Heinrich IV. – Hindernisse und Gefahren auf dem Weg nach Canossa

Auf der Reise nach Italien feierte König Heinrich das Weihnachtsfest (1076) in Burgund an einem Ort, der Besançon hieß, glänzend genug in Anbetracht seines damaligen Unglücks empfangen und bewirtet von einem Verwandten seiner Mutter. Danach zog er weiter, und als er nach Gex [am Genfer See] kam, traf er auf seine Schwiegermutter und deren Sohn. Diese empfingen ihn ehrenvoll, wollten ihm aber den Durchzug durch ihr Gebiet nur gestatten, wenn er ihnen fünf italienische Bistümer dafür abtrete. Allzu hart und unerträglich erschien das allen Ratgebern des Königs, aber weil er sich in einer Zwangslage befand und jene sich weder durch die Verwandtschaft noch durch Mitleid im geringsten bewegen ließen, so erreichte er nur mit großer Mühe, dass sie sich mit einer burgundischen Provinz als Preis für den Durchzug begnügten. Es war ein ungemein harter Winter, und die Berge, die er überqueren musste, starrten so von Schneemassen und eisigem Frost, dass man auf den steilen und glatten Hängen weder zu Pferd noch zu Fuß den Abstieg wagen konnte. Aber die Wiederkehr des Tages, an dem er in den Bann gekommen war, stand nahe bevor und duldete keine Verzögerung der eiligen Reise, deshalb mietete er einige Leute, die diese Gegend kannten und an die schroffen Alpengipfel gewöhnt waren. Sie mussten vor seinem Gefolge über das steile Gebirge vorangehen und den Nachfolgenden die rauen Pfade ebnen. Mit diesen Führern gelangten sie unter den größten Schwierigkeiten bis auf die Scheitelhöhe des Gebirges [am Mont Cenis]. Hier aber konnten sie nicht weiter, weil der schroffe Abhang des Gebirges durch den eisigen Frost so glatt geworden war, dass ein Abstieg unmöglich erschien. Die Männer mussten nach Kräften alle Gefahren zu überwinden suchen, und bald auf Händen und Füßen kriechend, bald sich auf die Schultern ihrer Führer stützend, bald fallend und fortrollend, langten sie schließlich doch in der Ebene an. Die Königin und ihre Frauen setzte man auf Ochsenhäute, und die dem Zug vorausgehenden Führer zogen sie darauf bergab. Von den Pferden ließen sie einige mit Hilfe von Vorrichtungen hinunter, andere schleiften sie mit zusammengebundenen Beinen hinab, sodass viele umkamen, viele schwer verletzt wurden und nur wenige lebend und unverletzt den Gefahren entgingen. Als sich in Italien die Kunde verbreitete, dass der König angelangt sei und sich schon innerhalb der Grenzen des Landes befinde, da strömten ihm die Bischöfe und Grafen zu und nahmen ihn mit den größten Ehrenbezeigungen auf und binnen weniger Tage versammelte sich ein unermesslich großes Heer bei ihm. Inzwischen hatte Papst Gregor Rom verlassen und bemühte sich, so rasch wie möglich nach Deutschland [zu dem Treffen der deutschen Fürsten in Augsburg] zu gelangen. Er wurde von der Markgräfin Mathilde geleitet. Als er nun hörte, dass der König schon in Italien angelangt sei, so begab er sich auf Anraten der Mathilde in ein wohl befestigtes Schloss, das Canossa heißt, um dort zu warten, bis bekannt würde, ob Heinrich gekommen war, um Verzeihung zu erbitten oder um die Schmach des Kirchenbanns mit den Waffen in der Hand zu tilgen. Inzwischen lud König Heinrich die Gräfin Mathilde zu einer Unterredung und sandte sie dann, beladen mit Bitten und Versprechungen, zum Papst zurück, mit ihr zusammen seine Schwiegermutter und deren Sohn, den Markgraf Azzo [von Este] und Abt Hugo von Cluny, sowie einige der vornehmsten Fürsten Italiens, von denen er meinte, dass sie in hohem Ansehen beim Papst stünden. Er ließ diesen inständig bitten, ihn vom Bann zu lösen und den deutschen Fürsten nicht blinden Glauben zu schenken. Als der Papst diese Bitten gehört hatte, sagte er, es sei völlig unangemessen und den kirchlichen Gesetzen fremd, dass die Sache des Angeklagten in Abwesenheit der Kläger verhandelt werde. Vielmehr solle Heinrich ohne Bedenken und Furcht in Augsburg erscheinen, dort werde er nach Anhören und Prüfung beider Parteien nur nach den Gesetzen der Kirche ein möglichst gerechtes Urteil fällen. Darauf erklärten die Abgesandten, der König werde sich nirgends dem päpstlichen Richterspruch zu entziehen suchen, aber schon drohe der Jahrestag seiner Verbannung, und die Fürsten des Reiches sähen in gespannter Erwartung und mit ängstlicher Aufmerksamkeit dem Ausgang der Sache entgegen, um Heinrich der königlichen Ehren für unwürdig zu erachten, wenn er an diesem Tag nicht vom Bann erlöst sei, und ihm weiter kein Gehör zu schenken. Daher bitte er inständig, vom Bannfluch gelöst zu werden und die Gnade der Kirchengemeinschaft wiederzuerlangen, und er sei bereit, diese durch jede Art von Genugtuung zu erwerben, die der Papst befehle. Danach wolle er noch, an welchem Ort und Tag es auch immer