Vorläufer der deutschen Stadt

Wenn »der höhere Mensch«, wie der Kulturphilosoph Oswald Spengler (1880-1936) meinte, ein »Städtebauendes Tier« ist, mussten sich unsere Vorfahren zu Recht als Barbaren beschimpfen lassen: Städte waren den Germanen unbekannt. Tacitus, der wichtigste Gewährsmann für das Leben in Altgermanien, berichtet, »dass die Völkerschaften der Germanen keine Städte bewohnen, [...] ja dass sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie hausen einzeln und gesondert.« Die Stadt wurde von den Römern nach Deutschland ›importiert‹. In den römischen Besatzungsgebieten an Rhein, Mosel und Donau entstanden eine Reihe städtischer Siedlungen: Bonn, Mainz, Worms, Straßburg, Regensburg, Wien und andere. Die meisten dieser sogenannten Städte waren jedoch nichts weiter als große triste Militärlager – die Germanen sprachen verächtlich von »Steinsärgen«! Vor den wuchtigen Mauern lebten jene Zivilisten, die zu allen Zeiten den Soldaten auf dem Fuße zu folgen pflegen: Kaschemmenwirte und Dirnen, Händler und Handwerker. Einige der deutschen Römerstädte allerdings, wie etwa Köln und die Kaiserresidenz Trier, standen in ihrem Reichtum und im Prunk ihrer Paläste den bedeutendsten Zentren des römischen Reiches in nichts nach. In Trier lebten im 4. Jahrhundert nach Christus 80000 Menschen, es hat immerhin fast anderthalb Jahrtausende gedauert, bis es in Deutschland wieder eine Stadt dieser Größenordnung gab! Als die alles verändernde Walze der Völkerwanderung über die Römerstädte hinweggegangen war, ragten aus ihren Trümmern meist nur noch die unverwüstlichen Quadermauern. In einer seltsamen Scheu mieden die Germanen auch jetzt noch die Städte, selbst wo römische Häuser erhalten geblieben waren, kampierten sie lieber daneben in ihren armseligen Holzhütten. Die Paläste wurden als Scheunen genutzt, und auf so manchem der kostbaren Mosaikböden der alten Villen scharrten die Hühner. Bischofssitz, Königspfalz, Fluchtburg
Gänzlich ist allerdings das Leben in den Ruinenstädten nie erloschen. Nach alter römischer Bistumstradition behielten die Bischöfe ihre Sitze dort bei. Als dann die Bedeutung der Kirche im fränkischen Reich wuchs und den Bischöfen an ihrem Hof Aufgaben im Dienste des Königs übertragen wurden, begann sich hier – in Köln, Mainz oder Passau – wieder zaghaft eine Art städtischer Betriebsamkeit zu entfalten. Auch der König selbst wählte die alten römischen Niederlassungen bevorzugt als Pfalzen, als Aufenthaltsorte, wenn er durch das Land zog, und als Amtssitze für seine Grafen, Aachen, Regensburg oder Wien wurden auf diese Weise ›wiederbelebt‹. Im 9. und 10. Jahrhundert kam es zu einer neuen Konstellation: es wurde es zunehmend erforderlich, Befestigungen gegen die räuberischen Einfälle der Wikinger, der Slawen und Ungarn zu schaffen. Besonders an den gefährdeten Rändern des Reiches wurden militärische Stützpunkte und Fluchtburgen angelegt, durch Palisadenwälle geschützte Zufluchtsorte, in die sich auch die Bevölkerung der Umgebung zurückziehen konnte, Goslar und Merseburg sind von König Heinrich I. – dem ›Burgenbauer‹ – ursprünglich als solche Fluchtburgen gegründet worden. Königspfalz, Bischofshof, vereinzelt auch die große Abtei und die Fluchtburg sind wohl die ältesten Keimzellen einer eigenständigen Stadtentwicklung in Deutschland. Von ihren vielfältigen Aufgabenstellungen her benötigten diese Orte Menschen und zogen Menschen an. Eine Chronik aus dem 9. Jahrhundert schildert so die Entstehung der Stadt Brügge: »Vor dem Tor, an der Brücke, sammelten sich allmählich Gewerbetreibende, um für die zu arbeiten, die in der Burg wohnten. Außer Kaufleuten, die alles mögliche feilboten, gab es Schank- und Gastwirte. Sie machten sich zur Aufgabe, diejenigen, die beim Grafen zu tun hatten, zu beköstigen und zu beherbergen. Mit der Zeit begannen die Zuzügler Häuser zu bauen und sich wohnlich einzurichten, dort fanden alle Aufnahme, die nicht in der Burg selbst wohnen konnten. [...] Die Siedlung wuchs, so dass in kurzer Zeit ein großes Dorf entstand.«

Forum (Kommentare)

Info 18.12.2017 00:27
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.