Gotische Kunst des 14. Jahrhunderts

Vom Ende des 13. bis zum Ende des 14. Jahrhunderts vereinigten sich Anmut und Naturalismus sowohl in der Architektur wie in den dekorativen Künsten. Im französischen Rayonnant mit seiner Vorliebe für Fensterrosen mit strahlenförmigem Maßwerk war diese Verbindung zum ersten Mal realisiert worden. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts entstanden immer größere Bauwerke. In London lieferte der umfängliche Neubau des Ostabschlusses der St.Paul's Cathedral (1256-1328) Anregung für eine Reihe von Kathedralen. Kapitelle, Bossen (Zierknöpfe) und Konsolen (Tragsteine für Mauerdienste) erhielten reiche Verzierungen: Deshalb bekam diese Stilepoche den Namen Decorated style. Bauen mit Holz
Eindrucksvolle Wirkungen wurden durch die Verwendung von Holz erzielt. Das Hauptschiff der Kathedrale von York (1291-1345) erhielt ein Holzgewölbe, das als Vorbild für spätere europäische Netzgewölbe gedient haben könnte. Die Anregung dazu, die später in Ely bei Cambridge weiterentwickelt wurde, hat vielleicht das Kapitelhaus in York gegeben, das ohne Mittelpfeiler auskam. Erstmals wurden um das Jahr 1250 beim Bau der Kathedrale von Reims die Fenster mit Maßwerk gefüllt. Die Technik der Maßwerkfüllungen kam bald nach England, sie harmonierte gut mit den vereinfachten Linien des Perpendikular style der englischen Spätgotik (Chor und Mittelschiff der Kathedrale von Canterbury). Maßwerk wurde sogar in Gewölben angebracht: zuerst vermutlich in Tewkesbury. Im Rayonnant-Stil des 13. Jahrhunderts entstand auch auf dem Kontinent eine Architektur mit immer größeren Ausmaßen: Beauvais, die größte aller Kathedralen, hatte einen Chor mit einer Höhe von 48 m (er stürzte jedoch schon 1284 ein). Der Kölner Dom ist fünf schiffig, für Straßburg waren an der Westfassade zwei Türme mit Helmen geplant – einer wurde allerdings nur ausgeführt. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts konnte es Frankreich nicht mehr mit dem Erfindungsreichtum Deutschlands und Böhmens aufnehmen. Die beherrschende deutsche Baumeisterfamilie waren die Parlers, der vermutliche Stammvater der Familie, Heinrich d. Ä. war am Dom zu Köln tätig. Die von ihm entworfene Heiligkreuzkirche in Schwäbisch Gmünd (begonnen 1351) gehört zu den Gründungsbauten der deutschen Gotik. Sie wurde Vorbild für die großen Hallenkirchen Süddeutschlands: Kirchen mit mehreren Schiffen, deren Gewölbe (im Gegensatz zur Basilika) gleich hoch sind. Belichtet werden sie durch große Fenster in den Seitenschiffwänden. Den Hauptmeister der Familie, Peter Parier (1330-99), rief Kaiser Karl IV. 1353 nach Prag an den St.-Veits-Dom, er bestimmte den deutschen Gewölbebau bis zum Ausgang der Gotik. Auch als Bildhauer beispielgebend, hat er die Ausbildung der deutschen Sondergotik entscheidend geprägt. Entwicklungen in Italien
Italienische Baumeister versuchten die gotischen Raum- und Dekorationsvorstellungen des Nordens auf die romanische Bautradition zu übertragen. Die Ergebnisse waren meist malerisch, technisch aber oft unzureichend. 1296 wurde der Florentiner Dom begonnen, 1367 war die Vierung erreicht. Niemand wusste dann aber, wie man den riesigen Raum überkuppeln könne, erst Brunelleschi (1376-1446) löste zwischen 1420 und 1436 die Aufgabe. Der Dom von Siena spiegelt Stolz und Wohlstand seiner Bürger wider. In Bologna blieb der Dom San Petronio unvollendet, der Dom von Mailand, 1386 begonnen, wurde erst 1858 fertiggebaut. Eindrucksvoller waren die Leistungen Italiens in der Plastik. Während im übrigen Europa Skulpturen meist architekturgebunden blieben, werden in Italien die Gestalten mehr als Rundplastiken geschaffen. Mit Niccolo (um 1225 bis um 1283) und Giovanni Pisano (um 1250 bis nach 1314) sowie Arnolfo di Cambio (um 1245-1302) wurde im 13. Jahrhundert die Plastik eigenständiges Kunstwerk. Entwicklungen in der Malerei
Im Unterschied zur Architektur haben nur wenige Zeugnisse der nordeuropäischen Malerei überdauert. In der Gotik, die die Fläche beschränkt, hatte das in der Romanik dominierende Fresko keinen Platz mehr. Das vergeistigte Schönheitsideal tritt durch Vermischung von naturalistischen und idealistischen Elementen im Tafelbild und in der Glas- und Miniaturmalerei hervor. Die Psalterien, private Andachtsbücher, werden mit Zeichnungen und Bildern ausgestattet. Die Miniaturmalerei erlebt in Burgund und den Niederlanden einen Höhepunkt, sie wird Voraussetzung für das Tafelbild, das im 14. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Entwicklung des Altars immer anspruchsvoller wird. Italien hatte die gotischen Architekturformen nur teilweise übernommen, hier war die Tradition der Monumentalmalerei ungebrochen. Coppo di Marcovaldos (nachweisbar 1225-74) Madonnen in Siena (1260) und Orvieto (um 1265) sind noch im herkömmlichen, byzantinischen Stil gemalt. Cimabues (1240/50- nach 1302) »Santa-Croce-Kruzi-fix« (1283) zeigt Verständnis für die Anatomie und Freude an der Transparenz der Drapierung, in seinen Fresken in Assisi (um 1280) experimentiert er erstmals mit der Perspektive. Ambrogio Lorenzetti (gest. 1348, Fresko in der Kirche San Francesco, Siena) und Giotto (um 1266-1337) ebnen dann der Hochgotik endgültig die Wege (Fresken der Arenakapelle in Padua, zwischen 1303-10), indem sie die Tradition des byzantinischen Formenkanons überwinden.

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Info 18.12.2017 00:08
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