Die Wikinger

Im späten 8. Jahrhundert überfielen und plünderten heidnische Skandinavier, die Normannen oder Wikinger, die Küsten Westeuropas. Ein verbesserter Schiffsbau und zunehmende Bevölkerungszahlen in ihrer skandinavischen Heimat waren Ursache dieser Expansion. Die Wikinger plünderten ungeschützte, reiche Klöster, töteten die wehrlosen Mönche oder machten sie zu Sklaven. Ihrem ersten, überraschenden Überfall fiel das Kloster zum hl. Cuthbert auf der Insel Lindisfarne vor der Ostküste Northumberlands im Jahr 793 zum Opfer. Die Kolonisierung Britanniens
Einige dieser Skandinavier suchten auch nach neuen Siedlungsgebieten. Gräber in Schottland, auf den Hebriden, den Shetland- und Orkneyinseln sowie der Isle of Man enthielten Waffen und Hausgeräte, Beigaben nach heidnischem skandinavischen Brauch. Aus diesen Funden kann man auf eine allmähliche, um 700 einsetzende Besiedlung dieser Gebiete schließen. Um 860 begannen die Wikinger, sich in England niederzulassen. Die Überfälle hörten allmählich auf. 885 erzwangen dänische Wikinger die Abtretung angelsächsischen Landes nordöstlich der Linie London-Chester. Weitere normannische Herrschaftsbereiche entstanden in Ostanglia und in den Midlands. Gegen Mitte des 10. Jahrhunderts hatten die einheimischen Fürsten dieses Gebiet zurückerobert, jedoch war im frühen 11. Jahrhundert ganz England wieder im Besitz der Wikinger: 1016-42 beherrschten der Däne Knut der Große (etwa 994-1035) als König mit seinen Söhnen ganz England. Die skandinavischen Niederlassungen in Schottland und auf der Isle of Man bestanden bis in das 13. Jahrhundert (auf den Orkneys und den Shetlands sogar bis in das 15. Jahrhundert). In Irland setzten sich die Wikinger an der Ostküste fest und gründeten eine Reihe von Städten (als wichtigstes Dublin). Im 9. Jahrhundert suchten sie auch wiederholt das Fränkische Reich heim, sie drangen auf ihren Beutezügen – die großen Flüsse aufwärts – bis tief ins Binnenland ein. Sie verwüsteten neben anderen großen Orten Rouen, Paris und Hamburg. Die Plünderungen und Verwüstungen ließen erst Ende des 9. Jahrhunderts nach, als die Normannen mit der stückweisen Besetzung der nach ihnen benannten Normandie begannen. Von Karl III. erhielt der Wikinger-Herzog Rollo 911 diese als französisches Kronlehen. Auf der Suche nach Siedlungsland erforschten die Wikinger auch den Nordatlantik. Sie besetzten die so gut wie unbekannten Färöer, 784 fassten norwegische Wikinger auf Island Fuß, 786 an der Westküste Grönlands. Dort gründeten sie zwei größere Siedlungen. Um 1000 landeten sie auch an der Küste Nordamerikas, was archäologisch nachgewiesen ist. 1016 kamen den Langobarden in Unteritalien Normannen aus der Normandie gegen die Sarazenen zu Hilfe. Ab Mitte des 11. Jahrhunderts eroberten die Normannen ein eigenes Reich, das schließlich unter Roger II. (um 1095-1154) ganz Unteritalien und Sizilien umfasste. Osteuropa
Auch Osteuropa kam unter den Einfluss der Wikinger. Schon seit römischer Zeit trieben sie von der Ostsee aus über die großen russischen Flüsse vereinzelt Handel mit dem östlichen Mittelmeer. Schwedische Wikinger, die Waräger, gründeten in der Mitte des 9. Jahrhunderts im Wolchowgebiet einen Herrschaftsbezirk unter ihrem Führer Rurik (gest. 879). Gegen Ende des 9. Jahrhunderts errichteten diese Skandinavier um Kiew ein Reich, das in enge Beziehung zu Konstantinopel trat. Den Binnenwasserweg vom Ladogasee über die Flussläufe Wolchow und Dnjepr zum Schwarzen Meer nach Konstantinopel beherrschten die Skandinavier vom 9.-11. Jahrhundert weitgehend. Handel und Wirtschaftsorganisation
Die wichtigsten Ausfuhrgüter der Skandinavier waren Pelze, Honig und Sklaven, die Haupteinfuhrgüter Silber, Gewürze und andere Luxusgüter. Der Umfang dieses Handels lässt sich daran erkennen, dass in Wikinger-Fundstätten in Gotland und Schweden nach Schätzungen bisher etwa 40 000 arabische Münzen (vor allem samanidische Prägungen) gefunden wurden. Vom Handel erzählen in Schweden lange Runeninschriften auf Steinen. Einige beziehen sich auf Handelsunternehmungen und stellen die Anwesenheit der Skandinavier in Russland als im Allgemeinen friedlich dar. Andere aber berichten mehr von kriegerischen Episoden einer militärischen Expedition nach Arabien zum Beispiel oder von skandinavischen Söldnern in Russland oder Byzanz. Oströmische literarische Quellen bestätigen, dass Skandinavier in der Leibgarde des Kaisers dienten. Die Wikinger gründeten auch in Skandinavien Städte, die sie zu Handelszentren ausbauten wie Birka am Mälarsee (Schweden) und Haithabu an der Schlei (Schleswig). Die Beziehungen der Wikinger zu anderen Ländern sind sowohl durch Ausgrabungen in diesen Städten als auch durch schriftliche Berichte von Reisenden zweifelsfrei belegt. Der Wikinger dieser Zeit war jedoch im Grunde Bauer – selbst Händler und Piraten fuhren hauptsächlich nur im Sommer zur See. Das Bild der Wikinger als Mordbrenner und Seeräuber ist vor allem durch Priester überliefert, die in ihren Chroniken von den Plünderungen ihrer Klöster durch die Normannen berichten. Da diese Menschen Heiden waren, konnte man ihnen auch jede Gemeinheit, jeden Gräuel anhängen. Als im 10. Jahrhundert die Skandinavier allmählich zum Christentum bekehrt wurden, hat man sie in den Chroniken auch günstiger dargestellt.

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Info 18.12.2017 00:12
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