Das Dokument päpstlichen Machtanspruchs

In keinem Dokument zeigt sich die eiserne Konsequenz, mit der Gregor VII. (1073-1085) das Papsttum zu festigen und gegen fremde, d. h. vor allem kaiserliche Einflüsse immun zu machen gedachte, so unverhüllt wie in dem sogenannten »Dictatus papae« (lat.: Niederschrift des Papstes). Es offenbart wie kaum ein anderes Schriftstück den Absolutheitsanspruch des Papstes. In kurzen, wie Hammerschläge klingenden Sätzen heißt es dort: »Der Papst allein kann Bischöfe absetzen oder begnadigen.« Oder: »Nur der Papst verfügt über die kaiserlichen Insignien.« Und in unüberbietbarer Kürze und Prägnanz: »Nur dem Papst kommt es zu, Kaiser abzusetzen.« Und: »Über den Papst hat niemand richterliche Gewalt.« Schließlich nimmt der Papst mit herausfordernder Selbstverständlichkeit für sich das Recht in Anspruch, dass er die »Untertanen vom Treueid gegen ungerechte Herrscher lösen kann.« Politische Hintergründe
Wer die Sätze aus dem »Dictatus papae« auf sich wirken lässt, erkennt sofort, welche Brisanz sie haben, aber auch, wie sehr die tatsächliche Lage zur Zeit der Niederschrift ihnen widersprach. So gab es Streit um die Besetzung des Bischofsstuhles von Mailand. Das Papsttum unterstützte die sogenannte »Pataria« (ital., vermutlich nach dem Trödelmarkt in Mailand), eine Bewegung städtischer Unterschichten, die den Klerus mit ihren Reformforderungen bedrängte und ein Gegengewicht gegen die reichen reichstreuen Bischöfe in der Lombardei (Oberitalien) zu schaffen trachtete. Der König erhob im Einverständnis mit dem königstreuen hohen Klerus nach dem Rücktritt des Erzbischofs seinen Kandidaten auf den Bischofsstuhl, indem er nach altem Brauch das Recht der Investitur ausübte, während die Pataria einen Gegenkandidaten ins Spiel brachte, der die Anerkennung und Unterstützung des Papstes fand. Nach seinem so glorreichen Sieg über die Sachsen sah der König, der aus begreiflichen Gründen bisher zurückhaltend taktiert und dem Papst demütige Briefe geschrieben hatte, keinen Grund zur Mäßigung mehr und ließ den neuen Erzbischof durch seine Beauftragten endgültig einsetzen. Der Papst, dessen Vorgänger schon einige Räte des Königs, die bei der Vergabe von Bistümern Geld angenommen hatten (Simonie), exkommuniziert hatte, schrieb nun, besorgt über die oberitalienischen Verhältnisse, wo Heinrich IV. weitere Bischöfe eingesetzt hatte, an den König einen Brief, den dieser am Neujahrstag des Jahres 1076 erhielt. Die darin enthaltenen Vorwürfe ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wenn es der Wahrheit entspreche, dass der König Gebannte in seiner Umgebung dulde, dann müsse er selbst wissen, dass er »weder Gottes noch des Apostels Segen« empfangen könne. Gregor rät dem König v/eiter, die eigene Schuld durch rasche Beichte bei einem frommen Bischof zu tilgen, dieser solle ihm (dem Papst) dann mit Einwilligung Heinrichs brieflich die Art der auferlegten Strafe melden. Im Schlussteil des Briefes muss sich der König sogar den wenig schmeichelhaften Vergleich mit dem alttestamentarischen Judenkönig Saul gefallen lassen. Dieser habe sich nach seinem Siege, den er dem Propheten verdankte, seines Triumphes gerühmt und die Weisungen des Propheten nicht befolgt. Gott habe ihn dann aber unmissverständlich zurechtgewiesen. König David jedoch sei große Gnade zuteil geworden für seine »Demut unter dem Zeichen der Macht«. (David hatte eine Zeitlang an Sauls Hof gelebt, wo er Eifersucht und Hassliebe Sauls geduldig ertrug. Allerdings wurden Sauls Hinterlist und Arglist so groß, dass David floh.) Die Synode von Worms 1076
