England unter den Normannen und Plantagenets

Die Normannen veränderten zwischen 1050 und 1100 von der nordfranzösischen Küste aus die politische Lage in Europa. Sie eroberten England und Süditalien, siedelten in Schottland und Wales, errichteten Stützpunkte im Byzantinischen Reich und in der Levante (nach dem 1. Kreuzzug). Dieses außergewöhnlich tatkräftige und erfolgreiche Volk bestand aus einer Gruppe von eng zusammenhängenden Familien, die von den Wikingern abstammten. Ihre Kavallerie wussten sie im Krieg geschickter einzusetzen als alle ihre Zeitgenossen. Sie waren ihrem Herrscher treu ergeben, Herzog Wilhelm I. (um 1027-87), der bedeutendste Heerführer seiner Zeit. Die Eroberung Englands
Die wichtigste Leistung der Normannen war die Eroberung Englands, das wegen seiner hoch entwickelten Kultur, seiner blühenden Wirtschaft und seines großen Wohlstands bei den Glücksrittern Europas rechte Begehrlichkeit erweckt hatte. Bereits vor 1066 hatten sich Normannen auf den britischen Inseln festgesetzt, aber erst der Ehrgeiz Wilhelms, ein Abenteurer wie fast alle Normannen, machte England zu einem normannischen Königreich. Die Invasion von 1066, mit der Wilhelm angeblich nur seine Ansprüche als Erbe von König Eduard, dem Bekenner (um 1002-66), durchsetzen wollte, war in Wirklichkeit ein Raubzug der Normannen, um Besitz und Reichtum zu erlangen. Nach dem knappen Sieg bei Hastings teilte der König die eroberten Gebiete unter seinen normannischen Baronen auf, besetzte die geistlichen und weltlichen Güter mit Normannen und baute ein straffes, ganz von der Krone abhängiges Lehenssystem auf, das keine Territorienbildung zuließ. Wilhelm vergab Land gegen die Verpflichtung zum Heeresdienst. Eine Reihe gewaltiger Burgen – z. B. der Tower in London, Wallingford und Colchester – bezeugen noch heute die strategische Begabung und die Geschicklichkeit der Normannen im Festungsbau, sie wussten aber auch mit gewaltigen Sakralbauten zu beeindrucken. Die Verwaltung wurde neu geordnet: 1086 ließ Wilhelm das »Domesday Book« in Angriff nehmen, es erfasste den gesamten englischen Grundbesitz und wurde zur Grundlage für die Besteuerung des Landes. Schließlich veränderten die Normannen England noch insofern, als sie die Kirchensprengel neu ordneten. Normannenherrschaft
Als Wilhelm I. 1087 starb, wurden England und die Normandie von seinen Söhnen Wilhelm II. Rufus (Regierungszeit 1087-1100) und Robert Kurzhose von der Normandie aus zunächst getrennt regiert. Aber innerhalb weniger Jahre waren die beiden Länder wieder unter einem einzigen Herrscher (Heinrich I., 1086-1135) vereint. Das Normannenreich blieb unter ihm und seinen Nachkommen bis 1204 ein Ganzes. Für die großen normannischen Familien blieb England ein koloniales Paradies, Heimat die Normandie. Selten war die Geschichte Englands so eng mit dem Kontinent verflochten, selten hatte der Kontinent so kräftigen Einfluss auf die englische Kultur: Engländer wie Adelard von Bath und Johannes von Salisbury trugen zur Erneuerung der Wissenschaften in Europa entscheidend bei. Die großen englischen Kathedralen, von Durham zu Beginn bis Canterbury am Ende des 12. Jahrhunderts, wurden von französischen Baumeistern errichtet. Ein englischer Gelehrter, Nicholas Breakspear, war der erste und einzige Engländer (als Hadrian IV., 1154-59) auf dem päpstlichen Thron. Normannisch-Französisch blieb drei Jahrhunderte lang die Sprache des englischen Hofes und der Gesellschaft und hat sich stark auf das Mittel-englische ausgewirkt. Englands wachsender Wohlstand
Unter den Normannen setzte sich der für die Zeit beispiellose Wohlstand Englands fort, der zum guten Teil auf der Schafzucht beruhte. England war der Hauptlieferant von Wolle für die flämische Textilindustrie. Viele Grundeigentümer, besonders die Klöster, besaßen riesige Ländereien. Als fortschrittliche Landwirte erschlossen sie Moore und das Hügelland von Yorkshire. Englische Städte wie Norwich, Oxford und Salisbury entwickelten sich rasch, meist um Bischofssitze und Schlösser. Blühende landwirtschaftliche Märkte erhielten Sonderrechte, erste Ansätze für eine Selbstverwaltung der Zünfte entwickelten sich. Das normannische England wurde auch bemerkenswert fortschrittlich und effektiv verwaltet. Eine Reihe umsichtiger Monarchen bemühte sich, Englands Hilfsquellen zweckmäßig einzusetzen. Heinrich II. von Anjou (Regierungszeit 1154-89) stellte die königliche Zentralgewalt gegenüber den Baronen wieder her, er beanspruchte das Verfügungsrecht über kirchliches Eigentum und die Gerichtsbarkeit über die Geistlichkeit. Er wusste auch den richtigen Mann an den richtigen Platz zu stellen. In seinem Dienst wurden die Gesetze den neuen Erfordernissen angepasst, das Schatzamt als zentrale Finanzbehörde, Schwur- und Zivilgericht entstanden. In seinem letzten Regierungsjahr kam es zu einer Reihe von Aufständen, die den Zerfall des England und den größten Teil Frankreichs umfassenden Reiches einleiteten. Nach dem Tod Heinrichs II. wurde das Reich zwar noch durch das militärische Genie seines Sohnes Richard I. Löwenherz (Regierungszeit 1189-99) zusammengehalten, sein Bruder Johann (1167-1216), dem diese Begabung fehlte, verlor das Reich innerhalb von fünf Jahren. Im Jahr 1204 war England wieder ein gesondertes Königreich, wenn auch eineinhalb Jahrhunderte Herrschaft der Normannen und Plantagenets deutliche Spuren hinterlassen hatten.