Heinrich IV. im Kirchenbann – Teil 2

Zwar erneuerte der Papst im Jahr 1078 ausdrücklich das strikte Verbot der Bischofseinsetzung durch Laien, doch dauerte es noch fast zwei Jahre, bis er auf der römischen Fastensynode im März 1080 offen Partei für den Gegenkönig Rudolf ergriff und Heinrich IV. abermals in der Form eines Gebetes an den Apostelfürsten Petrus und den Apostel Paulus, den »Lehrer der Völker«, mit dem Bannfluch belegte. An die versammelten Bischöfe gerichtet, schreibt Gregor am 7. März 1080: »Ich untersage ihm [Heinrich] erneut namens des allmächtigen Gottes und in Eurem Namen die Herrschaft über Deutschland und Italien. Ich entkleide ihn aller Gewalt und königlichen Würde, ich verbiete jedem Christen, ihm als König zu gehorchen, und entbinde alle, die ihm als König die Treue geschworen und ihm noch schwören werden, von diesem Eid.« Gerade diese Lösung vom Treueid, der ja im mittelalterlichen Personenverbandsstaat die Loyalität gegenüber dem König sicherstellte, musste für den König höchst bedrohlich sein. Gregor schließt mit den folgenden Sätzen an die Bischöfe: »Wenn Ihr schon Geistliche richtet, wieviel mehr Macht müsst Ihr erst in weltlichen Dingen haben! [...] Alle Könige und Fürsten der Welt mögen nun also erfahren, wie Ihr seid, welche Macht ihr habt und sich hüten, den Befehl Eurer Kirche gering zu achten. Waltet also sofort Eures Richteramtes gegen Heinrich, damit alle erkennen, dass ihn nicht ein Zufall zu Fall bringt, sondern Eure Macht. Möge er stürzend zur Reue finden, dass seine Seele am Tage des Herrn gerettet werde!« Die Spaltung des Reiches und der Kirche vertiefte sich. Eine nicht unbedeutende Anzahl geistlicher Würdenträger blieben Heinrich IV. treu, so zum Beispiel die Erzbischöfe von Köln, Trier und Hamburg-Bremen. In anderen Diözesen, so in Magdeburg, Salzburg und Passau, traten die Amtsinhaber auf die Seite Gregors VII., in wieder anderen Bistümern kam es zu Doppelbesetzungen: ein Gefolgsmann des Königs stand dann gegen einen Anhänger Gregors VII. In jedem Fall mussten die Parteigänger des Königs mit der Exkommunikation rechnen, mit der ja das Kirchenrecht den Verkehr mit einem Gebannten bedrohte. Das Volk war ebenso gespalten, in Deutschland herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Kämpfe zwischen König und Gegenkönig tobten vor allem in Sachsen, dem eigentlichen Zentrum der Opposition gegen Heinrich IV. Das päpstliche Schreiben vom Februar 1076
Heiliger Petrus, Fürst der Apostel, neige zu mir, ich bitte Dich, gnädig Dein Ohr, und höre mich, Deinen Knecht, den Du von Kindheit an beschützt und bis auf diesen Tag aus der Hand der Ungerechten gerettet hast, die mich um Deinetwillen hassten und auch jetzt noch hassen. Du bist mein Zeuge, und meine Herrin, die Mutter Gottes, [...] mit allen Heiligen sind Zeugen, dass Deine heilige römische Kirche mich wider meinen Willen zu ihrer Leitung berufen hat und dass ich es nicht für einen Raub hielt, Deinen Stuhl zu besteigen. [...] Insbesondere ist mir an Deiner Statt übertragen und durch Deine Gnade von Gott die Macht gegeben, zu binden und zu lösen im Himmel und auf Erden. In dieser Zuversicht also und zur Ehre und zum Schutze Deiner Kirche untersage ich im Namen des allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, kraft Deiner Macht und Gewalt, dem König Heinrich, Kaiser Heinrichs Sohn, der sich gegen Deine Kirche mit unerhörtem Hochmut erhoben hat, die Herrschaft über das gesamte Reich der Deutschen und Italiens und löse alle Christen von dem Bande des Eides, den sie ihm geleistet haben und noch leisten werden, und ich verbiete jedem, ihm als einem König zu dienen. Denn es gebührt sich, dass der, welcher die Ehre Deiner Kirche zu verringern trachtet, selber die Ehre verliere, die er zu besitzen scheint. Und da er es verschmäht hat, wie ein Christ zu gehorchen, und nicht zurückgekehrt ist zu Gott, den er verlassen hat, indem er mit Gebannten verkehrt, vielerlei Bosheit begeht und meine Ermahnungen, die ich um seines Heils willen an ihn gerichtet habe [...], verachtet, und er sich selbst von Deiner Kirche losreißt, indem er sie zu spalten trachtet, so binde ich ihn an Deiner Statt mit dem Bande des Fluches: Und so binde ich ihn im Vertrauen auf Dich, dass alle Völker es wissen und erkennen, dass Du Petrus bist und dass auf Deinen Felsen der Sohn des lebendigen Gottes seine Kirche gebaut hat. [...] Absetzungsbrief Heinrichs IV. an Gregor VII. – März 1077