Als die päpstlichen Legaten, die dieses Schriftstück überbrachten, Heinrich IV. im Falle der Verweigerung auch noch mit dem Banne drohten, ging der König, der sich provoziert fühlte, zum Gegenangriff über und berief eine Synode nach Worms (Januar 1076). Heinrich war seiner Sache völlig sicher. Er konnte mit der Zustimmung der meisten deutschen Bischöfe rechnen, wenn er den Papst in die Schranken wies. Hatte doch Gregor VII. vom Beginn seines Pontifikats an mit der Durchsetzung des Zölibats Ernst gemacht und die Absetzung von Geistlichen befohlen, die gegen ihn verstießen. Natürlich fürchteten viele Bischöfe auch um die ihnen bei ihrer Amtseinführung (Investitur) vom König übertragenen Rechte (Regalien, siehe unten), die sie ja zu äußerst mächtigen Fürsten und wohlhabenden Herren im Dienste von Kaiser und Reich machten. Viele von ihnen sahen mit steigendem Unwillen, wie der Papst, besonders in Fragen der Kirchenreform, in ihre Diözesen (Amtsgebiet eines Bischofs) hineinregierte. Der König ließ nun seine Bischöfe – es waren über 25 in Worms versammelt -eine Erklärung aufsetzen, mit der sie dem Papst die weitere Anerkennung versagten, weil er sein Amt nicht rechtmäßig erlangt habe (eine Anspielung auf die turbulenten Szenen bei der Wahl Gregors VII.). Sie griffen seine Amtsführung scharf an und behaupteten, Gregor VII. missbrauche seine Stellung bewusst zum Schaden der heiligen Kirche. Ungeniert übernahmen die Bischöfe Verdächtigungen, die nicht bewiesen waren und das Privatleben Gregors in den Schmutz zogen. Als Informanten spielten von persönlichem Hass auf Gregor VII. angetriebene Männer eine recht zwielichtige Rolle. Das am 24. Januar 1076 verfasste Schreiben endete mit einer unerhört scharfen Anklage gegen den Papst: Keine Klage reiche aus für die Beleidigungen und Demütigungen, die der Papst den Bischöfen ins Gesicht schleudere, wenn er sie »Hurensöhne« nenne und mit anderen »höchst ungehörigen Ausdrücken« belege. Gregor habe nicht nur sein Amt »mit schweren Meineiden« angetreten, sondern die heilige Kirche durch schlimmste Missbräuche, die er zu verantworten habe, in große Gefahr gebracht. Wie der Papst sich selbst durch seinen Lebenswandel schändlich entehrt habe, so würden König und Bischöfe ihm auch in Zukunft den Gehorsam verweigern. »Du, der Du vor aller Welt öffentlich erklärt hast, für Dich sei keiner von uns ein Bischof, Du sollst von nun an für niemand von uns mehr Papst sein!« Der König schloss sich den vorgebrachten Anschuldigungen voll an. In einem gesonderten, nicht weniger aggressiven und beleidigenden Schreiben endet er, augenscheinlich einer nüchternen Betrachtung der Situation nicht mehr fähig, in scharfem Befehlston: »Diese unerhörte, trotzige Schmähung [nämlich dass Gregor entweder sterben oder dem König Seele und Herrschaft nehmen wolle] glaubte ich nicht mit Worten, sondern mit Taten widerlegen zu müssen. Deshalb hielt ich einen Hoftag mit allen Fürsten des Reiches ab, um den diese selbst dringend baten. Sobald aber nun das, worüber man bisher aus Furcht und Ehrerbietung geschwiegen hatte, in die Öffentlichkeit gedrungen war, da wurde aufgrund der wahrheitsgetreuen Feststellung jener Fürsten [...] öffentlich verkündet, dass Du auf keinen Fall auf dem Apostolischen Stuhl bleiben kannst. Da ihre Entscheidung vor Gott und den Menschen gerecht und billigenswert schien, gab auch ich meine Zustimmung und spreche Dir jedes Recht ab, das Du am Papsttum zu haben scheinst, und befehle Dir vom Throne dieser Stadt herabzusteigen, deren Schutzherrschaft mir zusteht, weil Gott sie mir verlieh!« Regalien (lat. iura regalia: königliche Rechte)
