Schwache Könige – Kampf um die Führung

Der Niedergang der Karolinger führte gegen Ende des 9. Jahrhunderts im ostfränkischen Reich zu einer neuen Erstarkung der Stammesgewalten. Wieder traten Herzöge an die Spitzen der Stämme, um den Schutz vor äußeren Feinden zu übernehmen. In Schwaben und Franken rivalisierten mehrere Familien um die Macht. In Franken vernichteten die Konradiner die älteren Babenberger mithilfe der vormundschaftlichen Regierung und wurden damit ab 907 zur führenden Familie. Altes fränkisches Stammesgebiet lag auch links des Rheins und war durch die Reichsteilung von 870 dem Westfrankenreich zugefallen. Als Lothringen kehrte ein Teil davon wieder zum Reich zurück. Der Name weist dabei schon auf die Eigenart dieses Herzogtums hin. Es war ein Reichsteil ohne Stamm, war fränkisches Land, groß genug, um schon seit dem 10. Jahrhundert in zwei Herzogtümer aufgeteilt zu werden, die sich aber beide im Lauf der Zeit wieder aus dem Reichsverband lösten. Niederlothringen umfasste die heutigen Niederlande, einen Teil Belgiens und das heutige Mittel- und Niederrheingebiet. Oberlothringen war das Land zwischen Säone, Vogesen, Eifel und Maas, das jahrhundertelang eine Mittelstellung zwischen Frankreich und Deutschland einnahm. Die oberlothringischen Herzöge paktierten meist klug, neigten zeitweilig der einen und dann wieder der anderen Seite zu, bis das ganze Gebiet endgültig an Frankreich fiel. Gehörten zum fränkischen Stamm somit zwei und nach der Teilung Lothringens sogar drei Herzogtümer, so hatten die Thüringer gar kein Herzogtum. Nur kurze Zeit hatte im 5. und 6. Jahrhundert beiderseits der Saale ihr kleines Königreich bestanden, bis es von den Franken zerstört worden war. Danach fiel das Gebiet nördlich der Unstrut den Sachsen zu, östlich der Saale drangen Slawen in das Land, und der Süden kam zu Franken. Auch in den folgenden Jahrhunderten konnte keines der thüringischen Adelsgeschlechter die Herzogswürde dauerhaft gewinnen. Noch ehe sich die Sachsen nach ihrer blutigen Unterwerfung durch Karl den Großen richtig in das Frankenreich eingefügt hatten, brach dieses auseinander. Der Druck der Slawen auf die Stammesgrenze im Osten und beständige Angriffe der Normannen vom Norden her erzwangen Selbsthilfe und damit eine starke zentrale Stammesführung, die schließlich das Geschlecht der Liudolfinger übernahm. Als diese 1024 ausstarben, fiel das Herzogtum an die Billunger. Südlich der mainfränkischen Schranke behaupteten die beiden großen süddeutschen Stämme ihre zu Ausgang der Völkerwanderung erworbenen Wohnsitze, aus denen ebenfalls zwei Herzogtümer hervorgingen. Das alemannische Stammesgebiet vom heutigen Elsass bis zum Lech und vom schwäbisch-fränkischen Stufenland bis zum Engadin bildete das Herzogtum Schwaben, in dessen Mittelpunkt der Bodensee lag. Die Herzogswürde konnte dort keine Familie für längere Zeit behaupten, bis sie schließlich 1079 für zweihundert Jahre an das Geschlecht der Staufer überging. Anders in Baiern, das östlich des Lechs begann. Hier übernahm Arnulf die Würde eines Stammesherzogs von seinem Vater, dem Markgrafen Luitpold, der seine Hausmacht bei der Grenzsicherung enorm hatte ausbauen können. Im Zuge der Siedlungs- und Kolonisationspolitik wurde die baierische Nordgrenze bald über die Donau hinausgeschoben, und es umfasste im Südosten auch das heutige Kärnten und die Steiermark. Nicht in allen Altstämmen gelang es bestimmten Adelsfamilien, eigene Herzogtümer zu begründen. Das alte thüringische Stammeskönigreich war, wie wir schon hörten, von den Franken vernichtet worden. Der Stamm aber blieb in der Landgrafschaft Thüringen erhalten. Um 1130 wurden die Ludowinger zu Landgrafen erhoben. Ihre Macht verhinderte im hohen Mittelalter die Bildung neuer kleinerer Territorialfürstentümer auf thüringischem Boden. Schließlich siegten aber auch hier die dynastischen Veränderungen, und die Landschaft wurde zum Nebenland der obersächsischen Wettiner. Ähnliche politische Schicksale erlebte der Stamm der Hessen, der seine Herkunft wahrscheinlich von den schon bei Tacitus erwähnten Chatten ableitete. Die enge Nachbarschaft zu den Franken beeinflusste ihn politisch und kulturell, behinderte aber auch eine eigene politische Entfaltung. Ursprünglich Teil Frankens, sank das hessische Stammesgebiet schon im ausgehenden 10. Jahrhundert zu politischer Bedeutungslosigkeit herab, bis dann im Dreieck zwischen Werra und Eder und am Oberlauf der Lahn die Landgrafschaft Hessen entstand, die nicht nur den Stammesnamen bewahrte, sondern auch zur Keimzelle neuer Landesfürstentümer wurde. Auch die Friesen waren unter fränkische Herrschaft und fränkischen Einfluss geraten, bewahrten aber mit Erfolg ihre Stammeseigenarten und verwirklichten zumeist erfolgreich ihr Streben nach Unabhängigkeit. Ihr ausgeprägter Freiheitswille und ihr im gemeinsamen Deichbau gestärktes Zusammengehörigkeitsgefühl führten schließlich im hohen Mittelalter zur Gründung zahlreicher kleiner und kleinster Bauern- und Seefahrerrepubliken, oft nicht größer als eine Dorfgemeinschaft und geführt von sogenannten »Häuptlingen«. Trotz solcher Zersplitterung wussten sie sich erfolgreich gegen fürstliches Machtstreben zu wehren, aber zu Ende des Mittelalters fiel Westfriesland, das Land westlich der Ems, an Burgund und später an die Niederlande, der Norden ging in Schleswig-Holstein auf.

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Info 22.11.2017 17:30
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