemeint ist Heinrich IV.], der im Augenblick als König gilt, von dem wir aber hoffen, dass er mit Gottes Hilfe unser Kaiser sein wird. Das haben wir ihm bereits zugestanden. Dies gilt auch für seine Nachfolger, wenn sie dieses Recht persönlich von diesem apostolischen Sitze empfangen haben.« Der Ton dieses Dekrets lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Papst Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit gewonnen hatte. Selbstverständlich drang Nikolaus II. im Sinne der von Cluny ausgehenden, geförderten und tatkräftig in die Wirklichkeit umgesetzten kirchlichen Reformen auf strenge Einhaltung des Zölibats (Ehelosigkeit der Geistlichen) und verbot die Annahme von geistlichen Ämtern aus Laienhand (Investitur, siehe unten). Andererseits strebte er aber nun für einen wichtigen Bereich der Kirche an, was auch in Cluny Ziel Nummer eins war: die völlige Unabhängigkeit von weltlichen Personen oder Institutionen, d. h. letztlich auch die Zerschlagung des ottonisch-salischen Reichskirchensystems. Papst Alexander II. (1061-1073), Nachfolger Nikolaus’ II, setzte trotz militärischer Auseinandersetzung mit dem Gegenpapst Honorius II. unter Mithilfe Kardinal Hildebrands eifrig den Reformkurs fort. Als nun jener Hildebrand, energisch auf Unabhängigkeit der Kirche drängender und damit besonders dynamischer »Motor« der Reformbestrebungen, im Jahr 1073 zum Papst gewählt wurde, war eine Auseinandersetzung zwischen dem deutschen Kaisertum und dem Papsttum unausweichlich geworden. Ging es doch bei der vom Papst bekämpften Laieninvestitur um die für den König entscheidende Frage, inwieweit er in Zukunft mit Bischöfen und Äbten seiner Wahl rechnen und diese mit weltlichen Aufgaben betrauen könne. Ruhte doch die Macht des deutschen Königs seit Otto dem Großen zu einem nicht unwesentlichen Teil auf der Möglichkeit, ergebene und fähige Männer als geistliche Würdenträger in ihr Amt einzusetzen und ihnen wichtige Aufgaben der Reichspolitik anzuvertrauen! Die reichlich fließenden schriftlichen Zeugnisse aus der Zeit des Investiturstreits lassen nach mehr als neunhundert Jahren noch immer die Leidenschaft empfinden, mit der Kaiser und Papst, die beiden charakterlich so verschiedenen Männer, gegeneinander stritten. Karl Hampe hat in seinem Werk »Herrschergestalten des deutschen Mittelalters« die Gegensätze, die Heinrich IV. und Gregor VII. verkörperten, eindrucksvoll umrissen: »Es war Heinrichs Schicksal, dass ihm hier [in Gregor VII.] eine Figur von weltgeschichtlicher Größe entgegentrat, ein Mann von ganz geschlossener Weltanschauung, mystischen Antrieben, kühner Folgerichtigkeit und dämonisch-stürmischem Temperament, der gewillt war, das irdische Gottesreich unter päpstlicher Leitung, wie es ihm vorschwebte, rücksichtslos zur Wirklichkeit zu gestalten. Welche Gegensätze prallen da aufeinander! Der vielerfahrene Fünfziger und der noch ungereifte Jüngling, der das Bestehende umstürzende derbe Bauernsohn von urwüchsiger, ungebrochener Wucht und der auf die Vergangenheit zurückgreifende Dynastensprössling von verwickelter, vielgewandter, aber innerlich zerrissener Natur, der eine von mächtiger Zeitwoge, die er lenkt, doch auch vorwärts getragen, der andere ihr mit äußerster Zähigkeit seine Brust bietend, oft überflutet, stets wieder auftauchend, schließlich wohl ein Stück zurückgeschleudert, aber noch immer kämpfend [...] Keine beneidenswerte Rolle [für Heinrich] wahrlich, Gegenspieler eines weltgeschichtlichen Durchbruchsmenschen zu sein, und auf gerechte Beurteilung ist da selten zu zählen [...].