Unruhige Germanen

Die Anfänge der deutschen Stämme und ihrer Geschichte gehen zurück auf die Geschichte der Germanen. Verwirrende Vielfalt kennzeichnet die frühen Spuren, aus denen sich Bewegung und Unruhe, Verschiebungen, Wanderungen, Neben- und Gegeneinander, kaum aber Miteinander oder gar Sesshaftigkeit und beständiges Wachstum ablesen lassen. Seit etwa der Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends hatte sich die große germanische Völkerfamilie von ihrer Urheimat in Südskandinavien, Schleswig-Holstein und Ostniedersachsen aus weithin über Mittel-, West- und Osteuropa verbreitet und war in drei große Gruppen mit wiederum zahlreichen Stämmen zerfallen. Die Nordgermanen blieben weiterhin in ihrer skandinavischen Heimat. Aus ihnen gingen etwa seit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert die Dänen, Schweden, Norweger und Isländer hervor. Die Ostgermanen zogen über die Flussgebiete von Oder und Weichsel hinaus südwärts. Zu ihren wichtigsten Völkern gehörten die Goten, Wandalen und die Burgunder, die uns alle während der Völkerwanderung auf dem Weg zurück nach Westen begegnen. Die dritte große Gruppe bildeten die Westgermanen, die sich in West- und Süddeutschland und schließlich auf den britischen Inseln niederließen. Aufstände und Wanderungen
Aus der Gruppe der Westgermanen vor allem gingen jene Völkerschaften hervor, die dann ihrerseits die deutschen Stämme bildeten. Es ist aber unmöglich, ihre Siedlungsräume in vorchristlicher Zeit ganz genau zu lokalisieren, sodass man sich beim heutigen Stand der Forschung mit ungefährer Orientierung und Einteilung in größere Gruppen wie Elbgermanen oder Rhein-Weser-Germanen begnügen muss. Ebensowenig kennen wir die ursprünglichen Namen der verschiedenen kleinen und kleinsten Stämme und Stammesgruppen. Eine von ihnen, die an den Rhein zugewandert war, erhielt in antiken Quellen schon zu Beginn des 1. vorchristlichen Jahrhunderts den Namen »Germani cisrhenani«, der dann – so jedenfalls lautet die gängige Theorie -auf alle ihre östlichen Nachbarn übertragen wurde. Die Römer kannten diese Germanen, die seit dem 1. Jahrhundert v.Chr. verschiedentlich ihre Grenzen bedrohten. Die Kimbern und Teutonen waren 113-101 v.Chr. nach Süden vorgestoßen, die Sweben hatten sich unter ihrem König Ariovist 71 v.Chr. im östlichen Gallien niedergelassen, waren jedoch von Caesar über den Rhein zurückgedrängt worden. Aber der Versuch des Kaisers Augustus, die Stämme zwischen Rhein und Elbe zu unterwerfen, endete nach anfänglichen Erfolgen mit einer schweren Niederlage. Im Jahre 9 n.Chr. vernichteten die Cherusker unter der Führung des Arminius, wie ihn die Römer nannten, zusammen mit den Kriegern einiger anderer Stämme in der Schlacht im Teutoburger Wald drei römische Legionen. Als sich die Römer vom Schock dieser blutigen Niederlage erholt hatten, versuchten sie zwar zunächst, diese Scharte auszuwetzen, aber 16 n.Chr. gaben sie endgültig auf und beließen die germanischen Stämme östlich des Rheins außerhalb ihrer Herrschaft. 67/70 n.Chr. erschütterte der Aufstand der Bataver, eines Stammes im Gebiet der Rheinmündung, der später in den Franken aufging, die Römerherrschaft noch nachhaltiger. Aber die Verbindungen der Römer zu dem freien Teil Germaniens blieben bestehen, und ihnen verdanken wir auch das wichtigste antike Zeugnis über die germanischen Stämme. Der römische Geschichtsschreiber P. Cornelius Tacitus, der etwa von 55 bis 120 lebte, sammelte sorgfältig alle Nachrichten über die Germanen, wie sie ihm römische Offiziere und Händler von Reisen in die Gebiete östlich des Rheins mitbrachten. Die Ergebnisse seiner Studien und Nachforschungen fasste er dann in der »Germania« zusammen, einem kleinen, für die deutsche Stammesgeschichte aber höchst gewichtigen Bändchen. Er berichtete über Leben und Alltag der Germanen, über Religion und Kult, und gab dann einen Überblick über die einzelnen Volksstämme und deren Wohnsitze. Während Caesar in seinem Werk über den »Gallischen Krieg« eineinhalb Jahrhunderte zuvor nur etwa zwanzig aufgezählt hatte, erwähnte Tacitus nun schon über sechzig. Im Westen und Nordwesten nannte er unter anderen die Chatten, Usipier, Tenkterer, an der Nordseeküste die Friesen und Chauken, zwischen Elbe und Oder die Semnonen und Langobarden, dann die Donausweben, zu denen er Hermuduren und Markomannen zählte, um endlich den Kreis mit den Stämmen zwischen Oder und Weichsel und den Ostseevölkern zu schließen. Trotzdem waren auch mit seiner Übersicht keineswegs alle erfasst, da es zahlreiche winzige Völkerschaften gab. Aber unter den von ihm erwähnten Namen tauchen auch einige schon sehr bekannte Stämme auf, die im Lauf der folgenden Jahrhunderte erhöhte Bedeutung erlangen sollten. Noch suchen wir aber hier vergeblich nach einer festen Ordnung. Sie lässt sich auch in den nächsten vier Jahrhunderten nach Tacitus nicht finden. Vielmehr gerieten die Stämme noch mehr in Bewegung. Wir bezeichnen diese Züge der Ost- und Westgermanen, die ihren Höhepunkt im 4. bis 6. Jahrhundert erlebten, als »Völkerwanderung«.

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Info 26.09.2017 - 00:08
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