Geschäftstüchtige Gründer

Das sichtbare Aufblühen städtischer Siedlungen im hohen Mittelalter verlockte Fürsten und auch kleinere Adelige, eigene Städte neu zu gründen. Neben die gewachsene Stadt, die sich aus verschiedenartigen Ansätzen langsam entwickelt hatte, trat jetzt die geplante Stadt ›aus wilder Wurzel‹, durch den häufigen Namen »Neustadt« entsprechend ausgewiesen. Die älteste deutsche »Gründungsstadt«, Freiburg im Breisgau, verdankt ihre Entstehung 1120 einem Herzog von Zähringen: »Aller Nachwelt und Mitwelt sei kundgemacht, dass ich, Konrad, an dem Platz, der mir als Eigengut gehört, nämlich Friburg, einen Markt gegründet habe.« Mit großzügigen Angeboten wurden »angesehene Geschäftsleute von überallher« angeworben: gegen geringen Pachtzins wurden ihnen Grundstücke zugewiesen, sie wurden vom Marktzoll befreit und mit bürgerlichen Sonderrechten ausgestattet, die in dieser Zeit beispiellos waren. Der Zähringer vermochte den Gewinn, den die Niederlassung der Kaufleute seinem Territorium brachte, offenkundig richtig einzuschätzen! Als fruchtbarer fürstlicher Städtegründer erwies sich wenig später Heinrich der Löwe, Herzog von Baiern und Sachsen. Nach langwierigen Auseinandersetzungen mit dem ursprünglichen Gründer baute er 1158 die durch Brand zerstörte Stadt Lübeck wieder gänzlich neu auf und machte sie zum Zentrum seiner Ostpolitik. »Er verlieh Lübeck eine Münze, Zollrechte und höchst ehrenvolle Stadtfreiheiten. Von da an blühte das Leben der Stadt auf, und die Zahl ihrer Bewohner wuchs ins Vielfältige«, schreibt Helmold von Bosau in seiner »Slawenchronik«. In der Tat wurde Lübeck für Jahrhunderte zur mächtigsten Stadt im ganzen Ostseeraum! In seinem baierischen Herzogtum hatte Heinrich der Löwe zur gleichen Zeit ein begehrliches Auge auf die reichen Einkünfte des Freisinger Bischofs aus dem Brückenzoll von Föhring geworfen, dort führte die alte Salzstraße von Reichenhall über die Isar. Kurzerhand brannte er den Markt Föhring mitsamt der hölzernen Brücke nieder und leitete Salzstraße und Geldsegen flussaufwärts, beim Kloster Munichen, über sein eigenes Gebiet. Zwar wurde Heinrich später verurteilt, ein Drittel der Einkünfte an Freising abzuführen – den Aufstieg Münchens zur Weltstadt hat solche Maßnahme indes nicht zu bremsen vermocht! Den entscheidenden Anteil an der Entstehung einer städtischen Siedlung hatte immer der Stadtherr. So wie der Bauer seinem Grundherrn hörig war, so war auch der Stadtbewohner ursprünglich diesem Stadtherrn – meist ein Fürst, Bischof oder Graf – unterworfen. In dem Maße, in dem der Herr jedoch seiner bedurfte, zum Bau der Mauer etwa oder zur Verteidigung, lockerte sich auch diese Abhängigkeit. Der Bürger erhielt »Freiheiten«: ihm wurden, bis auf die Stadtsteuer, die drückenden Abgaben erlassen, er durfte über seinen Wohnsitz und seinen Beruf frei entscheiden, bisweilen wurde ausdrücklich auch das Recht der freien Gattenwahl gewährt. Mit besonders weitreichenden Freiheiten warben vor allem die Gründungsstädte. So durfte in Freiburg Eigentum vererbt werden, ohne dass – wie sonst verordnet – das wertvollste Stück des Besitzes dem Herrn zufiel, dieses Recht galt gleichermaßen für Mann und Frau – ein früher Ansatz von Gleichberechtigung! Solche Privilegien wurden verbrieft und bildeten das »Stadtrecht«, dem jeder in gleicher Weise unterworfen war. Der Grundsatz »Gleiches Recht für alle« hat hier eine seiner Wurzeln! »Stadtluft macht frei«, nicht aber gleich
