Das Erbe für Heinrich V.

Neben Kämpfen in Böhmen, das er 1110 wieder der Oberhoheit des Reiches unterwarf, hatte Heinrich V., der 1106 die Herrschaft übernahm, wie sein Vater vor allem an zwei Fronten Krieg zu führen: zum einen gegen die deutschen Fürsten, da sich in Deutschland nach Jahren des Einvernehmens wieder eine starke fürstliche Opposition gegen den König stellte, zum anderen gegen den Papst, mit dem er einen Ausgleich suchte, den er jedoch erst unter Papst Calixt II. (1119-1124) erreichte. Obwohl es schien, als stünde Heinrich V. auf der Seite der Fürsten, war er doch nicht gewillt, königliche Rechte preiszugeben. Geheimverhandlungen mit dem Papst dokumentieren dies. Ungewöhnliche Methoden – Zäh errungene Erfolge
Als Gegenleistung für den Verzicht auf das königliche Investiturrecht erbot sich der Papst in dem 1111 in der Kirche von Turri geschlossenen Vertrag, den Reichsbischöfen die Rückgabe aller Güter und Regalien an Heinrich V. zu befehlen. Selbstverständlich waren die deutschen Bischöfe, denen hiernach nur die Zehnten und Schenkungen Privater bleiben sollten und die man ihrer Würde jederzeit hätte entkleiden können, über den Inhalt entsetzt und äußerten ihren Unmut über den voraussichtlichen enormen Machtzuwachs des Königs in tumultartiger Weise. Nachdem der Vertrag in der Peterskirche verlesen worden war, erklärten die deutschen Bischöfe und Fürsten aber auch den Anspruch des Papstes für ketzerisch, wonach ihr König auf die Investitur verzichten sollte. Dieser verlangte daraufhin gleich volles Investiturrecht und die Kaiserkrönung. Der Papst verweigerte beides und wurde sofort samt seinen Kardinälen gefangengesetzt. Nachdem auch noch die Römer einen Aufstand inszeniert hatten, musste Heinrich V. mit dem Papst im Marschgepäck fliehen. Zwei Monate später gestand er dem König im Vertrag von Ponte Mammolo die weltliche Investitur mit Ring und Stab nach der kanonischen Wahl vor der geistlichen Weihe zu. Damit waren die Verhältnisse so weit geklärt, dass die Krönungsfeier in Rom stattfinden konnte. Als Heinrich V. 1112 in seine Heimat zurückgekehrt war, sah er sich im Nordosten des Reiches wieder einmal einer gefährlichen sächsischen Opposition gegenüber. Hatte er doch das Herzogtum Sachsen nach Aussterben der Billunger in männlicher Linie an Lothar von Supplinburg, einen Mitverschwörer von 1106, vergeben und damit andere Erbansprüche schwer verletzt. Zum Haupt der fürstlichen Opposition schwang sich Bischof Adalbert von Mainz (1109-1137), der ehemalige Kanzler Heinrichs auf. Lothar von Supplinburg unterwarf sich zwar 1114 dem Kaiser, doch die aufständischen Sachsen hatte Heinrich V. damit noch nicht unter Kontrolle. Schließlich erlitt zu allem Überdruss das von Graf Hoyer von Mansfeld geführte kaiserliche Heer 1115 am Weifesholz nördlich von Eisleben eine vernichtende Niederlage. Der Kaiser musste sich aus Sachsen fluchtartig zurückziehen. Dass Heinrichs V. Herrschaft nicht ganz zusammenbrach, hatte er einem ›ironisch‹ anmutenden Glücksfall zu verdanken. Und zwar hatte jene mehrfach genannte, Papst Gregor VII. so treu ergebene Markgräfin Mathilde von Tuscien ihr Testament nach dem Tode Gregors VII. mehrfach geändert und schließlich, nachdem Heinrich V. ihre Truppen 1111 besiegt hatte, vermutlich unter Druck, nicht den Papst, sondern ausgerechnet Heinrich V. zum Erben ihrer vielumstrittenen Güter gemacht. Um sein Erbe anzutreten, verließ der Kaiser Deutschland, zog zum zweitenmal (1116-1118) nach Italien und erwies sich bei diesem Romzug als Meister politischer Winkelzüge. Nun wollte der Kaiser endlich den Ausgleich mit der Kirche und dem Papsttum erreichen. Aber solange Papst Paschalis II. am Leben war, gelang das nicht. Zwar hatte Heinrich V. in den ersten Jahren seiner Regierung alles versucht, und in dem trickreichen Spiel hatte es an überraschenden Angeboten nicht gefehlt. So schlug Papst Paschalis II. ihm einmal vor, er solle auf die Investitur verzichten. Tue Heinrich das, dann werde er seinerseits das von der Kirche verwaltete Reichsgut zurückerhalten, was einen modernen Historiker (H. Fuhrmann) zu der Feststellung veranlasste: »Es ist gerätselt worden, was Paschalis II. zu dieser weltfremden Antwort bewogen haben könnte: seine militärische Hilflosigkeit, die ein Einlenken angeraten sein ließ [...] oder seine monastische [mönchische] Weltfremdheit.« Der Kaiser setzte sein listiges Spiel Paschalis II. gegenüber fort, den er schließlich 1117, nach der Besetzung Roms, zusammen mit den Kardinälen in seine Gewalt brachte und trotz des Widerstandes der Römer aus der heiligen Stadt mit sich fortnahm. Die Verständigung zwischen Kaiser und Papst
