Vom Stamm zum Großreich

Die Anfänge der deutschen Herzogtümer waren ganz bescheiden, kaum merklich und auch schwer zu registrieren. Die Franken beispielsweise wurden erstmals schon 258 als unbedeutender Stamm erwähnt. Eineinhalb Jahrhunderte lang begegnen wir ihnen verschiedentlich in den Gebieten beiderseits des Rheins. Um 500 gelang dann König Chlodwig aus dem Geschlecht der Merowinger die Einigung der verschiedenen kleinen fränkischen Stämme. Innerhalb von dreißig Jahren schuf er nicht nur ein einiges fränkisches Reich, sondern vernichtete auch die letzten Reste römischer Herrschaft auf gallischem Boden und unterwarf die benachbarten Alemannen. Seine Söhne eroberten dann das Reich der Thüringer. Diese waren aus der Vermischung kleinerer Völkerschaften beiderseits der mittleren Elbe hervorgegangen. Wir begegnen hier dem Phänomen der sich in der späteren deutschen Geschichte mehrfach wiederholenden Bildung eines neuen Stammes. Ähnliches erleben wir auch bei den Baiern, deren Herkunft heute noch für die Forschung umstritten bleibt und die möglicherweise um die gleiche Zeit, als die Thüringer von den Franken unterworfen wurden, aus dem böhmischen Raum in das heutige Bayern einwanderten. Vielleicht lässt sich ihr Name aus Boiahemum = Böhmen ableiten. Der Sieg über die Thüringer hatte den Franken das Maintal geöffnet, und allmählich schoben sie, flussaufwärts vordringend, einen Keil zwischen die sächsischen und thüringischen Stammesgebiete im Norden und die alemannischen und baierischen im Süden. Als dann gegen Ende des 7. Jahrhunderts die Völkerwanderung ausklang, hatte sich das Stammesgefüge im heutigen deutschen Sprachraum weitgehend verändert. Die verwirrende Vielfalt der germanischen Zeit war einer neuen großräumigeren Ordnung gewichen. An Rhein und Main saßen nun die Franken, nördlich von ihnen zwischen Saale und Oberlauf der Weser die Thüringer und westlich davon die Hessen. Nach Norden schlossen sich die Sachsen an, während die Friesen nach wie vor an der Nordseeküste siedelten. Südlich des Mains lebten zwischen Rhein und Lech die Alemannen und östlich davon zwischen Donau, Lech, Alpen und Enns die Baiern. Die merowingischen Könige hatten den unterworfenen Stämmen Herzöge vorgesetzt, in deren Händen die Verwaltung lag, aber bald fühlten sich diese ihren Stämmen mehr verbunden als den Königen, und aus den »Amtsherzögen« wurden »Stammesherzöge« (Siehe unten: Herzog – Amt und Funktion). Die letzten schwachen Merowinger mussten diese Entwicklung hinnehmen, aber schon der Hausmeier Karl Martell, also der höchste Staatsbeamte des Merowingerreiches und faktisch schon König, schaltete 714 das thüringische Stammesherzogtum wieder aus. Am längsten konnten sich die Baiern unter ihrem Herzogsgeschlecht der Agilolfinger eine gewisse Selbstständigkeit bewahren, bis 788 Karl der Große den Baiernherzog Tassilo absetzte. Frei waren nur Sachsen und Friesen geblieben. Letztere wurden 782 in das Reich Karls des Großen eingegliedert, die Sachsen verteidigten dreißig Jahre ihre Unabhängigkeit gegen die Franken, bis auch sie 804 fest fränkischer Herrschaft unterworfen wurden. Damit war wieder eine Phase in der Entwicklung der deutschen Stämme abgeschlossen. Von nun an blieb ihre Geschichte eng verbunden mit der Geschichte des Frankenreiches und des aus ihm erwachsenden Deutschen Reiches. Doch lässt sich ihr Eigenleben auch weiterhin deutlich verfolgen. Es gehört zu den besonderen Kennzeichen deutscher Geschichte, dass sich diese im Gegensatz zur englischen oder französischen im Spannungsfeld von Einheitsstreben und stammesmäßig geprägtem Partikularismus (Eigeninteressen) entwickelt. Herzog – Amt und Funktion
Stammesherzog: In der Merowingerzeit mächtigster Adeliger eines Stammes, dem es gelingt, alle anderen unterzuordnen und seine eigene Herrschaft im Stamm durchzusetzen: Rechtsprechung, Gesetzgebung, Einberufung zu den Hoftagen, eine Art »Vizekönig«.
Amtsherzog: Karl der Große bricht die Autonomie der Stammesherzöge durch Einsetzung von Männern seines Vertrauens: Amtsherzögen, denen er ihr Amt wie ein Lehen entziehen kann. Meist nicht im Stamm verwurzelte Stammesfremde, die als königliche »Beamte« fungieren. Wieweit ihnen die Grafen unterstellt sind, ist nicht zu klären.

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Info 18.01.2018 05:04
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