Die Dichtung des Mittelalters

Latein war die gemeinsame Sprache des europäischen Mittelalters und wurde in philosophischen, theologischen, juristischen, historischen und auch erzählenden Schriften ausschließlich benutzt. Der Reiz mittelalterlicher Dichtung liegt jedoch gerade in der Ausbildung einer Volkssprache. Von Epos zum Roman
Mythos und Epik der Germanen und der skandinavischen Völker wurden anfangs nur mündlich weitergegeben, öfter wurde wohl die aktuelle »historische« Begebenheit sofort zum Stoff der Sage gewählt, so z. B. in der angelsächsischen Dichtung »The Battle of Maldon« , in der die berühmte Schlacht gegen die Dänen (991) zum Thema genommen wurde. Der »Beowulf« (wahrscheinlich um 700 von einem Mönch verfasst, die Handschrift im Britischen Museum entstand frühestens im 10. Jahrhundert) dagegen war aus der schriftlich fixierten Version eines altgermanischen Epos über die Tötung eines Drachens hervorgegangen, ebenso wie die nordischen Bearbeitungen der »Edda«. Vom 11. Jahrhundert an mengen sich die heimischen mit anderen literarischen Traditionen. Lyrische, allegorische, erotische und rein epische Momente aus den wiederentdeckten, griechisch-römischen Überlieferungen werden nun unterlegt und eingeschoben, doch immer wieder bricht die romantische Sehnsucht nach nicht-klassischer Vergangenheit durch. Die »Artus-Sage« durchdringt die ganze mittelalterliche Literatur, noch Thomas Malory (um 1408-71) schildert in »Le Morthe Darthur« (Der Tod Arthurs, 1469) die legendären Taten um König Artus und seine Tafelrunde: ein aus dem römisch-keltischen Britannien stammender Sagenstoff. Anfang des 12. Jahrhunderts wird das französische »Chanson de geste« zum einflussreichen literarischen Muster – wie etwa beim »Rolandslied«, einer altfranzösischen Epos-Tradition, die auf der Heroisierung der Niederlage Karls des Großen gegen die Araber in der Schlacht von Roncesvalles (778) aufbaut. Auch hier handelt es sich um die Überführung von Geschichte in literarische Epik. Ein Epos dieser Art ist auch »El Cid« (Mitte 12. Jahrhundert), das Epos der Spanier um den kastilischen Granden der Reconquista. Der berühmteste Vertreter der Gattung ist jedoch der französische Dichter Chretien de Troyes (vor 1150 bis vor 1190), dessen Epen »Erec et Enide«, »Cliges«, »Lancelot«, »Yvain« und »Perceval« sämtlich die Ritter um König Artus zu Helden haben. Bei ihm, dem erfolgreichen Bearbeiter bretonischen Sagengutes, verbindet sich provenzalischer Frauendienst mit den Idealen des Rittertums und abenteuerlicher Phantastik. Seine Dichtungen waren von Einfluss auf die Epen der deutschen Dichter Hartmann von Aue (um 1165- nach 1210), Wolfram von Eschenbach (um 1170- um 1220) und Gottfried von Straßburg (um 1200). Der spätere »Roman de la Rose« (Rosenroman), das allegorisch-emblematische Riesenwerk aus dem 13. Jahrhundert, war dagegen mehr eine Parodie lateinischer Liebesdichtung, der noch spätere, auch anonyme mittelenglische »Sir Gawain and the Green Knight« (Sir Gawain und der Grüne Ritter) ist dagegen wieder ein ritterlicher Versroman aus dem 14. Jahrhundert. Unterdessen war bei den Troubadours in der Provence (z. B. Bertrand de Born, um 1140 bis vor 1215) und den deutschen Minnesängern (z. B. Walther von der Vogelweide, um 1170 bis um 1230, und Oswald von Wolkenstein, (1377-1445) eine neue höfische Liebeslyrik entstanden, sie stellt unter Ausnutzung aller formalen Möglichkeiten eine intellektuell kultivierte, geradezu aufgeklärte erotische Poesie und damit einen Höhepunkt der mittelalterlichen Kultur dar. Musik und Theater
Das Minnelied bezeichnet auch den Schnittpunkt zwischen den Entwicklungen der mittelalterlichen Literatur und Musik. Stand im frühen Mittelalter die Musik noch weitgehend im Dienst der kirchlichen Liturgie – in erster Linie vom Gregorianischen Choral bestimmt -, so kam im 11. Jahrhundert die entscheidende Neuerung mit der Polyphonie, dem Nebeneinander von zwei oder mehr harmonisch in sich verknüpften Stimmen. Voll ausgebildet findet sich diese Technik bereits in der Schule von Notre-Dame zu Paris, wo im 12. Jahrhundert Komponisten wie Leoninus (Leonin) oder Perotinus (genannt Perotinus Magnus) schöpferisch tätig waren. Die Kirchenmusik hatte auch in die mehr und mehr dramatischen Ausführungen der Oster- und weihnachtsmesse Eingang gefunden. Als solche Dramatisierungen dann auch noch aus der Kirche ins Freie verlegt wurden, waren Mysterienspiel und Moralposse des späten Mittelalters geboren. Sieg der Volkssprache
Bis zum 14. Jahrhundert ist der Durchbruch der Sprachen des modernen Europa abgeschlossen. In Italien war schon am sizilianischen Hof Kaiser Friedrichs II. durch die Verschmelzung des Italienischen mit der provenzalischen Dichtung eine neue italienische Literatursprache entstanden. Ähnlich entwickelte sich die Sprache in Nordfrankreich (Rutebeuf, 1230-85, Eustache Deschamps, um 1346 bis um 1406, Charles d?Orleans, 1391-1465). Gleichzeitig aber treten mit der Renaissance Dichter wie Francesco Petrarca (1304-74) auf, die italienisch und lateinisch schreiben, doch entscheidend werden für die Zukunft vor allem »Canterbury-Tales« von Geoffrey Chaucer (um 1343-1400) und »II Decamerone« von Giovanni Boccaccio (1313-75). Vorausgegangen war die »Divina Commedia« des Dante Alighieri (1265 – 1321), eine imaginäre Reise durch Hölle, Fegefeuer und Himmel.

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Info 26.09.2017 - 00:19
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