Heinrich, nicht durch Anmaßung, sondern durch Gottes weise Verordnung König, an Hildebrand, nicht mehr den Papst, sondern den falschen Mönch. Solchen Gruß hast Du verdient zu Deiner Schmach, der Du keinen Stand der Kirche geschont, sondern alle dem Schimpf anstatt der Ehre, des Fluches anstatt des Segens teilhaftig gemacht hast. Denn, um von vielem nur weniges [...] anzuführen, die Vorsteher der heiligen Kirche, die Erzbischöfe, Bischöfe, Priester [...] hast Du wie Knechte [...] mit Füßen getreten. [...] Deine Kenntnisse hast Du nicht zum Aufbau, sondern zur Zerstörung anzuwenden getrachtet [...] Wir haben dies alles geduldet, weil wir die Ehre des Apostolischen Stuhles zu wahren suchten. Du aber hieltest unsere Demut für Furcht und scheutest Dich deshalb nicht, Dich auch gegen die königliche Gewalt selbst [...] zu erheben und wagtest, die Drohungen auszustoßen, sie uns zu nehmen, wie wenn wir das Reich von Dir empfangen hätten und die Königs- und Kaiserkrone in Deiner und nicht in Gottes Hand wäre. Unser Herr Jesus Christus hat uns zur Königsherrschaft, Dich aber nicht zum Priestertum berufen. [...] Durch List hast Du Dir Geld erworben, durch Geld Gunst und durch Gunst die Gewalt der Waffen. Damit hast Du Dich dann dem Sitz des Friedens genaht und den Frieden vertrieben. [...] Weil Du Gott nicht fürchtest, entehrst Du auch mich, den von ihm Eingesetzten. [...] Darum hat auch der heilige Paulus da, wo er den himmlischen Engel nicht schonte, wenn er anders predigen würde, auch Dich nicht ausgenommen, der Du auf Erden anders lehrtest. Denn er spricht: »Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündeten, als wir euch verkündet haben, er sei verflucht!« Du also, verdammt durch diesen Fluch und durch aller unserer Bischöfe und unsern eigenen Spruch, steige herab, verlass den Apostolischen Stuhl! Den Thron des heiligen Petrus besteige ein anderer, der nicht Gewalt durch frommes Tun verhülle, sondern die reine Lehre des heiligen Petrus verkünde. Denn ich, Heinrich, von Gottes Gnaden König, und alle meine Bischöfe, wir sprechen zu Dir: Steige herab, steige herab, Du ewig zu Verdammender! Der König gewinnt die Oberhand
Da kam Heinrich IV. ein Zufall zu Hilfe, der seine Lage mit einem Schlag wesentlich verbesserte und ihn allmählich machtpolitisch wieder die Oberhand über den Papst und seine Parteigänger gewinnen ließ. Als Heinrich IV. mit seinem Heer in Thüringen vorrückte, lächelte ihm auch einmal das Glück. Am 15. Oktober 1080 siegte zwar der Gegenkönig in der Schlacht bei Hohenmölsen (in der Nähe von Naumburg), aber Rudolf verlor seine rechte Hand und starb am Tag darauf an seinen schweren Verwundungen. In den Augen des Volkes war das ein Gottesurteil! Hatte Rudolf nicht einst mit ebendieser Hand seinem König Treue geschworen und hatte nicht Gott jetzt seine meineidige Rebellion vor aller Welt sichtbar gerächt? Und hatte sich die Todesprophezeiung, die Gregor VII. in seiner Osterpredigt gegenüber Heinrich IV. ausgesprochen hatte, nicht durch gnädige Fügung am Gegenkönig erfüllt? Auch in Oberitalien wendete sich die Lage Heinrichs IV. zum Guten. Anhänger des Königs schlugen die für den Papst streitenden Truppen der Mathilde von Tuscien, die erst kurz zuvor ihren weitverzweigten Besitz dem Papst vermacht hatte, in der Nähe von Mantua. Bereits im Mai 1080 hatte eine unter dem Vorsitz des Königs in Brixen tagende Synode Gregor VII. für abgesetzt erklärt und den integren, klugen Erzbischof Wibert von Ravenna als Clemens III. zum Papst erhoben, der rasch viel Anhang gewann. Heinrich IV. war es gelungen, den Spieß umzudrehen: Gregor VII. musste sich eines Gegenpapstes erwehren, während der König seinen weltlichen Konkurrenten losgeworden war. Die unentschlossene und teilweise wie gelähmte Fürstenopposition wählte erst fast ein Jahr später den eher unbedeutenden Grafen Hermann von Salm-Luxemburg zum neuen Gegenkönig. Die Wahl dieses Grafen, der lediglich in der kargen Eifel und vereinzelt in Luxemburg einige Besitztümer hatte, spiegelt die Fraktionierung innerhalb der Fürsten: nur auf einen politisch schwachen Gegenkönig konnten sich alle einigen! Dieser wenig glücklich taktierende und von seinen Wählern nicht genügend unterstützte Mann konnte sich immerhin einige Jahre halten und nahm erst mit seinem Tod im Jahr 1088 auch das Gegenkönigtum mit ins Grab. Ein Papst in RomEin Papst wird auf einem Esel aus Rom vertrieben. Das war der größte Schimpf, den man einem Menschen, erst recht aber einem Papst antun konnte. Bündnispartner Papst Gregors VII.
