Der Feudalismus

Im frühen Mittelalter gab es in Europa noch keine speziellen Institutionen für die Wahrnehmung von Verwaltungs- und Ordnungsaufgaben. Die einzigen stabilen Elemente dieser Gesellschaft waren der Familienverband und der Verband aus Herr und Krieger. Letzterer wurde Ursprung des Feudalismus, des Gesellschaftssystems im fränkisch-abendländischen Raum im 11. und 12. Jahrhundert. Der Krieger, den seine Standesethik zur absoluten Treue gegenüber dem Herrn verpflichtete und der dafür von ihm Schutz und Lohn empfing, wurde schon im angelsächsischen Heldenepos »The Battle of Maldon« um 1000 besungen. Dort heißt es: »Er warf sich auf die Seeräuber (Wikinger) und übte Rache an ihnen, die seines Gold gebenden Herrn würdig war, bis ihn selbst der Boden aufnahm.« Das Lehnswesen
Die Begriffe Lehnsmann und Lehnsherr bezogen sich ursprünglich nur auf das gegenseitige Treueverhältnis, bald aber auch auf Besitzverhältnisse. Der Erwerb von Grund und Boden als absolutes Eigentum war im Mittelalter nicht üblich, der König oder sonstige Landesherr vergab Land nur als Lehen (Feudum), d. h. gegen Verpflichtungen, die meist in Kriegsdiensten bestanden. Ein Lehensnehmer konnte das Lehen im ganzen oder geteilt wiederum weiter verleihen. Ein Lehnsmann war oft durch Treueide an mehrere Lehnsherrn gebunden, die auch sozial unter ihm selbst stehen konnten. Es gab keine hierarchisch gestufte »feudale Pyramide«, sondern nur ein komplexes Netz von Lehensverhältnissen. Dennoch wird die Epoche zwischen 950 und 1250 Zeitalter des Feudalismus genannt, denn sie war zumindest in Westeuropa und im Palästina der Kreuzfahrer geprägt vom Repräsentanten des Lehnswesens, dem Ritter. Dieser Stand adeliger Berufskrieger stellte hohe Ansprüche an seine Mitglieder: Alle Ritter mussten die Technik des Kämpfens zu Pferde beherrschen, sie unterlagen einem strengen Sittenkodex. Die Verwirklichung der ritterlichen Tugenden – Tapferkeit, Treue, Maß und Minne – hatte ihr vornehmstes Anliegen zu sein. Die Überlegenheit des berittenen Kriegers hing mit der Einführung von Hufeisen und Steigbügeln zusammen, Erfindungen, die um 750 aus Asien nach Europa vorgedrungen waren und den Reiter befähigten, in vollem Galopp die Lanze gegen den Feind zu führen, ohne selbst beim Zusammenprall aus dem Sattel gehoben zu werden. Allerdings waren Pferde bis 950 noch eine Seltenheit, die Erfolge Karls des Großen sind teilweise darauf zurückzuführen, dass die Franken schon verhältnismäßig viele Reittiere besaßen. Der soziale Aufstieg des Ritterstandes
Nach 950 stieg die Zahl der Pferde rasch, 100 Jahre später entschieden die berittenen Krieger – die Ritter – den Ausgang der Schlachten und Kriege. Wegen der kostspieligen Ausrüstung und des langen Trainings nahmen sie aber weiterhin eine Sonderstellung ein, die bald zur Ausbildung eines Korpsgeistes führte. Erst der »Ritterschlag« bestätigte fortan die Zugehörigkeit zu diesem neuen Stand. Die Dienstverhältnisse zwischen den Rittern und ihren Herren konnten sehr unterschiedlich sein. Der junge Ritter wurde meist Mitglied im Haushalt eines großen Grundherrn, der ältere verdingte sich häufig an den meistbietenden Herrn. Eine dritte Form war die des »Ritterdienstes«: Gegen ein Lehen verpflichtete sich der Ritter, bei festgelegten Anlässen oder zu bestimmten Zeiten für seinen Lehnsherrn Kriegsdienst zu leisten. Der Ritterdienst wurde die wichtigste Pflicht eines Lehensinhabers. Die typische Kriegstechnik der Ritterheere war der Angriff in geschlossener Formation, sie wurde während des 1. Kreuzzuges angewendet. Als Berufskrieger musste der Ritter aber auch Verteidigungstechniken aller Art beherrschen. Die wichtigste war die Anlage von Burgen, die sich vom einfachen Turm (Bergfried) im 11. Jahrhundert zur befestigten Anlage des 13. Jahrhunderts entwickelten. Rittertum und Grunderwerb
Jeder Ritter musste bereit sein, das Christentum gegen die muslimischen Sarazenen zu verteidigen. Die geistlichen Ritterorden (Johanniter, um 1050 gegründet, Templer, 1119 gegründet, Deutscher Orden, 1190 gegründet) verlangten außer Tapferkeit auch Keuschheit. Einige Ritter nahmen bei ihren Lehensherrn hohe militärische Ämter ein (z. B. als Stallgraf, also als Befehlshaber der Reiterei). Alle übrigen übten das Kriegshandwerk nur wenige Jahre aus und bemühten sich bald um eigenen Grundbesitz (als Lehen). Auf diesem Besitz errichteten die Ritter dann ihren Wohn- und Wehrturm, den Vorläufer der Burg. Im Erdgeschoss solcher Türme lag fast immer ein Vorratsraum, darüber befand sich der einzige Wohnraum, der zugleich als Schlafraum diente. Der Ritter hatte über Land und Leute seines Lehens gewisse dingliche und persönliche Rechte. Das Aufkommen der Dreifelderwirtschaft setzte eine genossenschaftliche Ordnung und weitgehende Selbstständigkeit der bäuerlichen Gemeinde voraus, die jedoch durchaus mit einer gewissen, recht unterschiedlich gestalteten Abhängigkeit vom Grundherren vereinbar war. Der Ritter hatte Verpflichtungen gegenüber den Bauern: Er musste ihnen vor allem militärischen Schutz gewähren und sie in Notzeiten unterstützen. Der Feudalismus verband den Bauern mit dem Lehnsherrn und, über diesen Lehnsherrn, mit dem Inhaber der obersten Gewalt, dem König, obwohl die Ritter im 14. Jahrhundert an sozialem Prestige und militärischem Wert verloren, wirkte das Ritterideal in der europäischen Kultur noch über Jahrhunderte bis in unsere Epoche fort.

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Info 14.12.2017 16:05
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