Gotische Kunst des 13. Jahrhunderts

Grundriss und Gliederung des Innenraumes der Kathedralen des 12. Jahrhunderts stimmen weitgehend noch mit denen der romanischen Kirchen überein. Gegen Ende des Jahrhunderts verzichtete man bei einigen Kirchenbauten, deren bedeutendste die Kathedrale in Chartres ist, auf die mittlere Empore. Damit wurde Raum für hohe Arkaden und Lichtgaden geschaffen, die durch ein dazwischenliegendes Trifolium (im Mauerwerk ausgesparter schmaler Laufgang) getrennt wurden. Die Vergrößerung der Fensterzonen erforderte zur Ableitung des Gewölbeschubes eine zusätzliche Stützung, diese gab ein nach außen gelegtes Strebewerk (Strebepfeiler und -bogen), das fortan zu einem Merkmal französischer Kathedralen wurde. Das Erhabene und Einfache des Innenraumes in Chartres wird noch gesteigert durch das schlichte Kreuzrippengewölbe, das auf Säulen mit je vier angelagerten Diensten (dünne Viertel- bis Dreiviertelsäulen) ruht, die die vertikale Bewegung der Gewölbe bis zum Boden hin abführen. Chartres, wie Saint-Denis 50 Jahre früher, wurde zum Modell einer ganzen Reihe nordfranzösischer Kathedralen. In Reims legte man 1211 den Grundstein für die Kathedrale. Jedoch erfand der Reimser Baumeister eine neuartige Fensterbildung: Statt einer Gruppe von drei Öffnungen (zwei Lanzettfenster und eine Rose) wie im Lichtgaden in Chartres, behandelte er die Fenster als untergliederte Einheit, die die ganze Breite zwischen den Gewölbediensten einnimmt. Diese Neuerung, als »Maßwerk« behandelt, wurde von anderen Baumeistern übernommen und zum bleibenden Merkmal gotischer Architektur. Maß Werke sind mit dem Zirkel konstruierte Bauornamente, besonders für die Gestaltung des Bogenzwickels der Fenster. Europäische Entwicklungen
Unter der Regierung Philipps II. August (1165-1223) entwickelte sich Frankreich zur führenden Macht Westeuropas, unter seinem Enkel Ludwig IX. (1214-70) auch tonangebend in europäischer Kultur. Dieser französische Einfluss war so stark, dass selbst die außerhalb Frankreichs entstandenen größeren Kirchen wie die Kathedrale in Leon, Kastilien (Baubeginn um 1250), und der Kölner Dom (begonnen 1248) von französischen Bauwerken praktisch nicht zu unterscheiden sind. Nur England weicht von dieser Regel ab, die Westminsterabtei (begonnen 1245) bedient sich zwar auch des französischen Formenvorrats, verwendet sie aber nach eigenem Belieben – dabei hat sie mehr französische Merkmale als jede andere englische Kirche des 13. Jahrhunderts. Ein eindrucksvolles Beispiel für die englische Frühgotik, den sogenannten »Early-English« Stil, ist die 1192 begonnene Kathedrale in Lincoln. Eine breitgelagerte und durch Spitzenbogenblenden aufgelöste Westfassade stammt in ihrem Kern noch von einem normannisch romanischen Bau. Doch wird die massige Schwere durch schöne Wölbungen und Marmordienste an Wänden und Stützpfeilern gemindert. Die englische Vorliebe für kunstreich verschlungene Linienführung hat wenig gemeinsam mit der Strenge und Einfachheit zeitgenössischer französischer Bauten. Während der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts lernten die englischen Baumeister alles für sie Wissenswerte über die französische Gotik, bewahrten sich aber eine unverminderte Vorliebe für reiche Schmuckformen. Die Baumeister
Leider fließen die zeitgenössischen Quellen über die Bauhütten des 13. Jahrhunderts nur sehr spärlich. Ohne Zweifel hatten die Baumeister dieselbe Aufgabe zu erfüllen wie die Architekten späterer Zeit, sie hatten allerdings eine ganz andere Ausbildung und waren ursprünglich wohl eher Steinsetzer und nicht speziell als Baukonstrukteure ausgebildet. Diese Baumeister waren im Allgemeinen gut bezahlt, oft erwarben sie ein beträchtliches Vermögen. Die Bauleute wurden unterteilt in Steinmetze für die baukünstlerischen Teile und in Steinsetzer, die den Bau ausführten. Die Statuen wurden von spezialisierten Handwerkern hergestellt. Das Handwerkszeug war äußerst einfach. Für die verschiedenen Bearbeitungstechniken des Steins wurden nur gröbere oder feinere Meißel eingesetzt. Einfache Bauaufzüge waren in Gebrauch. Ein Holz kran blieb an seinem Standort am Kölner Dom bis ins 19. Jahrhundert erhalten, als die gewaltige Außenfront mit Hilfe des (ursprünglich auf Pergament gezeichneten) Entwurfes vollendet wurde. Dieser hatte wahrscheinlich den Kirchenbehörden zur Begutachtung vorgelegen. Arbeitszeichnungen wurden im Allgemeinen in der Bauhütte in natürlicher Größe auf Brettern oder auf Gipsböden angefertigt. Dekorationsformen
Farbige Kirchenfenster gab es schon im 9.1 10. Jahrhundert. Noch erhaltene Fenster in Saint-Denis und in Chartres stammen aus dem 12. Jahrhundert. Während der Gotik blieb die Glasmalerei für die Innenausstattung am wichtigsten. Etwa um 1250 machten das dominierende Blau und Rot des frühen 13. Jahrhunderts einer größeren Vielfalt von Farben Platz. Die mit Skulpturen geschmückten Portale des 13. Jahrhunderts bewahrten im Allgemeinen die grundlegende Form des 12. Jahrhunderts, aber sie wurden – wie die Kathedralen selbst – immer größer. Auf die Darstellung der Gottesmutter Maria, ein Ausdruck der Verehrung der Hl. Jungfrau, legte man besonderen Wert, sie erscheint – neben Johannes – in den Weltgerichtsszenen vor Christus als Fürsprecherin der Menschheit. Den Gestaltungsprinzipien der gotischen Architektur entsprechend, tritt in der Plastik der Körper hinter den Gewandfalten zurück.

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Info 18.11.2017 13:07
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