« Die Härte und Unerbittlichkeit des Kampfes erklären sich daraus, dass die beiden Kontrahenten stellvertretend einen die gesamte Christenheit umfassenden, also universalen Herrschaftsanspruch verkörperten, einen Anspruch, den sie als göttlichen Auftrag verstanden wissen wollten: der Kaiser als von Gott eingesetztes Oberhaupt der Christenheit, das den »ordo« (lat. = Ordnung) dieser Welt sogar noch, wenn es sein muss, gegen das Papsttum sichern muss, und der Papst als Stellvertreter Christi auf Erden, der, geistliches Oberhaupt der Christenheit, auch noch gegen den Kaiser, wenn dieser einen Irrweg gehen sollte, für das Seelenheil aller Gläubigen sorgen muss. Zudem standen hinter den Kontrahenten die starken Blöcke ihrer Bündnispartner – der Konflikt weitete sich mitunter zu militärischen Zusammenstößen großen Stils. Wer mochte bei einem solchen Ringen Recht und Unrecht, Verdienst und Egoismus, Bereitschaft zum Opfer und Lust an bedenkenlos eingesetzter Macht sauber voneinander trennen? So ist es kein Wunder, dass selbst in der wissenschaftlichen Literatur und in den großen Geschichtsdarstellungen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts die Urteile über die beiden Träger dieses Konflikts oft weit auseinandergingen: je nach persönlichem Standpunkt des Betrachters erscheint Papst oder Kaiser als Sieger oder Unterlegener. Mittlerweile ist es der Forschung der letzten Jahre gelungen, in weniger leidenschaftlicher, vor allem von konfessionellen Vorurteilen befreiter Betrachtung beiden Männern besser gerecht zu werden, stärker das Machbare in ihrer Politik herauszuarbeiten und die Kräfte zu benennen, die auf ihr politisches Handeln einwirkten: außenpolitische Konstellationen, Wirtschaftsentwicklung, Differenzen zwischen hohem und niederem Klerus, städtische Unterschichten, Bürger, Ministeriale, Nieder- und Hochadel. Investitur (lat. investire = einkleiden)
Im Mittelalter versteht man unter Investitur die Einführung eines Lehnsträgers in den Besitz seines Lehens. Seit dem 10. Jahrhundert wird das Wort besonders für die Einsetzung eines Geistlichen in weltliche Besitzrechte mit gleichzeitiger Übertragung geistlicher Befugnisse gebraucht. So erfolgte die Übertragung von Bistümern und Abteien durch den König mit dem Symbol des Stabes. Heinrich III. setzte die hohen geistlichen Würdenträger mit den Symbolen des Ringes (Zeichen der geistlichen Vermählung mit der Kirche) und des Stabes (Zeichen der Hirtensorge) ein und nahm nach dieser »Investitur«, die zugleich die Übertragung von im Namen des Königs ausgeübten Rechten und Besitztiteln (Regalien) darstellte, den Treueid des neuen »Amtsinhabers« entgegen. Da diese ›Einkleidung ‹durch einen Laien vorgenommen wurde, nannte man sie ›Laieninvestitur‹. Mit dem Stichwort Investiturstreit ist jedoch nicht allein die Frage abgedeckt, wer Bischöfe einsetzen darf, es geht vielmehr um die grundsätzliche Frage, wie viel Einfluss der deutsche König auf die römische Kirche nehmen darf. Die radikalen Kirchenreformer lehnten die Laieninvestitur und den Einfluss des Königs grundsätzlich ab.

Forum (Kommentare)

Kevin 30.05.2017 um 18:02:18 Uhr.
Ist zu unverständlich für jüngere leute