Sie existierten schon im Fränkischen Reich und waren nutzbare Rechte, die nur dem König zustanden oder demjenigen, den der König damit belehnt hatte. Sie wurden erst im Vertrag von Turri 1111 aufgezählt: Sie umfassten die königliche Verfügungsgewalt über Herzogtümer, Markgrafschaften, Grafschaften, Münze, Markt, Zoll, Gerichtsbarkeit, Königshöfe, Ministeriale, Reichsburgen. 1158 versuchte Friedrich Barbarossa diese vor allem finanziell nutzbaren Rechte auszudehnen: Er nahm die Hoheit über alle Straßen und Flüsse, Zölle, Steuern, Forste, Fischereirechte etc. in Anspruch. Jedoch waren inzwischen viele dieser Regalien an die Städte übergegangen und wurden von diesen genutzt. Im Zuge der Entstehung von geschlossenen Territorien im 13. Jahrhundert wurden den Landesherren Regalien übertragen (Privilegien), später nahmen die Fürsten Regalien auch ohne ausdrückliches Privileg in Anspruch. Ursachen des Investiturstreits
1. Heinrich III. glaubte noch, die Kirche im Sinn der Reformer umgestalten und dabei noch die Herrschaft über sie behaupten zu können. Heinrich IV. wollte sich weiterhin des Reichskirchensystems bedienen, hielt strikt an der Besetzung von Bistümern fest, konnte dies aber aufgrund wachsenden Widerstands nicht durchsetzen.
2. Leo IX. (1049-1054): Reform gemeinsam mit dem Kaiser. Stephan IX. (1057-1058): Ohne Zustimmung des Kaisers erhoben, fordert nicht nur Reform, sondern »Freiheit« der Kirche. Verbindung zur Pataria. Nikolaus II. (1058-1061): Papstwahldekret: Wahl des Papstes liegt einzig in der Hand der Kardinäle. Es richtet sich primär gegen den römischen Adel, tendenziell gegen den Kaiser. Erstes Verbot der Laieninvestitur und Verbot der Priesterehe. Normannen werden Lehnsleute: machtpolitische Befreiung der Kirche 1059.
3. Alexander II. (1061-1073): Abkehr des deutschen Hofes vom Reformpapsttum, aus latentem Gegensatz zwischen Hof und Kurie wird offener Konflikt. Ausdehnung des politischen Einflusses: Spanien, Reconquista. Gregor VII. (1073-1085): Radikaler Reformer, der die politische Einheit des Abendlandes durch die geistliche Weltherrschaft der Reformpäpste herstellen möchte. Simonie- und Zölibatsbeschlüsse sollen auch im Deutschen Reich wirksam werden, dadurch Opposition des deutschen Episkopats. 1075 Dictatus papae: Die Vorrangstellung des Papstes wird dogmatisch und kirchenrechtlich festgelegt.
4. Petrus Damiani: Strebt Reform im Zusammenwirken Kaiser/Papst an. Humbert von Silva-Candida: Drei Bücher gegen die Simonisten. Forderung nach kanonischer Wahl des Papstes, Abschaffung von Eigenkirchenrecht und Laieninvestitur und Einhaltung des Zölibats.
5. Eine religiös-reformerische Bewegung städtischer Unterschichten u. a. in Oberitalien, teilweise unter Beteiligung von Adelsgruppen, die sich gegen die Herrschaft der feudalen Hochkirche, die Verweltlichung des Klerus richtete und Urchristentum, Freiheit der Kirche anstrebte. 1045-1059 Aufstände der Pataria in Mailand.
6. Die Klosterreform Cluny und Gorze. Auswirkungen auf Deutschland.

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Info 18.11.2017 13:06
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