Fernhandel und Wachstum

Mit zunehmender Bevölkerung und den steigenden Ansprüchen der adeligen und geistlichen Herren vergrößerte sich auch der Güterbedarf der Gesellschaft. Alle Waren, die in der mittelalterlichen Eigenwirtschaft nicht selbst hergestellt werden konnten, Salz vor allem, Textilien, Metallwaren, aber auch Luxusartikel, wie Schmuck, Weihrauch und seltene Gewürze, wurden von reisenden Fernhändlern vertrieben. Um das Reiserisiko in unsicheren Zeiten zu vermindern, schlossen sich die Händler, meist Italiener, später auch Friesen, zu Karawanen zusammen. Als Raststationen legten sie auf ihren Handelsrouten kleine Niederlassungen bevorzugt vor Burgen oder in der Umgebung von Bischofssitzen an: sie waren so in der Nähe ihrer zahlungskräftigen Kunden und genossen zugleich deren militärischen Schutz. Aus den Niederlassungen der Fernhändler entwickelten sich rasch selbstständige, durch Gräben und Zäune geschützte Siedlungen mit Herbergen und Stallungen, Werkstätten und sicheren Gütermagazinen, in Magdeburg baute man gar eine eigene Kaufmannskirche, die zugleich als Lagerhaus genutzt werden konnte. In vielen der bedeutenden alten Städte lassen sich solche Kaufmannsviertel oder ›Friesen-Vororte‹ nachweisen. Es scheint, dass gerade diese Fernhändlersiedlungen die eigentlichen ›Wachstumszellen‹ der mittelalterlichen Stadt gewesen sind. In der Zeit äußerer Bedrohung im 9. und 10. Jahrhundert wurden die Vororte vielfach in die Befestigungsanlagen der Burgen miteinbezogen und selbst mit einem starken Mauerring umgeben: das ganze Mittelalter hindurch wird der Begriff ›Burg‹ jetzt gleichbedeutend auch zur Bezeichnung der Stadt verwendet, seit dem 12. Jahrhundert werden die Bewohner der Stadt »Bürger« genannt. Der ummauerte Markt
Die Mauer ist zum wesentlichen äußeren Merkmal der Stadt geworden, sie hat deren Gestalt bis in die Neuzeit hinein bestimmt. Für die innere Entwicklung der Stadt waren vornehmlich wirtschaftliche Antriebskräfte maßgebend. Im frühen 9. Jahrhundert bereits hatte Kaiser Ludwig der Fromme zur besseren Versorgung der Bevölkerung Märkte einrichten lassen: an bestimmten Plätzen sollten regelmäßig Waren getauscht werden. Die Gründung von Märkten war lange Zeit das alleinige Vorrecht des Königs, das er jedoch großzügig handhabte. In einem Gnadenbrief Kaiser Ottos des Großen von 965 heißt es: »In Gottes Namen übergeben wir das Recht, Märkte zu halten, Münzen zu schlagen, dazu das Recht, Zölle zu erheben, an die Mauritiuskirche zu Magdeburg.« Solche Privilegien verschafften ihren Besitzern reiche Einkünfte, und es war bald das verständliche Interesse der Grundherren, Märkte auf ihr Gebiet zu ziehen. So entstanden überall in Deutschland Marktflecken, bevorzugt an Flussübergängen, an Straßenkreuzungen und Fernhandelswegen, aber auch an viel besuchten Wallfahrtsorten: die meisten von ihnen sind zu Städten aufgestiegen. Jeder Markt stand unter dem besonderen königlichen Friedensgebot. Wenn auf dem Marktkreuz die rote Fahne oder ein Handschuh aufgezogen wurden, wenn das »Hütl steckte«, symbolisierte das die persönliche Anwesenheit des Königs. Auf den Bruch des Marktfriedens stand die Todesstrafe, leichtere Fälle wurden mit dem Abhacken der Hand geahndet, schon wer mit einem Dolch nur angetroffen wurde, musste nach der Landshuter Marktordnung »die Strafe der Räuber erleiden«! Der Friedensschutz entwickelte sich schon bald über die Markttage hinaus zu einer dauerhaften Einrichtung und wurde später auf alle Städte ausgedehnt: aus dem Marktfrieden wurde der Stadtfrieden. Das alte Straßburger Recht hat als ersten Vorzug der Stadt herausgestellt, »dass jedermann, Fremder wie Einheimischer, [...] zu jeder Zeit und vor jedem Menschen Frieden habe«. Die mittelalterlichen Städte bildeten so Inseln in einer Umgebung, in der Fehde, Kampf und Unsicherheit die Alltäglichkeit waren. In den städtischen Friedensbezirken konnte unternehmerische Arbeit auch dauerhaften Erfolg erwarten lassen, hier liegt sicher ein Geheimnis des bürgerlichen Aufstiegs! Marktrecht
Im Mittelalter ist die Gründung eines Marktes an Verkehrsschnittpunkten, Flussübergängen, in der Nähe von Burg oder Kloster, in Dorf oder Stadt ein königliches Privileg, ein Regal, d. h., es musste vergeben werden. Bis ins 12. Jahrhundert verliehen es die Könige hauptsächlich der Geistlichkeit, dann den Städten, die sich aus diesen Marktorten häufig entwickelten. Im Zusammenhang mit Stadtentwicklung und Marktrecht stehen Marktfrieden, Marktgericht und Marktgeschworene, Stadtrecht.

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Info 18.12.2017 00:09
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