der Papst vorschreibe, sich wegen aller Beschuldigungen verantworten und danach gemäß der päpstlichen Entscheidung das Reich behalten, wenn er sich von den Vorwürfen gereinigt habe, oder es mit Gleichmut aufgeben, wenn er seine Sache verliere. Da der Papst bei dem König die Unbeständigkeit des jugendlichen Gemüts und den Einfluss der Schmeichler fürchtete, widerstand er lange, aber überwunden durch die Bitten der Unterhändler und ihre Gründe, sprach er: »Wenn ihn die Tat wirklich reut, so übergebe er die Krone und die übrigen königlichen Insignien zum Zeichen echter und von Herzen kommender Buße an uns und erkläre sich selbst nach einer so frevelhaften Tat des königlichen Namens und Amtes für unwürdig.« Den Gesandten schien dies zu hart, und da sie ihn lebhaft baten, er möge das Urteil mildern, ließ er sich endlich mit großer Mühe gerade soweit bewegen, dass er ihm gestattete, vor ihn zu treten, wenn er aufrichtige Reue über seine Vergehen hege, und die Schuld, die er durch die Beschimpfung des Apostolischen Stuhles auf sich geladen habe, nunmehr durch Gehorsam gegen diesen sühnen wolle. Der König kam, wie ihm befohlen war. Da die Burg von einer dreifachen Mauer umgeben war, wurde er in den zweiten Ring aufgenommen, während sein ganzes Gefolge draußen zurückblieb. Nachdem er die königlichen Gewänder abgelegt hatte, stand er hier ohne ein Zeichen seiner Würde mit bloßen Füßen vom Morgen bis zum Abend fastend, in Erwartung des päpstlichen Schiedsspruches. So tat er es am zweiten und so am dritten Tag. Erst am vierten wurde er vor den Papst gelassen und nach vielen Reden und Gegenreden zuletzt unter folgenden Bedingungen vom Bann losgesprochen: Er solle an einem vom Papst bestimmten Tag und Ort auf einer allgemeinen Versammlung erscheinen, zu der sich auch die deutschen Fürsten einfinden würden, und auf die Anklagen antworten, während der Papst selbst, wenn er dies für richtig erachte, auf dem Richterstuhl säße, um nach dessen Spruch entweder das Reich zu behalten, falls er sich von den Vorwürfen reinige, oder es ohne Widerstreben zu verlieren, wenn er nach erwiesener Schuld gemäß dem Gesetz der Kirche der königlichen Ehre für unwürdig erklärt werde. Unabhängig davon aber dürfe er wegen dieser Demütigung niemals Rache an irgendeinem Menschen nehmen. Bis zu dem Tag aber, an dem seine Sache entschieden sei, dürfe er keinen königlichen Schmuck tragen und sich keiner Zeichen königlicher Würde bedienen, keine Verwaltungsmaßnahmen und keine Verfügung von Gültigkeit treffen und endlich außer der Einforderung der königlichen Gefälle, die er für sich selbst und für die Seinen zum notwendigen Unterhalt bedürfe, kein öffentliches oder königliches Gut verbrauchen. Auch sollten alle, die ihm eidlich Treue gelobt hätten, von der Fessel dieses Eides so lange los und ledig sein. Falls er dann nach Widerlegung der Anschuldigungen mächtig und neugestärkt auf dem Thron bleibe, so solle er dem römischen Papst immer untergeben und seinem Gebot gehorsam sein, auch solle er ihm bei der Besserung aller schlimmen Gewohnheiten gegen die kirchlichen Gesetze, die in seinem Reich eingerissen seien, nach Kräften mitwirken. Falls er aber einem dieser Punkte zuwiderhandle, so werde die jetzt so sehnlich gewünschte Lösung des Bannes für nichtig erklärt. Er würde dann als überführt und geständig gelten müssen und kein Gehör erlangen, um seine Unschuld zu erweisen. Die Fürsten des Reiches sollten dann, ohne an eine weitere Untersuchung gebunden zu sein, von aller Verpflichtung des Eides befreit werden und einen anderen König wählen dürfen. Mit Freuden nahm der König die Bedingungen an und versprach unter den heiligsten Beteuerungen, alles erfüllen zu wollen. Doch wurde seiner Versicherung nicht allein Glauben geschenkt, sondern der Abt von Cluny gab, weil er sich wegen seines Mönchsgelübdes zu schwören weigerte, sein Wort vor den Augen des allwissenden Gottes zum Pfand, und der Bischof von Zeitz, der Bischof von Vercelli, Markgraf Azzo und die anderen Fürsten, die diese Übereinkunft vermittelt hatten, schwuren einen Eid bei den Gebeinen der Heiligen, die man ihnen dazu darreichte, dass der König halten werde, was er versprochen habe und sich durch keine Widrigkeit noch durch einen Wandel der Verhältnisse sich von seinem Entschluss abbringen lassen würde. Als der König so vom Bann losgesprochen war, hielt der Papst ein feierliches Hochamt. [...] Nach der Beendigung dieses Heiligen Amtes lud er Heinrich zum Frühmahl, und nachdem er ihn aufs freundlichste bewirtet und noch einmal über alles belehrt hatte, entließ er ihn in Frieden zu den Seinigen, die weiter außerhalb des Schlosses geblieben waren.
Aus: Annales Lamperti monachi Hersfeldensis (Jahrbücher des Mönches Lampert von Hersfeld, † etwa um 1088).