In der Stadt hatte der mittelalterliche Mensch so einen besonderen Rechtsraum erhalten: »Bürger und Bauer trennt die Mauer«. Von der befreienden Stadtluft ging eine starke Sogwirkung aus. Leibeigene kauften sich frei oder wurden von der Kirche freigekauft. Andere flüchteten aus ihrer Hörigkeit, wenn sie »nach Jahr und Tag« von ihrem Herrn nicht zurückgefordert wurden, konnten sie sich, wie dies etwa das Freiburger Stadtrecht garantierte, »fortan sicherer Freiheit erfreuen«. Das Leben in der Stadt mochte sich anfänglich vom Landleben nicht sonderlich unterscheiden. Viele Ackerbürger bestellten ihre Felder vor den Mauern, am Morgen trieb der Hirt die Tiere aus den Ställen auf die städtischen Weiden. Schweine ›beseitigten‹ die Abfälle, die allesamt auf die Straße geworfen wurden, später wurde diese Art der Schweinemast als Privileg an einzelne Klöster vergeben! Im Straßburger Stadtrecht von 1200 musste dem Bürger nachdrücklich verboten werden, »Mist oder Kot vor sein Haus zu legen, wenn er ihn nicht gleich wegfahren will«. Der gewaltige Zustrom von Menschen sprengte die Mauern der Stadt in des Wortes wahrstem Sinne. Bis 1180 musste Köln seinen Mauerring dreimal erweitern, in Wien waren innerhalb von 120 Jahren gar vier neue Ummauerungen nötig geworden. Der Mauergürtel schnürte ein und erzeugte die typische städtische Enge. Großzügig war allein der Marktplatz, das Herz und Zentrum der Stadt. Hier vollzog sich alle öffentliche Geschäftigkeit, hier hatten der Stadtherr und seine Beamten ihre Sitze, hier wurde Gericht gehalten und hier stand auch die Stadtkirche. Die Häuser drängten sich nun auf schmalen Parzellen entlang der krummen und oft morastigen Gassen, in denen kaum zwei Fuhrwerke aneinander vorbeikamen. Nach Angaben der Gründungsprivilegien dürften die Grundstücksgrößen 400 Quadratmeter selten überschritten haben, auf dieser Fläche mussten Wohnung, Laden, Werkstatt, Stallungen, Lagerräume, Hof und Garten Platz finden! In der Frühzeit der Stadt wurden die Häuser fast durchweg aus Holz errichtet – der Steinbau blieb lange den Kirchen und Herrschaftssitzen vorbehalten. Die Wände wurden mit Lehm beworfen, das Dach war mit Stroh oder Binsen gedeckt. Die Fachwerktechnik erlaubte schließlich eine mehrstöckige Bauweise, um Raum zu gewinnen, ließ man dabei die oberen Stockwerke über die Gasse vorkragen. Auch in ihrer inneren Ausstattung waren die Bürgerhäuser des hohen Mittelalters einfach: Heizung war nur selten möglich, auf einer offenen Herdstelle brannte ein Holzfeuer, der Rauch zog durch ein Loch in der Decke ab – auf dem Dach saß immer der ›rote Hahn‹. Die Feuersbrunst war der größte Feind der Stadt, dem sie im Grunde hilflos ausgeliefert war. Im Verlauf von 100 Jahren wurde Straßburg achtmal eingeäschert! Die bauliche Enge prägte ganz wesentlich die Mentalität des Stadtbürgers. Das ›Aufeinandersitzen‹ hat Brotneid und kleinliche Zanksucht gefördert, aber auch jenen sprichwörtlichen Bürgersinn entstehen lassen, der das für die Stadt lebensnotwendige gemeinsame Planen und Handeln erst ermöglichte. Städtischer Wohlstand ist vornehmlich aus dem wirtschaftlichen Zusammenwirken von Bauern, Handwerkern und Kaufleuten erwachsen, sodass man Arbeitsteilung als Grundlage der Stadt bezeichnen kann. Mit wachsender sozialer und wirtschaftlicher Differenzierung begannen jedoch die verschiedenen sozialen Gruppierungen ein Eigenleben zu entfalten und damit Sprengkräfte innerhalb der bürgerlichen Gemeinschaft freizusetzen. Die Fernhändler organisierten sich in zunftähnlichen Gilden und sonderten sich von den kleinen Krämern ab, die verschiedenen Handwerkszweige – das Straßburger Stadtrecht aus dem 12. Jahrhundert zählt elf auf – suchten ihre Interessenvertretung in Bruderschaften, den Vorläufern der Zünfte. Am Rande standen die »unehrlichen« Berufe, die Henker, Totengräber und Büttel, die Bresthaften und Unehelichen, aber auch die ›Unbehausten‹, die Knechte und Mägde, die Gesellen und Dienstboten. Die bürgerliche Gesellschaft ließ auch sie – bei aller Verachtung oder Geringschätzung – städtische Luft atmen.

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Info 23.11.2017 19:32
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