Gotische Kunst zwischen 1140 und 1200

Mit Gotik bezeichnet man den Stil der europäischen Kunst von der Mitte des 12. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. Der Ausdruck »gotisch« stammt aus dem Italienischen: gotico = »von den Goten stammend«, »barbarisch«. Diese geringschätzige Bezeichnung wurde von den Kunstgeschichtsschreibern Vasari (1511-74) und Ghiberti (1378-1455) eingeführt. Sie hielten vor allem die Architektur der Zeit für so barbarisch, dass sie diese nur den Goten zuschreiben mochten, die im 5. Jahrhundert das klassische Rom zerstört hatten. Die Gotik in Nordfrankreich Am klarsten und eindrucksvollsten zeigt sich der gotische Stil in der Baukunst, vor allem in den großen Abteikirchen und Kathedralen, an deren Bau alle künstlerischen Kräfte der Zeit zusammenwirkten. Bereits im 11. Jahrhundert sind in der normannischen Architektur Vorstufen der Gotik erkennbar. Der romanische Kirchengrundriss wurde von den frühgotischen Baumeistern übernommen, aber sie entwickelten sowohl Architekturstil als auch Bautechnik zu etwas völlig Neuem, das von den klassischen Traditionen der Antike unabhängig ist. In den ersten 30 Jahren des 12. Jahrhunderts entfaltete sich die gotische Architektur ausschließlich in Frankreich, verbreitete sich aber am Ende des Jahrhunderts, wenn auch durch Eigenarten der einzelnen Länder abgewandelt, über ganz Europa. Diese Ausbreitung steht nicht nur mit der neuen Ästhetik und der technischen Überlegenheit der neuen Architektur in Zusammenhang, sondern auch mit dem Aufstieg Frankreichs zu einer politischen und kulturellen Macht. In der Abtei Saint-Denis im nördlichen Vorortbereich von Paris Heß Abt Suger (um 1081-1151) den Chor der Abteikirche in gotischem Stil neu erbauen – eine modische Neuerung, die sich in Europa durchsetzte. Was den Chor von Saint-Denis (1140 begonnen, 1144 geweiht) von früheren Bauwerken unterscheidet, lässt sich von einer einzigen technischen Neuerung ableiten, nämlich von der Verbindung von Kreuzrippengewölben mit Spitzbogen. Beide wurden von älteren Bauwerken übernommen: das Kreuzrippengewölbe von der normannischen Kirche in Lessay (begonnen 1100), die Spitzbogen von der burgundischen Abtei Cluny (begonnen 1090). Rippengewölbe und Strebewerk
Halbkreisförmige Rippenbogen, wie sie in Lessay Verwendung fanden, hatten den Nachteil, dass sie nur so hoch wie ihr Radius sein konnten. Während zwei Unterstützungspunkte nur durch einen einzigen möglichen Halbkreisbogen verbunden werden können, lassen sich Spitzbogen in unzähligen Varianten, mehr oder minder steil oder stumpf, über zwei Widerlagern errichten. Sie machten es möglich, Bogen von verschiedener Spannweite zur gleichen Höhe hinaufzuziehen. Die Lasten des Gewölbes werden von Rippen übernommen, die ihren Druck zu den Pfeilern hinleiten, die von dem auf die Außenseite gelegten Strebewerk gestützt werden. Das bietet bautechnische Vorteile, nur für den Bau der relativ leichten Rippen brauchte man ein Lehrgerüst. Zwischen das Traggerüst der Rippen wurde die lastende Gewölbeschale als Membran (Kappe) eingespannt. In einer Verbindung von Rippengewölben mit Spitzbogen, deren Höhe ohne Rücksicht auf die Spannweite gleich bleibt, legte der Baumeister von Saint-Denis gleichmäßig hohe Gewölbe über eine Abfolge von Grundrissen verschiedener Größen und Formen. Pfeiler und weiträumig gesetzte Arkaden im Innenraum sowie Strebepfeiler und Strebebogen am Außenbau befreiten die Wände von ihrer tragenden, die Statik des Gebäudes aufrecht erhaltenden Funktion. Konsequent wird der Raummantel aufgelöst, die Tendenz, das Mauerwerk auf immer kühnere Skelettkonstruktionen zu reduzieren, ist hier, bei diesem ersten gotischen Bau in Saint-Denis, schon deutlich. Die Wände, von ihrer gewichttragenden Funktion befreit, öffnen sich als ein nur von Pfeilern unterbrochenes Band von Fenstern. Die Kathedrale in Laon
Saint-Denis wurde sogleich zur Anregung für eine ganze Reihe nordfranzösischer Kathedralen für die Laon, begonnen um 1170/80, in vieler Hinsicht das klassische Beispiel darstellt. Der langgestreckte, dreischiffige Bau gliedert sich im Innern über vier Geschosse. Die Wände sind in Arkaden, Emporen, Trifolien (ein in der Wand ausgesparter Laufgang, der sich zum Mittelschiff in Bogenstellungen öffnet) und Obergaden (Fensterzone) mit großen, maßwerkgefüllten, farbigen Glasfenstern aufgelöst. Das sechsteilige Gewölbe ruht abwechselnd auf glatten oder von Diensten (dünne Viertel- bis Dreiviertelsäulen) umstellten Rundpfeilern. Diese typisch frühgotischen Kirchen behalten grundsätzlich noch den Grundriss größerer romanischer Kirchen bei. Am Außenbau der gotischen Kirchen des 12. Jahrhunderts wird die Westseite durch mächtig aufstrebende Türme betont, deren Zahl nicht festliegt – in Laon waren insgesamt sieben geplant. Die Westfassaden werden weiter durch große Portale gegliedert, in deren tiefen Leibungen stehen architekturgebundene, säulenhaft lange Gestalten (wie die gotische Plastik bis Ende des 13. Jahrhunderts überhaupt der Wand oder der Säule im Rücken bedurfte, auf erhöhtem Postament auch der Baldachine und Konsolen). Auch die Tympana (Giebelfelder über Fenster und Türen), die rahmenden Bogenläufe (Archivolten) und die Gewände (die schrägen, bisweilen gestuften Einschnitte von Türen, Toren und Fenstern in die Mauer) sind, wie in der Romanik, mit Hochreliefplastiken gefüllt. Eine gewisse Nüchternheit des Innenraumes wird durch die Pracht farbiger Glasfenster und durch Fresken gemildert.

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Info 14.12.2017 16:09
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