In dieser misslichen Lage blieb Gregor VII. nichts anderes übrig, als sich der Hilfe der Normannen zu versichern. Diese aus der Normandie ausziehenden romanisierten Wikinger waren bis nach Süditalien vorgedrungen und versuchten, Konstantinopel zu erobern und das byzantinische Reich unter ihre Herrschaft zu bringen. Ihr Herzog Robert Guiscard (1015-1085) wurde als Anführer einer Normannenschar 1057 Graf von Apulien, besetzte die letzten griechischen Besitzungen und langobardischen Fürstentümer in Unteritalien und war von Gregor VII. im Jahre 1080 auch förmlich mit Süditalien belehnt worden. Politische Klugheit zwang den Papst, sich mit diesen zunächst keineswegs willkommenen, ungestümen und unberechenbaren Eroberern zu arrangieren. Noch im Belehnungsschreiben wird das deutlich: »Ich, Papst Gregor, setze Dich, den Herzog Robert, zum Herren über das Land ein, das Dir meine Vorgänger, Nikolaus und Alexander, überließen. Auch will ich Dich in den Gebieten, die Du zu Unrecht in Besitz genommen hast, nämlich in Salerno und Amalfi und einem Teil der Markgrafschaft Fermo, voller Langmut dulden, indem ich auf den allmächtigen Gott und auf Deine eigene Güte vertraue, führe Dich in Zukunft zur Ehre Gottes und des heiligen Petrus so, wie es geboten, scheint Dich zu verhalten und wie es mir möglich wird, es zu ertragen, ohne Gefahr für Deine oder meine Seele.« Als König Heinrich IV. 1084 nach mehreren missglückten Versuchen die Einnahme von Rom gelang, zog sich Gregor VII. zunächst hinter die gewaltigen Steinmauern der Engelsburg auf die rechte Tiberseite zurück. Heinrich IV. ließ sich nun endlich von seinem Papst, Gregors Konkurrenten Clemens III., zum Kaiser krönen. Der wie ein Gefangener in der Engelsburg eingeschlossene Gregor VII. wartete sehnlich auf seine Befreiung. Endlich erschien der in Eilmärschen heranrückende Robert Guiscard, in dessen Heer auch viele Araber dienten, und Heinrich IV., der sich auf einen offenen Kampf nicht einlassen wollte, musste schleunigst die Stadt räumen und sich nach Norden absetzen. Robert überließ die Stadt seinen beutegierigen Soldaten. Diese verrichteten ihr Geschäft mit solch beispielloser, von Mord und Vergewaltigung begleiteter Brutalität, dass dem Papst nichts anderes übrigblieb, als vor dem Zorn der aufgebrachten Römer zu fliehen und zusammen mit den Normannen die heilige Stadt zu verlassen. Während er in Salerno Zuflucht suchte, nahm Gegenpapst Clemens III. in Rom seinen Platz ein. Ein Jahr nach der Erstürmung Roms, am 25. Mai 1085, schloss Gregor VII. in Salerno für immer die Augen. Auf dem Totenbett soll er, in Anlehnung an Verse eines Psalms, folgende Worte gesprochen haben: »Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und Unrecht gehasst, darum sterbe ich in der Verbannung.« Es sind Worte, in denen sich bittere Verzweiflung und die felsenfeste Überzeugung, Märtyrer einer gerechten Sache zu sein, gleichsam die Waage halten und doch einander unauflösbar durchdringen. Schwer ist dieser kantige, unerbittliche, seine Überzeugungen kompromisslos verfechtende Papst mit wenigen Worten zu charakterisieren. Am Ende dieses Abschnitts mag das Urteil eines protestantischen Kirchenhistorikers stehen, der Gregor kritisch betrachtet und zugleich seiner weltgeschichtlichen Bedeutung gerecht zu werden versucht: »Die ganze folgende Zeit trägt den Stempel des hildebrandinischen Geistes. War es ein Geist aus Gott? War er eine große christliche Persönlichkeit? Ein ›heiliger Satan‹? Eine große Persönlichkeit der Geschichte zweifellos – aber eine christliche? Und doch: weder ist die Geschichte des Christentums ohne ihn, noch er ohne das Christentum zu denken