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Die große Völkerwanderung

Ein sich stetig steigernder Druck asiatischer Reitervölker im Osten hatte zuerst auf die im Weichselgebiet und im südlichen Russland siedelnden Goten gewirkt, die nach Süden und Westen auswichen. Und wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird, jene Wellen auslöst, die sich ausweitend fortbewegen und neue Wellen zeugen, so war es auch mit diesen Wanderbewegungen. Sie verschoben nicht nur über Jahrhunderte hinweg die Wohnsitze der Stämme, sondern veränderten auch häufig deren inneres Gefüge. Manche verschwanden während dieser Wartezeit aus der Geschichte, andere blieben bestehen oder schlossen sich zusammen, und aus solchen Zusammenschlüssen entstanden auch jene neuen Stämme, deren Namen uns heute noch geläufig sind. So wanderten Teile der Semnonen aus ihren ursprünglichen Stammesgebieten östlich der Elbe nach Südwesten, um sich am oberen Main niederzulassen. Aus ihnen gingen dann die Alemannen (auch Alamannen) hervor, die weiter nach Süden in das heutige Elsass, in die Nordschweiz und in das Land zwischen Iller und Lech zogen. Aus dem Zusammenschluss einiger Stämme, u.a. der Salier, Chatten, Brukterer, Sigambrer, Usispier, Chamaven, Bataver, entstanden die Franken, die in der deutschen Geschichte noch eine so bedeutsame Rolle spielen sollten. Sie lebten an Niederrhein, Ems und Lippe, während sich die Wohngebiete der Sachsen in Norddeutschland ungefähr mit dem heutigen nördlichen Niedersachsen decken. Die Heimat der Alemannen lernten wir eben kennen, und westlich der unteren Elbe lebten seit dem 1. Jahrhundert zeitweise die Langobarden. Dieses Schema gleicht aber einer Momentaufnahme, denn im Lauf der Völkerwanderung verschoben sich die Siedlungsgebiete und Wohnsitze vieler Stämme. Die welthistorisch bedeutsamen Züge der Ost- und Westgoten und der Wandalen führten hinaus aus den alten Siedlungsgebieten. Die Sweben zerfielen, und ihr Name allein blieb den Alemannen beibehalten. Die Langobarden wandten sich nach Südosten und drangen in Niederösterreich ein, verblieben dort aber nur ein Jahrhundert und zogen 568 nach Oberitalien in die nach ihnen benannte heutige Lombardei. Die Burgunder wanderten von ihren Siedlungsgebieten zwischen Weichsel und Oder nach Westen, gründeten ein »Reich« um Worms, überschritten den Rhein und bedrängten die römische Provinz Belgica, wo ihnen 436 durch den römischen Statthalter Aetius und dessen hunnische Verbündete eine Niederlage bereitet wurde. Die letzten Reste des Stammes siedelten sich daraufhin in der heutigen französischen Landschaft Burgund und Lyon an, die Erinnerung an die vernichtende Niederlage aber lebt fort in der Nibelungensage. Am wenigsten betroffen von diesen Wanderungen waren Sachsen, Franken und Alemannen. Sie bildeten den Kern jener Stämme, aus denen in den folgenden Jahrhunderten die wichtigsten deutschen Herzogtümer hervorgingen.

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