Doch erst unter Calixt II. (1119-1124), der nach dem Tod des nur ein Jahr den Stuhl Petri einnehmenden Gelasius II. den apostolischen Stuhl bestieg, kam ein Ausgleich zustande. »Calixt II. entstammte dem burgundischen Hochadel und war entfernt verwandt mit dem salischen Hause, nach Gregor VII., nach fast einem halben Jahrhundert mönchischer Päpste also, war er der erste Weltgeistliche, obwohl nicht Mönch, war er in den Mauern des mächtigsten und reichsten Klosters der damaligen Christenheit [Cluny] gewählt worden. Wenn man von ihm nach Jahrzehnten starrer Politik ein Einsehen auf die Erfordernisse der Situation erwartete, so war man an den richtigen Mann geraten.« Unter diesem Papst kam nach langem, von den Ratschlägen vieler Gelehrter begleiteten Hin und Her ein Kompromiss zustande, ein Ausgleich im besten Sinne des Wortes: das »Wormser Konkordat« (siehe: Konkordat, unten) von 1122. Während Heinrich V. auf die Investitur mit den geistlichen Symbolen Ring und Stab verzichtete und freie, kanonische (kirchlich rechtmäßige) Wahl der kirchlichen Würdenträger versprach, sollten diese in Deutschland unter dem Symbol des Zepters vom König vor der Weihe mit ihren weltlichen Rechten und Besitztümern belehnt werden. In Italien und in Burgund allerdings sollte die Übertragung der weltlichen Rechte erst innerhalb von sechs Monaten nach der Weihe erfolgen, was den Einfluss des Königs entscheidend beschränkte. Doch war mit der Regelung in Deutschland für den König ein wichtiger Bestandteil der Grundlage seiner Macht gerettet. Ein jahrzehntelanger Kampf, der auf beiden Seiten mit höchstem Einsatz geführt worden war, fand mit dem Konkordat, in dem beide, Kaiser und Papst, von ihren Maximalforderungen abrücken mussten, sein Ende. Und tröstlich klingt auch der letzte Satz des »Privilegs des Papstes«: »Ich gebe Dir [Kaiser Heinrich] und ebenso allen, die an Deiner Seite stehen oder auch gestanden haben zur Zeit dieses Streites, wahren Frieden.« Konkordat (lat. concordare: übereinkommen)
Kein Vertrag im modernen Sinn zwischen zwei Verhandlungspartnern (z. B. zwischen Kirche und Staat), sondern Austausch von Privilegien, d. h. verbrieften Rechten zwischen zwei Herrschern, beispielsweise zwischen Kaiser und Papst. Nach dem Tod eines Partners mussten Privilegien erneuert werden. Konkordat ist also eher ein momentaner Ausgleich als eine dauerhafte Lösung gewesen. Dies zeigt sich am Wormser Konkordat von 1122, dessen Abmachungen spätere Könige wie Lothar von Supplinburg abzuändern oder zu widerrufen strebten. Die heutige Forschung ist hinsichtlich der Auslegung von Konkordaten äußerst gespaltener Meinung. Die Folgen des Investiturstreits
Das Wormser Konkordat war im Grunde genommen lediglich eine Bestätigung des alten Königsrechts der Investitur unter genauer Festlegung der Form. Insgesamt veränderte der Investiturstreit die deutsche Verfassung radikal:
1. Entsakralisierung des Königtums durch den Bann von 1076.
2. Sieg des Hochadels über Königtum und Gesamtstaatsgedanken durch das Gegenkönigtum 1077, erstmals freies Wahlrecht bei der Königserhebung.
3. Durch Verbot der Laieninvestitur werden dem deutschen König die Grundlagen für Eigenkirchenrecht und Staatskirchentum entzogen: der König verliert seine Regierungsorgane.
4. Das Wormser Konkordat lässt die Bischöfe zu Reichsvasallen, also zu geistlichen Reichsfürsten, aufsteigen und stellt deren Interessengemeinschaft mit dem weltlichen Hochadel her. Beschleunigung bei der Herausbildung von Landesherrschaften (Territorialisierungsprozess): Fürsten als die eigentlichen Sieger des Investiturstreits. Neue Aufgaben stellen sich den deutschen Königen, um den Verlust ihrer Sakralität auszugleichen: der Aufbau von Königsterritorien, Landesausbau, der Einsatz von Ministerialen (Burgen, Städte), die Landfriedensgesetzgebung, die Neuordnung ihres Verhältnisses zum Adel auf der Basis des Lehnsrechts.
Regalien werden Grundlage der neuen Verwaltung.